Historische Anthropologie, Kulturgeschichte und Medientheorie

Ein Beispiel für verlegerische Preispolitik zur Verhinderung wissenschaftlicher Kommunikation, ein Einblick in die Literaturwissenschaft nach der Sozialgeschichte und ein knapper Überblick Richard van Dülmens über ein geschichtswissenschaftliches Konzept

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise


Beginnen wir mit einem kleinen Exkurs über Geld. Das Thema ist in den Sozial- und Kulturwissenschaften fest etabliert. Warum nicht aus gegebenem Anlass auch über die Preispolitik wissenschaftlicher Verlage sprechen? Eines der beiden Bücher, die hier besprochen werden, kostet 276 DM. Dass es hier überhaupt besprochen werden kann, verdankt sich einem persönlichen Glücksfall. Denn bei so hohen Preisen mit entsprechend niedrigen Auflagen ist das Kontingent von Rezensionsexemplaren so klein, dass auch einschlägige Rezensionsorgane kaum bedient werden.

Der Fall, von dem hier die Rede ist, ist kein Einzelfall. Bei allem Respekt und aller Dankbarkeit gegenüber der hohen Qualität vieler Bücher, die der Max Niemeyer Verlag produziert: Mit solchen Buchpreisen wird er eine Institution zur Verhinderung wissenschaftlicher Kommunikation. Man rechnet mit einer bestimmten Zahl von wissenschaftlichen Bibliotheken, die sich genötigt sehen, das Buch zu kaufen, wie viel es auch koste. Doch deren Anschaffungsetats sind bedrohlich knapp. Vor die Entscheidung gestellt, dieses inhaltlich hochwertige Buch oder fünf andere wichtige Bücher zu erwerben, auf die sonst zu verzichten wäre, würde ich als Bibliothekar nicht zögern. Schon aus Prinzip nicht. Denn dass Preise wissenschaftlicher Bücher auch anders kalkuliert werden können, dafür gibt es immer noch etliche gute Beispiele. Ich plädiere für einen Boykott: Bibliotheken sollten solche Bücher nicht kaufen, wissenschaftliche Autoren sollten sie gar nicht erst ermöglichen.

Nach der Sozialgeschichte

Obwohl es sich um eine Art Festschrift handelt, hat dieses Buch eine größere Öffentlichkeit verdient. Schon die Namen vieler Beiträger stehen für bestes Niveau. Der Band insgesamt verdankt sich runden Geburtstagen des ehemaligen DFG-Präsidenten Wolfgang Frühwald und des renommierten Literaturwissenschaftlers Georg Jäger. Beide waren Mitglieder der "Münchner Forschergruppe für Sozialgeschichte der deutschen Literatur", beide sind Mitherausgeber eines der wichtigsten und besten Periodika der jüngeren Literaturwissenschaft: des Internationalen Archivs für Sozialgeschichte der Literatur (IASL), beide haben die Geschichte ihres Fachs in den letzten Jahrzehnten mit geprägt. Der ihnen gewidmete Band ist eine Bestandsaufnahme jener sozialgeschichtlichen Forschungspraktiken und Theoriekonzepte, die in den siebziger und frühen achtziger Jahren nicht nur für die Literatur-, sondern auch für die Geschichtswissenschaften profilbildend wurden.

Damit ist es, so suggeriert der Titel des Bandes, vorbei. Das Projekt "gilt allgemein als erschöpft", konstatieren die Herausgeber Martin Huber und Gerhard Lauer in ihrer instruktiven Einleitung. Das Konzept und die mit ihm verbundene Praxis sei "aus dem Fokus der Fachdiskussion herausgerückt". Der Untertitel signalisiert, unter welchen Begriffen diese Diskussion heute geführt wird: "Konzepte für eine Literaturwissenschaft zwischen Historischer Anthropologie, Kulturgeschichte und Medientheorie". Dazu gehören international debattierte Theoriemodelle wie Diskursanalyse, Dekonstruktion, New Historicism, Cultural Studies, Postcolonial Studies oder die ethnographisch "dichte Beschreibung". Doch diese haben das Konzept der Sozialgeschichte fast gänzlich ignoriert. Es scheint eine deutschsprachige oder vielleicht auch nur bundesrepublikanische Angelegenheit gewesen zu sein. Sie ist, so eine von den Herausgebern vage angedeutete These, im Zuge der entschiedenen Westbindung dieser Republik historisch geworden.

