Scherz und Schmerz

George Taboris "Mein Kampf" als Hörspiel

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

George Taboris subversives Verwirr-Spiel "Mein Kampf" spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zu einer Zeit vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In einem Männerwohnheim in der Wiener "Blutgasse" mietet sich der junge Künstler Adolf Hitler ein, der seine Studien an der Wiener Kunstakademie zu verfeinern sucht. Er trifft dort auf den jüdischen Buchhändler Schlomo Herzl, der sich mütterlich sorgend um den unerfahrenen Provinzler zu kümmern beginnt. Er wird zum Schöpfer seiner charakteristischen Barttracht und unterrichtet ihn in demagogischen Kunstgriffen: "[V]ergiß Schlomo, EINEN Juden, sprich nur von DEN Juden, und du wirst ein König sein, der über eine Decke von Gebeinen schreitet." Im weiteren Verlauf der mitunter grotesken Handlung wird Herzl das erste Opfer des sich allmählich ausprägenden Antisemitismus Hitlers, der "als Täter, als Sensenknabe, als Würgeengel - ein Naturtalent" ist, weshalb "Frau Tod" mit ihm eine unheilige Allianz schließt. Im letzten der insgesamt fünf Akte vermittelt Hitler eine Vorahnung von den Auswirkungen seines nunmehr geschulten "Talents", indem sein Freund Himmlischst und "sieben Tiroler Lederdeppen" das Kellerasyl in der braunen Farbe ihrer 'Bewegung' tünchen. Hitler, "entschlossen, die Welt zu retten", macht Jagd auf ein Buchmanuskript von Herzl, in dem er rufschädigende Passagen vermutet. Schließlich verdeutlicht er mit kaum zu überbietender Perfidie, dass er nicht allein das Buch als Archiv von Erinnerungen zu vernichten gewillt ist, sondern auch das Judentum in seiner Gesamtheit. Dieser Versuch, das Gedächtnis der Welt in Gestalt des Judentums auszulöschen, gleicht einem Mnemozid, einem Gedächtnismord.

"Mein Kampf" beschäftigt sich in komödienhafter Form mit dem Trauma der Shoah. Das von einer Fülle an Bezügen, Anspielungen, Symbolen und Zitaten durchzogene, von Tabori abwechselnd als "Farce" und als Liebesgeschichte ("in dem Sinn, wie man es in Hollywood versteht: A Great Love Story - Hitler and His Jew") bezeichnete Stück ist eine Variation über Taboris Lebensthema, dem man auch in anderen Texten des Autors begegnet: die Auseinandersetzung mit dem, was er den "Fluch, seinen Feind zu verstehen", genannt hat. Dabei wird Hitler interessanter Weise keineswegs als blutrünstiger Dämon, sondern im Gegenteil als unsympathischer, aber nicht durchweg abstoßender Wirrkopf dargestellt. An Brecht und Chaplin anknüpfend, entwickelte Tabori in "Mein Kampf" eine Hitler-Figur als komischen Charakter und reagierte damit expressis verbis auch auf kritische Reflexionen Theodor W. Adornos über den mehr oder weniger latenten "Spaß am Faschismus". Dabei hat Tabori nach eigener Auskunft das Hölderlin-Distichon "Die Scherzhaften", das seinem Stück als Motto vorangestellt ist, bei Adorno gefunden: "Immer spielt ihr und scherzt? ihr müßt! O Freunde! mir geht dies/ In die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur." Das Zitat verweist bereits auf eine enge Verbindung von Humor und Trauer bzw. Komik und Verzweiflung in Taboris Arbeit. Im gleichen Atemzug rekurriert Tabori auch auf eine Tradition jüdischen Humors, der er sich verpflichtet fühlt. In einem Interview mit Andrea Welker etwa führt er aus: "Die besten Witze kommen von den Juden, und die, die nicht von Juden stammen, sind einfach nicht komisch. [...] Humor hat für mich also nichts mit 'Witze erzählen' zu tun, also das Ironische, das die Deutschen so gut beherrschen und mit Humor verwechseln. Humor ist ein Lebensweg und hat sehr viel mit Toleranz zu tun. Er ist relativierend, und natürlich spielt immer das 'Prinzip Hoffnung' eine Rolle, er ist ein Überlebensweg oder Rettungsweg, manchmal ist er die Heiterkeit der Verzweiflung. [...] [I]m jüdischen Witz ist die Katastrophe verträglicher, damit man sie ertragen kann." Taboris Witz geht subversiv vor. Indem er sich auf Felder erstreckt, die im Allgemeinen als nicht witzfähig gelten, ist ihm die Option zur Tabuverletzung eigen. Er soll irritieren und in eine Falle locken: Das Lachen soll dem Lachenden im wahrsten Sinne des Wortes 'im Halse stecken bleiben'. Gleichwohl schließt Taboris Witz auch niedere Formen des Humors wie den Kalauer oder die Zote mit ein und bewegt sich an den Grenzen der ästhetischen Geschmacklosigkeit. Tabori betonte aber stets, dass die Funktion des Witzes in seinen Stücken damit zu tun habe, unversehens zu einer Konfrontation mit dem Schrecklichen zu gelangen: "Irgendwann in diesen Stücken hört der Scherz auf. Ich glaube, wenn ein Witz oder das Komödiantische nicht als Inhalt etwas Todernstes hat, dann funktioniert er nicht für mich." Das lässt sich selbstredend auch auf "Mein Kampf" beziehen, ein Stück, das davon bestimmt ist, der Shoah nicht durch eine primär tragische Form theatrale Gestalt zu geben, sondern sich der angesprochenen Dialektik des Witzes zu bedienen: "Daß in meinen Witzen ein kleiner Holocaust steckt, hat auf dem Theater Sinn: Durch die Verbindung von Scherz und Schmerz wird das Tragische nicht triefend." Tabori spricht dem Lachen somit einen kathartischen Effekt auch und gerade bei der Auseinandersetzung mit der Shoah zu.

