Lebenszwischenbilanzen

Helmut Kraussers Tagebuchzyklus in aufsteigender Linie

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"UC ist ein Fest. Ständig erbleiche ich vor mir, bete mich an, opfere mir, kreische und tobe, küsse jedes Wort wie einen Gottesbeweis, fühle, wie das Universum unter jedem meiner Sätze etwas kleiner wird; ich bin der einzige Grund dafür, daß es sich dehnt und streckt, es will mir gewachsen sein und schafft es nie; es ist, im Vergleich zu mir ein lebensarmes, ideenloses Etwas, das mich durch seine Quanität aufwiegen möchte." ("März")

Manche Leser attestieren dem Schriftsteller Helmut Krausser Größenwahn - so steht es schon auf dem Umschlag seines Tagebuches vom Februar 2002, und der Autor fügt kommentierend hinzu: "Aber mich zu kritisieren, hielte keiner von denen auch nur entfernt für Größenwahn".

Das Tagebuch-Ich in dem großartig angelegten, seit nunmehr zwölf Jahren laufenden Tagebuch-Projekt Helmut Kraussers ist gewiß nicht größenwahnsinnig, viel eher schwankend in seiner Selbsteinschätzung. Natürlich urteilt es voller Überschwang ("Helle Nächte war die Summe bisheriger Musik), selbstverständlich kennt es Höhenflüge und Tage, an denen es die Welt aus den Angeln heben könnte, aber auch Momente stiller Demut vor der Kunst anderer und Augenblicke der Resignation: "Auch das Münchener Literaturstipendium bekomme ich nicht" ("Juni"). Der "Diarienzyklus" ("Oktober"), den Helmut Krausser, Jahrgang 1964, im Jahre 1992 begann, hat sich in mittlerweile elf Büchern im Gesamtumfang von 1.350 Seiten niedergeschlagen, nur ein Band fehlt noch, dann schließt sich der Kreis und das Projekt ist abgeschlossen. Ein Zyklus ist es zu nennen, weil Krausser sein Projekt auf zwölf Monatstagebücher in zwölf Jahren begrenzt hat. Diesen Zyklus hat er in den zurückliegenden zwölf Jahren durchschritten und abgeschlossen, und zwar um jeweils einen Monat und in quasi aufsteigender Linie versetzt: Auf "Mai", das "Tagebuch des Mai 1992", folgte "Juni", das "Tagebuch des Juni 1993", gefolgt von "Juli", dem "Tagebuch des Juli 1994" usw. Mit dem April des Jahres 2004 hat der Autor den Reigen einmal durchlaufen, ist jeder Monat einmal drangekommen. Rechnerisch ergibt sich freilich ein 13. Jahr, und zwar deshalb, weil der Autor nach dem Dezember 1999 den Januar 2001 dargestellt hat - denn andernfalls hätte er zwei Monate hintereinander Tagebuch führen müssen. So ist das 'übersprungene Jahr' 2000 lediglich durch den Jahreswechsel am Ende des "Dezember"-Tagebuchs (von 1999) mit einem Tag repräsentiert:

"1. Januar [2000] / B. hatte die Idee eines Bonustages. Schon für uns selbst. Ja gut."

Hinter "B.", "Bea" oder "Beatrice" verbirgt sich Beatrice Renauer, die Reise- und Weggefährtin des Tagebuch-Ichs, denn genau wie Dante hat Krausser eine Beatrice, und ähnlich wie Dantes "Vita Nuova" lassen sich Kraussers Tagebücher als Liebeserklärung an die ideale Partnerin lesen, die dem Autor Inspirationsquelle und auch Korrektiv bedeutet. Vor 20 Jahren sprach er sie an, auf einer Klassenfahrt im Juli 1984, und umwarb sie ("Mehr zum Scherz, weil sich Alternativen grade nicht anboten") - und dann wurde mehr daraus. Im Unterschied zu Dantes Beatrice tritt Kraussers Bea selber auf, als gelassene, gewitzte, großzügige moderne Frau, die sich unter anderem dadurch behauptet, dass sie dem Autor seine Freiheiten lässt. Dass sie nicht zuletzt sprachlich kreativ ist, belegen die zahlreichen Bonmots, die das Tagebuch von ihr überliefert: "Gehe aus dem Zimmer. Bea: 'Du entsellst dich mir?'"