Das Buch legt damit die Sozialgeschichte jedoch nicht ad acta. Es unternimmt eine Gratwanderung zwischen dem Abgesang auf ein Sozialgeschichte, die der Vergangenheit angehört, und dem Programm einer "Neuen Sozialgeschichte", die die Herausforderungen gegenwärtig dominanter Theoriebildungen aufnimmt und sie in ein erweitertes Konzept integriert. Nach dem Vorbild der Geschichtswissenschaften, in denen die Diskussion um die Differenzen und Affinitäten zwischen Sozial- und Kulturgeschichte weit intensiver geführt werden als in der Literaturwissenschaft (ein Pendant etwa zu dem streitbaren Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler hat die Literaturwissenschaft nicht), plädieren die Herausgeber und etliche andere Autoren des Bandes für offensive Selbstbehauptung, Weiterentwicklung und Erneuerung der Sozialgeschichte.

Jörg Schönert etwa entwirft ein interdisziplinäres und integratives Forschungsprogramm, das Sozial- und Symbolsysteme, psychisch-mentale Systeme und medientechnische Systeme aufeinander bezieht. Kulturwissenschaft erhält in diesem Programm den Stellenwert einer integrativen Disziplin für jene Wissenschaften, die sich mit Symbolsystemen befassen. Claus-Michael Ort fragt nach dem historischen Geltungsbereich systemtheoretischer Modelle, die sich sowohl bei Parsons als auch bei Luhmann primär auf moderne, funktional ausdifferenzierte Gesellschaften beziehen und daher für die Sozialgeschichtsschreibung etwa der Barockliteratur kaum brauchbar sind. Die Frage stellt sich erst Recht für die Mediävistik. Ursula Peters und Jan-Dirk Müller verweisen darauf, dass diese schon längst Kulturwissenschaften betrieben haben, bevor die literaturwissenschaftlichen Debatten sie zum Programm gemacht haben. In seinem vorzüglichen Beitrag - einem der wenigen übrigens, der auch Problemstellungen der gender studies einbezieht - stellt Müller, gegen den Mangel an historischem Bewusstein in so manchem Theoriekonzept gerichtet, die noch grundsätzlichere Frage, ob und in welcher Form der Gegenstand der Literaturwissenschaft, also die Literatur, "in fremden kulturellen Zusammenhängen überhaupt existiert." So wie er im Mittelalter existierte, wird er jedenfalls, wie er am Beispiel des Maere aufzeigt, von vielen, an der Autonomie-Ästhetik der Moderne orientierten Text-Theorien verfehlt. Den historischen Status unterschiedlicher Texttypen zu rekonstruieren, darin sieht Müller eine genuine Aufgabe der Literaturwissenschaft, mit der sie nicht in der Kulturwissenschaft aufgeht, sondern in ihr einen wohldefinierten Ort erhält.

Wie mit medientheoretisch geschärftem Blick vertraute historische Gegenstände neu und erhellend perspektiviert werden können, zeigt der Beitrag von Wilhelm Vosskamp am Beispiel der (intermedialen) Emblematik oder der von York-Gothart Mix am Beispiel von Hebels Kalendergeschichte "Unverhofftes Wiedersehen". Die beiden Aufsätze seien stellvertretend für zahlreiche Anregungen angeführt, die dem Band insgesamt zu entnehmen sind. Das Corpus soziologischer und kulturwissenschaftlicher Theorie-Texte, auf das hier zurückgegriffen wird, ist allerdings relativ schmal. Es gibt einige wenige kanonisierte Autoren, die man sich angeeignet hat: Was die Soziologie angeht, so sind das allen voran die Systemtheoretiker Talcott Parsons und vor allem Niklas Luhmann, daneben auch Pierre Bourdieu. Hohes Prestige genießt weiterhin Foucault, in die deutschsprachigen Diskurse gut eingeführt sind, so zeigt dieser Band, mittlerweile auch Stephen Greenblatt und Clifford Geertz.