Der Witz in Taboris "Mein Kampf" konstituiert sich durch die unterschiedlichsten Facetten jüdischen Witzes, der den einstigen Humor des osteuropäischen 'Stetls' ebenso umfasst wie die Komik eines Woody Allen oder die talmudische Vorliebe für das Wortspiel. Dies wird besonders augen- und ohrenfällig in dem Verhältnis von Herzl und Hitler. Thomas Mann meinte 1939 in seiner sehr scharfsinnigen Auseinandersetzung mit "Bruder Hitler", "das Sich-wieder-Erkennen, die Bereitschaft zur Selbstvereinigung mit dem Hassenswerten" sei "besser, aufrichtiger, heiterer und produktiver als der Haß". Im gleichen Sinn behauptet Tabori in einem Interview, man könne "einen Hitler nur bewältigen, wenn man diese Züge in sich erkennen läßt". Auch Schlomo Herzl muss seinen Nachbarn Hitler in gewisser Weise 'bewältigen', stellt dieser doch große Anforderungen an Herzls Geduld, nutzt ihn aus und lässt sich von ihm umsorgen, ohne ihm auch nur ein einzige Mal dafür seine Dankbarkeit zu erweisen. Nur einmal sagt er, das spätere Wüten antizipierend: "Jude, ich schätze deine Handreichungen. Wenn meine Zeit gekommen ist, werde ich dich angemessen entlohnen." Dennoch versucht Herzl auf vielfache Weise, die Differenz zwischen sich und Hitler herunterzuspielen, Gemeinsamkeiten ausfindig zu machen und den "Bruder" in Hitler zu finden. "Ich beschneide ihn besser", schlägt er etwa angesichts von Hitlers ungepflegtem Schnauzbart vor. Auf diese Weise wird der 'beschnittene' Hitler im geistreichen Wortspiel zum Träger eines jüdischen Zeichens.

Gleichzeitig brechen sich Hitlers antisemitische Ressentiments immer stärker Bahn. Als Herzl sein künstlerisches Talent anzweifelt, erregt sich dieser: "Verräter! Dolch in meinem Rücken! Weltweite Verschwörung der Ahnen Zions!" Auf dem Rückweg von der Kunstakademie, wo er abgelehnt wurde, sei Hitler ins Kaffeehaus gegangen, "und da habe ich sie gesehen, diese Shylocks, schwarze Pestvögel in schmierigen Pelzen und Kaftanen, keine Freunde von Wasser und Seife, ihren Achselhöhlen entströmte ein Gestank dampfender Wollust, während sie ein christliches Baby-Schnitzel hinunterschlangen". Später beschimpft er Herzl persönlich: "Du ewiger Blutegel am gesunden Volkskörper! Aus dem Dunst und Nebel deiner Phrasen erhebt sich grinsend die Fratze des Judentums. Deine Mütterlichkeit ist wie der Mist, der ja auch nicht aus Liebe aufs Feld gestreut wird." Bereits Jan Strümpel hat überzeugend nachgewiesen, dass Taboris Stück im Kontext einer gleichsam "talmudischen Erzählstruktur" zu interpretieren sei. Schon im ersten Akt etwa scheitert Hitlers Verstand an einem Beispiel talmudischen Witzes. Noch irritiert von Herzls luzider Herleitung der verwandtschaftlichen Beziehung und damit von seinem angeblichen Judentum (von Zwi ben Abraham Löw über Ben, den Schüttler, zu Shitler und Hitler), versucht Hitler mit den Worten "Dies also ist Wien" dem Gespräch eine neue Richtung zu geben, und Herzl antwortet darauf: "Nein, aber Talmud." Dieses Wortspiel bereits markiert untergründig das talmudische Prinzip in Taboris Stück, das für eine ausgeprägt vielschichtige Kultur der Kommunikation und Toleranz steht. Jüdischer Diskurs ist "nicht Orthodoxie, sondern Orthopraxie", er setzt keine ewigen Wahrheiten, sondern ist praktizierte Denkschule.