Meist "entsellt" sich der Autor und Gatte nicht für länger, denn die Tagebuch-Zeit des Jahres nutzt das Hohe Paar gern für gemeinsame Reisen, von denen sich vielleicht abwechslungsreicher berichten lässt als vom Alltag daheim. Der Mai 1992 beispielsweise führt Beatrice und Helmut Krausser nach Italien, zu den Stätten des soeben abgeschlossenen Romans "Melodien" - nach Gesualdo, zur Gesù Nuovo in Neapel, zu den Ruinen von Pompeji, hinauf zum Vesuv, über Amalfi nach Positano und wieder zurück nach Neapel. Im Juni 1993 steht neben der Leipziger Buchmesse eine Reise nach Klagenfurt an, zum Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Hier entäuscht Krausser mit seiner Erzählung "Wege des Brennens", erhält aber auch "Solidaritätsbekundungen" - und kommt seiner "Tagebuchpflicht" nach. Den November 1998 verbringt er als Stipendiat der Villa Massimo in Rom, die Frucht dieses Aufenthaltes ist das "Rom-Tagebuch".

Kraussers Diarien erzählen nicht nur ihre eigene Entstehung, sondern berichten auch, darin dem Werkstattbericht nicht unähnlich, von der Manuskriptarbeit an den Romanen und - zunehmend auch - den Theaterstücken, Hörspielen und Kompositionen. "Juni" und "Juli" beispielsweise erzählen von der Arbeit an "Thanatos", der August kann bereits auf den Roman zurückblicken: "Thanatos - ein sehr deutsches Buch über - Deutschland?" Der September dokumentiert die Entstehung des Callas-Romans (mit dem Arbeitstitel "Toy"), der Oktober leistet sich bereits einen Blick auf die Rezeption: "Dumm sein und rezensieren dürfen - das ist Glück".

Kraussers Kritikerschelte als Benn-Paraphrase ist eines der zahlreichen erfrischenden Beispiele für seine spontane Metakritik, die dann meist auch gleich eine Offenbarung der eigenen Absicht impliziert oder in eine Selbstkommentierung mündet. Auch der November, der Einblick in das Lektorat von "Schweine und Elefanten" gewährt, oder der Februar, der von der Materialsuche für "Ultrachronos" berichtet, bieten solche Exkurse in die eigene Poetologie. Es ist, als bekäme man - frei Haus - ein Echo vom Echo der Welt geliefert, und es war nur eine Frage der Zeit, wann selbst das Tagebuch eine eigene "zweite Stimme" bekommen würde - im "Februar", im Tagebuch des Februar 2002, war es soweit.

Die Konzeption und Durchführung von Helmut Kraussers Tagebuchprojekt dürfte in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur einmalig sein, denn die "Unternehmung, nur einen Monat pro Jahr Tagebuch zu führen, gewinnt eigenartige Dynamik, vor allem, wenn man weiß, das Produkt dieser viereinhalb Wochen wird veröffentlicht werden."

Krausser Tagebücher bemühen sich um Authentizität, aber auch um Repräsentativität und Diskretion: "Man will Freunden nicht wehtun. Man taktiert, hält vieles zurück, anderes formuliert man um, hebt es vom Besonderen ins Allgemeine. Selbstschutzmechanismen setzen ein, gerade wo es um literarische Stellungnahmen geht."