Das Anregungspotential, das der Sozialhistoriker Wehler den Kulturtheorien Max Webers entnimmt, wird dagegen von Literaturwissenschaftlern kaum eingehender aufgegriffen. Und was die kulturelle Wende in der jüngeren Soziologie dem amerikanischen (Neo-)Pragmatismus oder der deutschen Sozialphänomenologie und Hermeneutik verdankt, hat in diesem Band kaum Spuren hinterlassen. George Herbert Mead oder Alfred Schütz, Richard Rorty oder Charles Taylor werden namentlich überhaupt nicht genannt, die deutschen Soziologen Ulrich Beck, Gerhard Schulze oder Richard Münch ebenfalls nicht, Jürgen Habermas nur beiläufig. Dass Michael Böhler in dem Band auf Anthony Giddens rekurriert und mit seiner modernisierungstheoretischen Unterstützung einen "Neuansatz sozialgeschichtlicher Regionalliteratur- und Kulturraumforschung" entwirft, ist da schon eine Überraschung.

Der immer wieder erklärte Wille zur Inter- und Transdisziplinarität hat in den literaturwissenschaftlichen Diskurspraktiken doch seine recht eng gesteckten Systemgrenzen, die wenig durchlässig gegenüber den 'Umwelten' anderer Disziplinen sind. Die Brückenschläge zu den Naturwissenschaften scheinen noch schwieriger zu sein. Zwar hat die Wissenschaftsgeschichte, auch die der Naturwissenschaften, in den historischen Rekonstruktionen kulturellen Wissens inzwischen ihren festen Platz (hier etwa in dem Beitrag von Michael Ansel über die Naturwissenschaften im Werk Gottfried Benns oder in dem von Friedrich Vollhardt über den Mathematiker Felix Hausdorff), doch Versuche, bei der eigenen Theoriebildung das Wissen etwa der gegenwärtigen Biologie oder der Neuro- und Kognitionspsychologie zu adaptieren, stoßen auf jene Barrieren zwischen zwei, wenn nicht mehr Wissenschaftskulturen, die trotz anderslautender Postulate nach wie vor weitgehend getrennt voneinander existieren.

Für diesen Band hat man sich einige Vertreter anderer Disziplinen gleichsam 'ausgeliehen'. Der omnipräsente Gerhard Roth schreibt über "Hirnforschung als Geisteswissenschaft", die Mitarbeiterin des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie Christa Sütterlin über "Ethologische Aspekte der ästhetischen Wahrnehmung und Kunst". Die Mitarbeiterin des Humanwissenschaftlichen Zentrums in München Eva Ruhnau überrascht in ihrem Beitrag über "Zeit und Bewußtsein" mit der kühnen, von Ernst Pöppel übernommenen These, dass die Dauer einer gesprochenen Gedichtzeile in allen Sprachen etwa drei Sekunden dauere. Sie sei, aufgrund einer physiologisch bedingten "zeitlichen Syntax des Gehirns", eine "anthropologische Konstante". Da möchte man der Anwendung naturwissenschaftliche Hirnforschung auf die Ästhetik dringend eine literaturwissenschaftliche Beratung empfehlen. Dass Literaturwissenschaft ihrerseits von der Naturwissenschaft profitieren kann, darauf verweist Ruhnaus kurze Skizze zum gegenwärtigen Stellenwert der Physik und Biologie: "In den Naturwissenschaften ist heute vielfach davon die Rede, daß die Physik als dominante Wissenschaft abgelöst wird von der neuen Leitwissenschaft Biologie. Speziell sind es die Neurowissenschaften, in denen die brisanten Fragen gestellt werden; die Fragen nach dem Bewußtsein, nach dem Ich- oder Selbstgefühl. Das heißt, die Wissenschaft von der Materie, der erkannten objektiven Welt, wird abgelöst von der Wissenschaft, die sich auf den Erkennenden selbst richtet." Die Fragen, die hier gestellt werden, sind auch die der heutigen Kulturwissenschaften.

Diese drei Beiträge, denen ein kulturwissenschaftlicher von Aleida Assmann zur Gedächtnisforschung vorangestellt ist, stehen in dem Band unter dem Stichwort "Anthropologie". Sie bildet in der Tat heute die humanwissenschaftliche Schnittstelle zwischen natur- und kulturwissenschaftlichen Diskursen.