Auf Tora und Talmud geht die Konstituierung und Tradierung jüdischen Selbstverständnisses zurück. Dem Buch kommt dadurch die Bedeutung eines Archivs identitätsstiftender Diskursivität einer über Jahrhunderte hinweg gewachsenen Kultur zu. Genau dies bereitet Hitler in Taboris Stück Kopfzerbrechen. Denn er weiß, dass Schlomo Herzl an seinen "Memoiren" arbeitet, einem Buch, das zum Archiv auch der Hitlerschen Unfähigkeit werden könnte. Herzl spricht mehrfach von der Notwendigkeit, sich zu erinnern und die Erinnerung durch ihre Niederschrift aufzubewahren und zu überliefern. Zugleich bedenkt er die Gefahr, der das Buch ausgesetzt ist. Die Furcht vor einer Gefährdung des Überlieferten ist berechtigt, zumal Herzl von Hitler bereits im zweiten Akt gewarnt wird: "Wenn du auch nur ein einziges Wort unserer vertraulichen Unterredung in dein Buch schreibst, spreche ich nie wieder mit dir, wenn ich deine Asche in alle vier Winde streue." Herzls Buch erhält von Anfang an eine Bedeutung, die über das Sammeln von Geschichten hinausgeht. Es wird zum Archiv für ein Wissen, das, schriftlich niedergelegt, in die Struktur kollektiven Erinnerns integriert zu werden und damit präsent zu bleiben hofft. Obwohl es bereits ein Buch gebe, in dem alles geschrieben stehe - die Tora -, müsse Herzl doch sein "eigenes Buch schreiben, um das Böse aus meinem Herzen zu vertreiben, diesen Schatten, der auf meine Schwelle fällt". Der Hass Hitlers auf das Judentum und sein kulturelles Gedächtnis, der in Taboris Stück mehrere Entwicklungsphasen durchläuft, nährt sich wesentlich aus einer Hilflosigkeit gegenüber dessen geistiger Wendigkeit und Intellektualität. Sie ist symbolisiert durch Herzl, der immer wieder subtile Synthesen zwischen Judentum und Christentum, Juden und Nichtjuden herstellt, gegen die sich Hitler in seinem primitiven Kategorisierungswahn schließlich nur mit brutaler Gewalt zur Wehr setzen kann. Schließlich verfolgt Hitler in "Mein Kampf" nichts anderes als einen "Mnemozid" bei dem Versuch, in den Besitz von Herzl Buch zu gelangen, und als ihm dies nicht die erhoffte Kontrolle über das Wissen bringt, bedrohen er und seine braunen Schergen Herzl selbst mit dem Tod. Dass der Buchtitel "Mein Kampf" bei Tabori die Erfindung eines Juden ist, dass der Obdachlose, der sich von einem Juden die Füße waschen lässt, Hitler heißt, bedeutet jedoch nicht, dass Tabori Hitler sakralisiert und sein Buch den Juden unterschiebt. Zwischen der Bühnenfigur und der historischen Gestalt oszilliert aber dennoch eine Assoziationskette, deren psychische Resonanz an die Gefühle beim Beobachten eines Raubtieres hinter Gittern denken lässt: die gebändigte Bestie.

Tabori ist mit seiner Farce das große Kunststück gelungen, den Täter und das Opfer miteinander zu versöhnen, indem sie gezeigt werden, bevor sie zu diesen wurden: Täter und Opfer als traumatische Einheit, die das Theater als Zeitmaschine möglich macht. "Schlomo und Hitler", betonte Tabori einmal, "sind Teile von einem Traum, eine Art directed dream. Sie besitzen ihre Autonomie und tauschen die Rollen. Man hat so viele Ichs in sich, so viele Figuren, es ist das große Welttheater, jedes Leben." Angesichts der Verhältnisse bleibt die Versöhnung zwischen Täter und Opfer als realpolitische Kategorie zwar bis auf weiteres eine Utopie, aber ihr Ort kann das Theater sein, mit Tabori als großem Zeremonienmeister. Hitler im Obdachlosenheim, gemeinsam mit den Juden Schlomo Herzl und Lobkowitz: die biographische Vorgeschichte zum industriell exekutierten Genozid und Mnemozid als großes Welttheater? - Nein, aber als Farce allemal, die sogar noch subtiler wirkt, wenn man sie zu hören bekommt. Wer könnte schließlich besser geeignet sein, dem jüdischen Buchhändler Herzl seine Stimme zu leihen, als Tabori selbst. Nachdenklich-milde, bis zum Verstummen leise, manchmal ironisch-verschmitzt lässt Tabori in Jörg Jannings kongenialer Bearbeitung und Regie Schlomo immer wieder auf die wüsten Reden Hitlers mit brillanten Wortkaskaden antworten. Ein wahrer Ohrenschmaus.

Titelbild

George Tabori: Mein Kampf. 1 CD.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002.
78 min., 16,00 EUR.
ISBN-10: 3803140684

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