In der Sexualhölle der Moderne

Hermann Ungars "Sämtliche Werke" im Igel Verlag

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Hermann Ungar 1929 im Alter von gerade einmal 36 Jahre starb, hinterließ er ein schmales, im wesentlichen innerhalb nur eines Jahrzehnts entstandenes Textkorpus, das viele seiner Zeitgenossen verstört hat. Es sind vor allem seine beiden Romane "Die Verstümmelten" (1922) und "Die Klasse" (1927), mit denen sich der mährisch-jüdische Schriftsteller in die Prager deutsche Literaturgeschichte einschreiben konnte. Beide Texte haben das Bild eines Autors als eines düsteren Chronisten gescheiterter Existenzen geprägt, dessen Sujet in der unbeteiligten Schilderung extremer Figuren und Handlungen liegt, dem es als tabuverletzendem Rebell und aufgrund eigener Versehrungen darum zu tun war, unter der trügerischen Oberfläche bürgerlicher apollinischer Ordnung das untergründige Chaos dionysischer Triebe aufzudecken.

Geboren wurde Ungar im Judenghetto von Boskowitz, einer mährischen Kleinstadt in der Nähe von Brünn. Sein Vater, ein Branntweinfabrikant, legte großen Wert auf eine säkulare Erziehung und war bemüht, den Kontakt der eigenen mit tschechischen Kindern zu verhindern. Die ersten Schuljahre wurde Ungar zunächst vom Vater, später dann von einem jüdischen Privatlehrer unterrichtet. Erst ab September 1905 kam er als regulärer Schüler auf das Zweite deutsche Staats-Gymnasium in Brünn. Bereits Ungars Zeitgenossen sahen in der neurotischen Sexualität seiner Figuren, aber auch in dessen autobiographisch belegtem Selbsthass, der sich in Anfällen neurotischer Hypochondrie oder in einer schmerzlich empfundenen Diskrepanz zwischen Selbstbild und äußerer Erscheinung manifestierte, den Versuch, traumatische Erlebnisse der eigenen Jugend literarisch zu verarbeiten. Auch die zum überwiegenden Teil heftigen antisemitischen Wellen, die die Tschechoslowakei zur Zeit der Jahrhundertwende ergriffen, prägten diese intensive Selbstwahrnehmung. So verbinden sich in Ungars Werk bei den meist dem Kleinbürgertum zugeordneten Figuren fast zwangsläufig antisemitische Einstellung und neurotische Sexualität. Bereits während der Schulzeit interessierte sich Ungar für den Zionismus, er wurde Mitglied der jüdisch-nationalen Mittelschülerverbindungen "Veritas" in Brünn und "Laetitia" in Boskowitz und spielte lange Zeit mit dem Gedanken, nach Palästina auszuwandern. In diese Zeit fallen auch erste schriftstellerische Versuche (Gedichte, historische Dramen), die allerdings verschollen sind.