Historische Anthropologie

Martin Huber und Gerhard Lauer fordern in der Einleitung zu dem Band entschieden eine forcierte Öffnung der Literaturwissenschaft gegenüber den Humanwissenschaften. Es gebe keinen Grund, "warum eine Disziplin wie die Literaturwissenschaft Forschungsergebnisse der empirischen Psychologie, der Wahrnehmungs- und Entwicklungspsychologie oder der Neurowissenschaften nicht aufnehmen, und wo es sinnvoll ist, integrieren soll." Gerade auch bei Fragen nach dem Prozess des Lesens, nach dem emotiven Umgang mit Literatur, nach kreativen Prozessen des Schreibens, der neurologischen Verarbeitung von Metaphern, nach ethologischen Formen von Rollenspielen sei "der kulturellen wie biologischen Zweistämmigkeit des Menschen" Rechnung zu tragen. Aleida Assmann hatte 1997 in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft herausgegebenen Band "Perspektiven der Forschung und ihrer Förderung" unter dem Titel "Historische Anthropologie" ein Programm skizziert, auf das die Herausgeber sich hier berufen. Zu fragen sei unter historisch-anthropologischer Perspektive nicht mehr nach "unvergänglichen Mustern (nach Natur-in-Kultur), sondern nach spezifischen Weisen der Zurichtung, Disziplinierung und technischen Implementierung des Körpers (nach Kultur-in-Natur)". Zu erarbeiten sei nicht Wissen vom Menschen schlechthin, sondern von Menschen "in der besonderen Ausprägung ihrer sozialen und historischen Umwelt".

Fragestellungen und Gegenstandsbereiche der historischen Anthropologie sind, gelegentlich unter der Bezeichnung "Kulturanthropologie", in dem Band auch da tangiert, wo die Beiträge unter anderen Kapitelüberschriften stehen. Etwa wenn Ursula Peters die Winterlieder Neidharts in die Kontexte volkskulturellen Wissens über Sexualität, Körperlichkeit und bäuerlichen Alltag stellt, wenn Hans-Edwin Friedrich im Rückgriff auch auf Luhmanns "Liebe als Passion" den Liebeskonzepten im 18. Jahrhundert nachgeht oder wenn Bernhard Jahn die Physiognomik in der Weimarer Republik und im Dritten Reich untersucht.

Ziemlich unerwartet, doch sehr nachdrücklich setzt sich die anthropologische Perspektive in einem Beitrag mit dem technizistisch sterilen Titel "Literatur als Produkt und Medium kultureller Informationsverarbeitung und Kommunikation" durch. Er stammt von Michael Giesecke, der hier an seine früheren Arbeiten zur Mediengeschichte anknüpft. Seine informationstheoretische Perspektive bekommt nun jedoch Literatur als einen "Spezialfall individueller menschlicher Informationsverarbeitung" in den Blick und erschließt dabei Gesichtspunkte, die von der Sozialgeschichtsschreibung wie von Text- und Medientheorien der letzten Jahrzehnte weitgehend vernachlässigt wurden, denen jedoch der "emotional turn" in der Psychologie, auch der Kognitionspsychologie, seit etlichen Jahren Rechnung trägt: "Literaten und ihre Leser haben die Möglichkeit, neben den höheren Schichten der (linken) Hirnhälfte auch das Gefühl, das Unbewußte und also stammesgeschichtlich ältere psychische Instanzen bei der Informationsgewinnung und -verarbeitung einzusetzen. [...] Kunst und Literatur gehören zu den wenigen Bereichen der Buchkultur, in denen diese emotionalen Ressourcen schon immer entwickelt und gebraucht wurden." Aus Angst, ihren wissenschaftlichen Anspruch zu verlieren, und weil derzeit keine geeigneten Methoden für eine affektive Datenerhebung zur Verfügung zu stehen scheinen, hat die Literaturwissenschaft nach Einschätzung Gieseckes bislang den Anschluss an die interdisziplinäre Emotionsforschung der letzten Jahre verpasst. (Das entspricht ganz der Einschätzung, die in literaturkritik.de seit dem Schwerpunkt der April-Ausgabe 1999 immer wieder artikuliert wurde.)

Emotionsforschung als interdisziplinäres Projekt ist zweifellos einer der genuinen Aufgabenbereiche historischer Kulturanthropologie - einer unter etlichen anderen, an denen sich auch die jüngere Literaturwissenschaft zunehmend und mit Gewinn beteiligt. Allerdings längst nicht in dem Ausmaß wie die Geschichtswissenschaft, obwohl diese dabei von Literarhistorikern einiges gelernt hat.