Formal entsprechen Krausser Tagebücher der typischen offenen Prosamischform, wie man sie etwa auch bei Ernst Jünger (einem seiner Vorbilder), bei Rainald Goetz (einem seiner Reibungspunkte) oder Sandor Marai (einer seiner jüngeren Entdeckungen) beobachten kann, einer Mischung aus Reise- und Werkstattberichten, Kommentaren zum Literaturbetrieb und zum Zeitgeschehen, Alltagsimpressionen und Rezeptionszeugnissen. Der Zyklus enthält Kurioses aller Art, gewährt Einblick in die Stimmunglage, den Briefwechsel und in den persönlichen Umgang und schreibt sich am Leitfaden des parallel entstehenden Werkes fort. Zwar gehört zu den formalen Leitbildern des Tagebuchschriftstellers auch Ernst Jünger, doch weitaus offener und entschiedener als Jünger kommentiert Krausser das eigene Œuvre. So schildert er etwa in seinem Tagebuch vom Dezember 1999 seine Arbeit an der "Schmerznovelle" - und dabei die Fortschritte ebenso wie die Rückschläge. Sein Problem damals ist der ästhetische Balanceakt, der hier zu bestehen sei: "Es geht um den schmalen Grat zwischen bizarrer Erotik und Pornographie. [...] Jeder Satz muss auf der richtigen Frequenz bleiben. Die Nadel schnellt bei den geringsten Erschütterungen in den roten Bereich. Die Geschichte ist unerotisch und muss auch so erzählt werden. Ohne sich den Vorwurf fehlender Sinnlichkeit einzufangen."

Und die Arbeit am Text schließt auch die Recherche vor Ort ein, die nicht primär den äußeren Fakten zu gelten scheint, sondern dem richtigen Ton: "Für Schmerznovelle: Noch einmal an den Schauplatz, im nächsten September, den Geruch der Gegend in jede Zeile hauchen. Ganz ganz harte Arbeit leisten. Nicht leichtfertig zufrieden sein mit dem, was aus sich selbst begonnen hat zu schreiben."

Helmut Kraussers Tagebücher sind eine lohnenswerte Entdeckung. Sie dokumentieren, was Autorschaft unter heutigen Bedingungen bedeutet ("Wovon reden Sie denn?", zitiert Krausser Hemingway: "Vom Schreiben, wie es heute möglich ist"), sie demonstrieren, wie sich Produktivität entfaltet, wie sich Projekte konkretisieren, wie sie erkämpft werden oder scheitern, und sie sprechen von den Aberrationen der westlichen Wohlstandswelt, von ihrer "Nouvelle Décadence", die sich im Wohn- oder Kleidungsverhalten ebenso zeigt wie in den sexuellen Perversionen der Kontaktanzeigen. Letztere zitiert Krausser nicht ohne Vergnügen und ureigenstes Interesse, haben diese Abgründe menschlicher Leidenschaften doch schon lange in sein literarisches Werk Einzug gehalten.

Schade ist nur, dass sich der Autor mit seiner Selbstbeschränkung auf zwölf Tagebücher aus zwölf Jahren eine Grenze gesetzt hat, die uns Leser um die Zukunft bringt. Wäre nicht wenigstens ein Bonusmonat drin - das Tagebuch des Juli 2005?

Titelbild

Helmut Krausser: Mai. Tagebuch des Mai 1992.
Belleville Verlag, München 1993.
136 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3923646259

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Helmut Krausser: Juli. Tagebuch des Juli 1994.
Belleville Verlag, München 1994.
94 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3923646461

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Helmut Krausser: Juni. Tagebuch des Juni 1993.
Belleville Verlag, München 1994.
120 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3923646240

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Helmut Krausser: August. Tagebuch des August 1995.
Belleville Verlag, München 1995.
102 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3923646909

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Helmut Krausser: September. Tagebuch des September 1996.
Belleville Verlag, München 1996.
122 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3923646917

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Helmut Krausser: Oktober. Tagebuch des Oktober 1997.
Belleville Verlag, München 1997.
118 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3923646925

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Helmut Krausser: November. Tagebuch des November 1998.
Belleville Verlag, München 1999.
154 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3933510228

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Helmut Krausser: Dezember. Tagebuch des Dezember 1999.
Belleville Verlag, München 2000.
154 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3933510775

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Helmut Krausser: Januar. Tagebuch des Januar 2001.
Belleville Verlag, München 2001.
175 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3933510783

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Helmut Krausser: Februar. Tagebuch des Februar 2002.
Belleville Verlag, München 2002.
143 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3933510791

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Helmut Krausser: März. Tagebuch des März 2003.
Belleville Verlag, München 2004.
140 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 393629819X

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