Nach dem Abitur schrieb sich Ungar im Wintersemester 1911/1912 an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin für das Fach Orientalistik ein, wo er u. a. Hebräisch und Arabisch lernte. Zudem wurde er Mitglied der jüdisch-nationalen Verbindung "Hasmonäa". In dieser Zeit entstand seine lebenslange Freundschaft mit Ludwig Pinner und Gustav Krojanker. Weitere, damals entstandene literarische Arbeiten (impressionistische Romane und Novellen) sind ebenfalls verschollen. Im Sommersemester 1912 nahm Ungar auf Drängen des Vaters ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München auf, das ab Sommersemester 1913 an der deutschen Karl-Ferdinands-Universität in Prag fortgesetzt wurde. In München trat er der jüdischen Studentenverbindung "Jordania", in Prag der "Barissia" bei. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich Ungar freiwillig und wurde in Galizien und Wolhynien verwundet. Als Offizier noch beendete er im November 1917 sein Studium in Prag mit der judiziellen Staatsprüfung und dem rechtshistorischen Rigorosum, dem im März 1918 das staatswissenschaftliche und einen Monat später schließlich das judizielle folgten. Die in diese Zeit zu datierende Arbeit an einem Roman zur jüdischen Thematik bleibt verschollen. In der Hoffnung, ein Leben als Schriftsteller führen zu können, lebte Ungar zeitweise in München, bald fand er sich jedoch als Bankangestellter in Prag wieder und kam 1921 als Attaché der tschechoslowakischen Botschaft nach Berlin. Die beiden Novellen "Ein Mann und eine Magd" und "Geschichte eines Mordes", die Ungar 1920 unter dem Titel "Knaben und Mörder" veröffentlichte, machten ihn, nach den begeisterten Besprechungen von Stefan Zweig und Thomas Mann, berühmt. Mann rühmt die "vom Osten empfangene Kunst", die Fähigkeit, "das seelisch Extreme, Exzentrische, ja Groteske als das eigentlich Menschliche empfinden zu lassen" und die "genaue, abwägende, verantwortliche Art, dies Menschliche zu behandeln." Ende 1922 erschien als zweites Buch Ungars der Prager Roman "Die Verstümmelten", der wohl zu Recht als sein Hauptwerk gilt, von der Kritik hingegen mit erheblicher Irritation aufgenommen wurde. Ende 1920 noch in Prag begonnen, sind hier viele Eindrücke und Erfahrungen aus Ungars Zeit als Bankbeamter der Escompte-Gesellschaft verarbeitet, bei der er von April bis September 1920 angestellt war.

Die eigentliche Autobiographik des Romans liegt vor allem, wie Dieter Sudhoff mit einigem Recht festgestellt hat, in der psychologischen Zeichnung des Protagonisten. Erzähltechnisch verwundert es daher nicht, dass Ungar zunächst in der Ich-Form begann, die seinem existentiellen Schreiben am ehesten entsprach, und erst im Fortgang des Romans zur distanzierten Er-Form wechselte. Thomas Mann spricht von einem "fürchterliche[n] Buch, eine[r] Sexualhölle, voll von Schmutz, Verbrechen und tiefster Melancholie, - eine monomanische Verirrung eines innerlich reinen Künstlertums, von dem man hoffen darf, daß es zu einer minder einseitig-unfreien Anschauung und Gestaltung von Leben und Menschlichkeit heranreifen wird". Kurt Pinthus sieht in dem Roman ein "grausiges und peinigendes Buch", "denn wir fühlen, diese grausamen Geschehnisse sind mehr als einmalige unterhaltende Erzählungen, sondern Symbol für das Leid der Menschen unserer Zeit". Das Streben nach "letzter Unbestimmbarkeit", aus der Überzeugung heraus, dass es keine allgemein gültige Wahrheit gebe und der Mensch unfähig sei, sich auch nur selbst bis auf den Grund zu begreifen, veranlasste Ungar dazu, den Roman offen, mit der Katastrophe enden zu lassen und ein ursprünglich vorgesehenes Schlusskapitel, das eindeutig Täter und Opfer identifizieren sollte, zu streichen. Nach Ansicht Sudhoffs liegt die Bedeutung des Romans "gerade in der jede Zufälligkeit und Konstruktion meidenden Folgerichtigkeit, mit der den versehrten Menschen hier ihr Schicksal zuwächst. Neben der strukturierenden Kausalität sind es vor allem die lückenlose Psychologie, der zum schrecklichen Inhalt kontrastierende und ihn beglaubigende Stil, die zwingende Atmosphäre und der Mut zum Extrem, die Ungars Roman zu einem der wesentlichsten in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts machen."