"Seit einem ZEIT-Interview vom 3. Mai 1996 kündigte der früher DFG Präsident W. Frühwald eine Modernisierung der Kulturwissenschaft auf der Grundlage einer historischen Anthropologie an und versprach ihre Förderung, da 'sie die historischen Wissenschaften mit den ethnologischen und den linguistischen Wissenschaften' verbinde und damit neue wissenschaftliche Perspektiven eröffne." Mit diesem Satz beginnt der in Saarbrücken lehrende Historiker Richard van Dülmen seinen so kompakten wie reichhaltigen Überblick über Entwicklungen, Probleme und Aufgaben der "Historischen Anthropologie".

Das Bändchen zeigt nicht zuletzt, wie rasch und nachhaltig die historische Anthropologie sich institutionalisiert hat. Ein erster Kristallisationspunkt bildete sich schon 1975 am Freiburger "Institut für Historische Anthropologie e.V.". Hier erschienen Sammelbände, deren Themen typisch blieben: "Krankheit, Heilkunst, Heilung" (1978) oder "Kindheit - Jugend - Familie - Gesellschaft" (1986/89). An der Freiburger Universität wird inzwischen ein Studiengang mit den Zweigen "Biologie der Anthropologie" und "Kulturanthropologie/ Historische Anthropologie" angeboten. Eine Konzentration entsprechender Forschungen betrieb später das Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte. Aus der Arbeit ging u.a. der 1984 erschienene Band "Emotionen und materielle Interessen. Sozialanthropologische und historische Beiträge zur Familienforschung" hervor. 1993 wurde auf Initiative van Dülmens, Alf Lüdkes, Hans Medicks und Michael Mitterauers die Zeitschrift "Historische Anthropologie. Kultur - Gesellschaft - Alltag" gegründet. Ebenfalls in den neunziger Jahren entstand an der FU Berlin das "Interdisziplinäre Zentrum für Historische Anthropologie" um Christoph Wulf und Gunter Gebauer. Hier wird seit 1992 die Zeitschrift "Paragrana. Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie" herausgegeben (Zu den Herausgebern gehört auch ein Literaturwissenschaftler, Gert Mattenklott). Und hier erschien 1998 das umfassende Kompendium "Vom Menschen. Handbuch Historische Anthropologie" (vgl. literaturkritik.de 9-1999, https://literaturkritik.de/txt/1999-10-03.html). 1994 bildete sich auf dem Leipziger Historikertag eine eigenständige Sektion zur Historischen Anthropologie". 1995 verlieh das Bundesbildungsministerium sechs jungen Historikerinnen und Historikern den Meier-Leibniz-Preis für Historische Anthropologie.

Einen vergleichbaren Grad an Institutionalisierung haben entsprechende literaturwissenschaftliche Interessenbildungen nicht aufzuweisen. Und deren gleichzeitige Entfaltung ist bislang erst in fragmentarischen Ansätzen beschrieben worden (so von Wolfgang Riedel unter dem Eintrag "Literarische Anthropologie" im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft). Historische Anthropologie kann jedoch ohnehin nicht als Angelegenheit einzelner Fächer beschrieben werden. Es gehört zu ihrer Konstitution, dass sie ein interdisziplinäres Unternehmen ist. Neu an ihr war gerade auch, dass mit ihr, wie van Dülmen konstatiert, "die Abschottung der einzelnen historischen Disziplinen abnahm und der Forschungszusammenhang disziplinär immer weniger festmachbar wird. Die Grenzen zwischen Sozialgeschichte und Ethnologie, Literaturwissenschaft oder Mediengeschichte verschwinden zugunsten problemorientierter Fragestellungen, die das transdisziplinäre Lernen intensivieren."

In der Tat sind alle neun Problemfelder, Motive oder Themen, die van Dülmen jeweils mit luziden Einblicken in neuere Forschungsergebnisse als bevorzugte Interessengebiete der historischen Anthropologie skizziert, seit etlichen Jahren für Historiker, Soziologen, Ethnologen wie auch Literaturwissenschaftler gleichermaßen beliebte Terrains: "Magie - Hexerei", "Protest - Gewalt", "Körper - Sexualität", "Religion - Frömmigkeit", "Haus und Familie", "Individualität - Individualisierung", "Schriftlichkeit - Lektüre - Medien", "Das Eigene und das Fremde", "Frauen - Männer - Geschlechtergeschichte".

