Sadomasochistische Beziehung

Jochen Schmidts Romandebüt "Müller haut uns raus"

Von Torsten GellnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Torsten Gellner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Jochen Schmitt eines Tages aus mutmaßlich unruhigen Träumen erwacht, kann er nur noch grinsen. Periphere facialis parese, eine halbseitige Gesichtslähmung, die den jungen, erfolglosen Autor quasi über Nacht übermannt hatte, kann durch so ziemlich alles verursacht werden, etwa durch Stress oder Entspannung. Stress hatte Jochen angesichts seiner gerade in die Brüche gegangenen Beziehung zur Genüge, aber "dann kam die gefürchtete Entspannung nach dem Stress dazu, denn Deutschland verlor gegen Kroatien im WM-Viertelfinale mit 3:0, die höchste Niederlage seit '45".

Jochen Schmidt, Berliner Autor der Friedrichshainer Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten", gibt sich keine große Mühe, den Ich-Erzähler seines Romans "Müller haut uns raus" als Phantasiegestalt zu chiffrieren und nennt seinen Helden einfach "Jochen Schmitt". Dennoch illustriert gleich eine der ersten Szenen, welch verhängnisvolle Folgen eine vorschnelle Gleichsetzung von Romanfiguren mit ihren vermeintlichen realen Vorbildern haben kann. Wenn sich die Freundin des aufstrebenden Autors in dessen Manuskript als "großbusige amerikanische Jüdin" verunglimpft sieht, die noch dazu von einem Leberfleck verziert wird, der eigentlich zu ihrem Meerschweinchen gehört, dann kann das derart missverstandene Werk schon mal zum Fenster raus fliegen.

Nach der seltsamen Krankengeschichte mit dem unfreiwilligen Dauergrinsen setzt Schmitt zu umgreifenden Jugenderinnerungen an. Als begeisterter Heiner Müller-Fan möchte Jochen auch Schriftsteller werden. Doch weiß er nicht so recht, was er überhaupt schreiben soll, und die von seinem "konsequent" lebenden Malerfreund Anselm initiierte, fruchtbar gedachte Konfrontation mit der melancholischen Lyrikerin Judith mündet in einer vierjährigen "sadomasochistischen Beziehung". Dieser erste Teil des Romans, der sich im chaotisch umbrechenden Ostberlin der frühen 90er abspielt, hat seine treffenden, wirklich komischen Partien. Das Scheitern des Autors an seiner eigenen Faulheit - eine Performance zu Kafkas "Strafkolonie" will nicht zu Stande kommen, weil Jochen außer Stande ist, den knappen Text zu lesen - versetzen auch den Leser in einen Zustand des Dauergrinsens.

Jochen zieht es sodann vermehrt in die Fremde, wo er zu finden hofft, was er vermisst, von dem er jedoch nicht weiß, was es eigentlich ist. Erst eine Fahrradtour nach Frankreich, dann die Arbeit auf einem nach anthroposophischen Regeln bewirtschafteten Bauernhof, schließlich ein Studienaufenthalt in Brest. Viele Figuren tauchen auf, Erfahrungen werden gesammelt, Sprachen gelernt, Frauen geliebt. Vor allem jedoch werden die schwammigen Sehnsüchte des unsteten Helden reflektiert. Und hier war unser Held noch nicht in Spanien und New York.

Ab einem gewissen Punkt wirkt Schmidts Prosa dann ähnlich blass wie sein suchender und der Komik willen unendlich naiver Held, insofern verhalten sich Form und Inhalt zueinander durchaus kongruent. Mit Vorliebe beginnen seine Sätze mit hilf- und funktionslos wirkenden Zeitangaben wie "am nächsten Morgen", "später" oder auch raffinierter mit "in den nächsten drei Tagen". Schmidt handelt seine Themen und Alltagsbeobachtungen ab, er gestaltet sie nicht. Jedenfalls versäumt er es, einen angemessenen literarischen Ausdruck für all die kleinen Beobachtungen seines Protagonisten zu finden, die dieser erwähnenswert findet.

Unmotiviertes folgt auf die Nacht mit der Spanierin Lucía: "Mitten in der Nacht wachten wir auf, und sie setzte sich auf meine Knie, um eine Zigarette zu rauchen. Es war so dunkel, dass wir uns nur als Schatten sahen." Darauf: "Am nächsten Tag schafften wir es in letzter Minute zur Mensa ...", und "danach duschte ich im Waschraum...". Ein monotones Stakkato der Belanglosigkeiten, das hin und wieder durch kitschige Reflexionen unterbrochen wird: "Warum gab es keine Sitze für Personen, die unfähig waren, richtig zu lieben? Ob sie jemand benutzen würde?"

Es gibt einen Monty Python-Sketch, der die Rezeptionserfahrung des Schmidtschen Buches recht treffend widerspiegelt. Eine alte Dame zeigt stolz ihre Photosammlung: "This is Uncle Ted in front of the house. This is Unlce Ted at the back of the house. This is Uncle Ted at the side of the house ..." Nichts anderes macht Jochen Schmidt. Er zeigt unendlich viele Bilder aus den Jugendjahren seines Alter Egos, die irgendwie alle das gleiche zeigen und noch dazu mit den immer gleichen Worten kommentiert werden. Mit einem Unterschied: bei Monty Python kommt die Erlösung in Form der Spanischen Inquisition.

Kein Bild

Jochen Schmidt: Müller haut uns raus. Roman.
Verlag C. H. Beck, München 2002.
352 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3406486991

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