Anlass zu weit reichenden Debatten bot auch Ungars 1927 erschienener Roman "Die Klasse", zugleich seine letzte große Prosaarbeit. Gegenstand der Spekulation war hier der jüdische Selbsthass des Autors. Der Protagonist Joseph Blau verstrickt sich zusehends in ein Netz von Wahnvorstellungen, die ihn den Hilfeschrei eines Schülers als Angriff missverstehen und ihn zum zeitweiligen Opfer eines ihm wirklich feindlich gesinnten Gegenspielers werden lassen. Ihn verzehrt schließlich die Vorstellung einer Schuld, die er sühnen muss, deren Grund er aber nicht kennt. Ähnlich wie Theodor Lessing findet Ungar Gefallen an seinen sich selbst hassenden Helden, denn sie würden eher ihr Judentum als weltumspannende dämonische Macht ansehen, die es zu vernichten gilt, als sich von ihrem Erwählten-Status lossagen.

Die geringe Resonanz, die Ungar mit seinen Romanen und Erzählungen vom Publikum erfuhr, verleitete ihn dazu, sich dem Drama zuzuwenden. Ungars einziges zu Lebzeiten aufgeführtes Schauspiel, "Der rote General", wurde im September 1928 mit Fritz Kortner in Berlin uraufgeführt. Das Stück, in dem es um das Problem Judentum und Bolschewismus geht, wurde als Revolutionsstück rezipiert und die Protagonisten in Beziehung zu ihren angeblichen Vorbildern Trotzki/Rathenau und Stalin gesetzt. Als Revolutionsdrama wurde es jedoch sowohl von linker als auch von rechter Seite abgelehnt. Max Brod hingegen erkannte, dass es nur vordergründig um die Revolution, eigentlich aber um das "dunkle Judenschicksal" gehe. Trotz des großen Publikumserfolgs, avancierte "Der rote General" doch neben Brechts "Dreigroschenoper" zum Höhepunkt der Theatersaison, war Ungar durch die zwiespältige Aufnahme des Stücks beunruhigt. Sie verstärkte seine seit längerer Zeit schwelende Schaffenskrise. Als Ungar 1927 befördert und nach Prag versetzt wurde, zog er sich zeitweise völlig vom gesellschaftlichen Leben zurück und schrieb nur noch selten. Seine Gesundheit war durch einen Autounfall, durch neurasthenische Anfälle, Depressionen und Blinddarmreizungen so sehr erschüttert, dass man ihm bald einen lang andauernden Urlaub gewähren musste. 1929 schließlich starb Ungar infolge eines zu spät behandelten Blinddarmdurchbruchs. Zur unmittelbaren Tragik im Leben Ungars gehört der Umstand, dass es ihm lange Jahre nicht gelang, sich aus der Sphäre der verhassten Bürgerlichkeit zu befreien und das eigene Ich zu stärken. Und als er sich dann schließlich dazu durchrang, seine gesicherte Beamtenexistenz aufzugeben, blieb ihm nur noch der Tod. Nur in der literarischen Phantasie, unter der Oberfläche seiner Texte, ließ sich diese Rebellion, diese Flucht aus den Zwängen der Gesellschaft ausleben. In Ungars autobiographischen Schriften, den Aufzeichnungen und Briefen, ist dieser Konflikt ein immer wiederkehrendes Thema; auch das Nachlass- "Fragment" kann als Folge einer tiefen Identitätskrise gelesen werden. Posthum erschien Ende 1930 im Rowohlt Verlag noch ein schmaler Band mit Erzählungen und Skizzen, "Colberts Reise", der neben der Titelnovelle und einigen bis dahin nur verstreut publizierten Texten auch Nachlassmaterial enthielt. Trotz eines Vorworts von Thomas Mann blieb diese Anthologie genauso unbeachtet, wie viele andere Arbeiten Ungars vorher.