Wo Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler sich in jüngeren Jahren von der hartnäckigen und selbstisolierenden Fixierung auf einzelne Autoren, Texte, Gattungen oder Epochen befreien konnten und solchen Problemzusammenhängen zugewendet haben, waren sie fast von selbst zur Inter- und Transdisziplinarität angehalten. Hier konnten sie vom Wissen anderer Disziplinen profitieren, hier vermochten sie umgekehrt anderen Disziplinen wichtige Einsichten zur textuellen Konstitution dieser Forschungsobjekte zu vermitteln. Die von der Literaturwissenschaft zu Tode traktierte Gattungspoetologie und -geschichte, die aufgrund ihrer transindividuellen Perspektivierung auch noch in den Sozialgeschichten der Literatur bis hin zu ihren letzten Hervorbringungen dominierte und in stupider Gleichförmigkeit die Überschriften und Einteilungen der Kapitel bislang noch jede Literaturgeschichte prägte, hatte gewiss ihre Verdienste und förderte Einsichten in Strukturzusammenhänge, auf die sich nach wie vor nicht verzichten lässt. Doch hat sie den Blick auf gattungsübergreifende Fragestellungen, mit denen sich Zeittypisches häufig viel besser erschließen lässt, systematisch versperrt. Wer über den literarischen Umgang mit Liebe, Sexualität, Gesundheit, Krankheit oder Tod forscht, wer den literarisch vermittelten Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit nachgeht, wer sich mit literarischen Modellierungen der Familien- und Geschlechterordnung befasst, wer Veränderungen des Ehr- oder des Schamgefühls, literarische Evokationen der Angst, des Ekels oder der Lust rekonstruiert, muss sich zwar der Eigengesetzlichkeit diverser literarischer Diskursordnungen bewusst bleiben, doch sie ins Zentrum zu stellen und zu isolieren ist kontraproduktiv. Die Geschichte der Liebe ist mit der des Romans so wenig identisch wie die Geschichte des Mitleids oder des Schreckens mit der der Tragödie oder die Lachkultur mit der Komödie. Die private Sphäre der Kleinfamilie ist für das bürgerliche Trauerspiel konstitutiv, doch natürlich auch in Romanen oder Novellen präsent.

Das Beharrungsvermögen tradierter Gewohnheiten zeigt in Titeln und Themen literaturwissenschaftlicher Monographien, Aufsätze, Literaturgeschichten, Lehrveranstaltungsprogrammen und Studienordnungen ein Maß an Einfallslosigkeit, das den beklagten Verlust an öffentlicher Resonanz durchaus verdient. Von der zwanzigsten Einführung in die "Epoche" der Deutsche Klassik, der fünfzigsten Monographie zur Geschichte der Novelle, der Komödie oder der Ballade, dem hundertsten Aufsatz über "Effi Briest" oder dem tausendsten Seminar über Kafka gehen in der Regel kaum neue Impulse aus. Peter von Matts Bücher über den "Liebesverrat" oder über die "Familiendesaster" in der Literatur ("Verkommene Söhne, mißratene Töchter") dagegen waren nicht nur deshalb so resonanzreich, weil der Autor gut schreiben kann, sondern auch aufgrund der Themenwahl. Der Erfolg von Elisabeth Bronfens Habilitationsschrift über Tod, Weiblichkeit und Ästhetik oder die Aufmerksamkeit, mit der die Theorie und Geschichte des Ekels von Winfried Menningshaus bedacht wurde, waren ebenfalls auch thematisch bedingt. Albrecht Koschorkes Studie zur "Heiligen Familie" oder Barbara Vinkens "Die deutsche Mutter" wurden in den Feuilletons unlängst heftig kritisiert, aber sie stießen dort immerhin auf erhebliches Interesse. Die Grenzen der Gattungen, der Medien, einzelner Autorenoeuvres und wissenschaftlicher Disziplinen werden in allen diesen Arbeiten ständig überschritten.

Was Ludger Lütkehaus unlängst in der "Zeit" (17. Mai 2001) der darüber empörten akademischen Philosophie vorwarf, nämlich dass sie vornehmlich mit sich selbst statt mit Fragen beschäftigt ist, die für viele von existentieller Bedeutung sind, trifft ähnlich auch noch weite Teile der literaturwissenschaftlichen Lehr-, Forschungs- und Publikationspraxis. In der Lehrpraxis der Universitätsphilosophie müsse man, so Lütkehaus, "Themen wie Freiheit, Tod, Freitod, Geburt, Gewissen, Mitleid [...] nach wie vor mit der Lupe suchen." In den Literaturwissenschaften ist das kaum anders. Ihr Gegenstand, die Literatur, war schon immer mit solchen Fragen befasst. Auch deshalb wurde sie gelesen. Wo Literaturwissenschaft sie ausklammert, wird sie kaum von anderen als von Literaturwissenschaftlern selbst wahrgenommen. Die Dauerkrise der Literaturwissenschaft wird von dieser selbst gerne auf die Krise der Literatur in der verschärften Medienkonkurrenz zurückgeführt. Doch vielleicht ist das eher eine Ablenkung von den Folgen mangelnder Bereitschaft, sich auf Fragestellungen von größerem öffentlichen Interesse intensiver einzulassen.

"Die anthropologische Wende in der Literaturwissenschaft", wie der Untertitel des von Doris Bachmann-Medick 1996 herausgegebenen Bandes "Kultur als Text" lautet (vgl. literaturkritik.de 9-1999, https://literaturkritik.de/txt/1999-10-03.html), hat da freilich einiges in Bewegung gesetzt. Die Literaturwissenschaftlerin verwendet den Begriff "anthropologisch" synonym mit "ethnologisch". Das wird der interdisziplinären Vielfalt der Interessenbildungen, die das Attribut anthropologisch für sich reklamieren, nicht gerecht. Auch bei Richard van Dülmen lässt sich eine Tendenz beobachten, den von ihm nur vage legitimierten und explizierten Begriff eigenen Forschungsvorlieben und Standpunkten anzugleichen. Wiederholt hebt er die Konzentration der historischen Anthropologie auf die "Frühe Neuzeit" hervor und übersieht dabei vieles, was in den letzten Jahrzehnten ähnlich und gleichermaßen intensiv zu anderen Zeiträumen geforscht wurde. Wenig Interesse zeigt er an Historischer Anthropologie als Schnittstelle zwischen kultur- und naturwissenschaftlichen Fragestellungen sowie an Traditionen der philosophischen Anthropologie. Seinen eigenen Begriff "Anthropologie" rechtfertigt er nur schwach durch ein Konzept, das die Rückkehr des individuellen menschlichen Subjekts in die Geschichtswissenschaft proklamiert.

"Die historische Anthropologie stellt den konkreten Menschen mit seinem Handeln und Denken, Fühlen und Leiden in den Mittelpunkt der historischen Analyse." Von der philosophischen Anthropologie unterscheide sie sich darin, dass "sie nicht nach dem Wesen, dem Allgemeinen des Menschseins in der Geschichte" fragt, sondern die jeweilige Besonderheit und Eigensinnigkeit menschlichen Handelns unter vielseitigen und sich wandelnden historisch-kulturellen Bedingtheiten. Im Unterschied zum historistischen Individualitätsdenken blickt sie nicht vorrangig auf die großen Männer, die Geschichte machen, sondern hebt die Teilhabe aller Menschen an der Geschichte hervor. Im Unterschied zu einer Sozialgeschichte, die nur transindividuelle Strukturen und Prozesse im Blick hat, denen die Subjekte wie Marionetten unterworfen scheinen, betont sie die Spielräume zur eigenwilligen Interpretation und Ausgestaltung vorgefundener Bedingungen, beschreibt den Menschen als "Mitproduzenten von Strukturen".

Das ist ein mögliches Geschichts- und Menschenbild innerhalb verschiedener Konzepte historischer Anthropologie. Man sollte es nicht mit ihr gleichsetzen. Wissenschaftsgeschichtlich bemerkenswert ist es insofern, als hier in Übereinstimmung mit jüngeren sozialwissenschaftlichen Handlungstheorien und Tendenzen pragmatistischer Sozial- und Sprachphilosophie das lange Zeit totgesagte Subjekt seine Wiederauferstehung erlebt.

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Richard van Dülmen: Historische Anthropologie. Entwicklung, Probleme, Aufgaben.
Böhlau Verlag, Köln/ Weimar/ Wien 2000.
135 Seiten, 10,10 EUR.
ISBN-10: 3412117994

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Titelbild

Martin Huber / Gerhard Lauer (Hg.): Nach der Sozialgeschichte. Konzepte für eine Literaturwissenschaft zwischen Historischer Anthropologie, Kulturgeschichte und Medientheorie.
Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2000.
625 Seiten, 138,00 EUR.
ISBN-10: 3484108290

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