Erst in neuerer Zeit scheint sich eine Besinnung auf Hermann Ungar anzudeuten, im Rahmen eines allgemein erwachten Interesses für die geistigen und künstlerischen Leistungen der Prager deutschen Literatur im Schatten Kafkas, aus dem inzwischen auch die Texte anderer Autoren wie Ernst Weiß, Ludwig Winder oder Paul Leppin getreten sind. Dazu beigetragen haben dürfte neben der umfangreichen Monographie von Dieter Sudhoff ("Hermann Ungar. Leben - Werk - Wirkung". Würzburg 1990) vor allem die ebenfalls von Sudhoff veranstaltete Ausgabe der Werke Hermann Ungars im Igel-Verlag, die eigentlich längst überfällig war, über Jahre hinweg jedoch durch die schwierige rechtliche Situation verhindert wurde. Sie bietet in zuverlässiger Textgestalt und, kritisch kommentiert, sämtliche überlieferten Werke des Dichters (Bände 1 und 2) und eine Auswahl seiner Briefe (Band 3). Der dritte und letzte Band zeigt den Autor zudem von einer fast unbekannten Seite, als genauen und vehementen Zeit- und Kulturkritiker, mit einem sicheren Gespür für soziales Unrecht und künstlerische Qualität. Von exemplarischer Bedeutung ist hier die einfühlsame graphologisch-psychologische Studie über den als "Meister" verehrten und titulierten Thomas Mann, mit dem er sich in der Idee kreativer Visionen verbunden fühlte. Ungar entdeckt, "wie von dieser Welt der Dichter Thomas Mann ist, wie er kein 'Erfinder' ist, sondern einer von den Großen, bei denen zuerst das Gesicht ist und dann der Kampf um dieses Gesicht, die sinnliche Anschauung in die mittelbare des Gedichts zu verwandeln. Nicht aus dem Wort fließt sein Werk, sondern aus der Vision."

Komplettiert wird die glänzende und Bahn brechende Edition durch eine umfassende Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur. Es ist dem Herausgeber und seiner kenntnisreichen und engagierten Arbeit zu danken, dass einer der bedeutendsten Vertreter einer exemplarischen "littérature mineure" (Deleuze/Guattari), der Prager deutschen Literatur, aus der Vergessenheit befreit wurde. Zu entdecken sind in den Texten die Abgründe menschlicher Existenz, die Kafka einmal als Sackgassen definierte, die den Prager Juden den Zugang zum Schreiben versperrten und ihre Literatur "von allen Seiten unmöglich" machten: Sie lebten zwischen "der Unmöglichkeit, nicht zu schreiben, der Unmöglichkeit, deutsch zu schreiben, und der Unmöglichkeit, anders zu schreiben". Auch in den Texten Ungars gibt die Sprache ihr repräsentatives Dasein auf, um sich bis an ihre Extreme, ihre äußersten Grenzen zu spannen. Die Fluchtlinien der Sprache Ungars kulminieren im Schweigen, im Abgebrochenen und im Nichtaufhörenkönnen. Diese Unvereinbarkeit zwischen äußerem und innerem Sein hat Ungar zu extremen Werken getrieben, in denen er ohne Angst, tradierte Tabus zu verletzten, Ordnung und Form als Masken entlarvt, die nur äußerst notdürftig das Ursprüngliche im Menschen, das Dionysisch-Chaotische, verdecken.

Titelbild

Hermann Ungar: Sämtliche Werke in drei Bänden. 1. Romane.
Herausgegeben von Dieter Sudhoff.
Igel Verlag, Oldenburg 2001.
352 Seiten, 21,00 EUR.
ISBN-10: 3896211242

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Titelbild

Hermann Ungar: Sämtliche Werke in drei Bänden. 2. Erzählungen.
Herausgegeben von Dieter Sudhoff.
Igel Verlag, Oldenburg 2002.
266 Seiten, 21,00 EUR.
ISBN-10: 3896211250

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Titelbild

Hermann Ungar: Sämtliche Werke in drei Bänden. 3. Gedichte, Dramen, Feuilletons, Briefe.
Herausgegeben von Dieter Sudhoff.
Igel Verlag, Oldenburg 2002.
472 Seiten, 21,00 EUR.
ISBN-10: 3896211269

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