Hier wird gespielt

"Die wilden Fußballkerle" sind ein Phänomen

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die schöne Literatur hat ihr echtes Problem mit dem Spiel: Sie kriegt es nicht zu fassen. Es gibt Bücher über Fans, über die Guten wie die Bösen, es gibt Bücher von Fans (gute und schlechte), es gibt Bücher über ehemalige Fußballspieler, literarische und autobiografische, es gibt Bücher über Leute, die sich mit dem Fußball aus dem Elend befreien oder sich emanzipieren (es könnte allerdings auch das Ballett oder die Musik sein, egal), es gibt Bücher über Leute, die mit Fußball nichts anzufangen wissen, es gibt Bücher.

Aber eigentlich gibt es keine Bücher, in denen das Spiel selbst auftaucht, die Bewegung und Eleganz, die es ausmacht, seine Schnelligkeit und die Öde, die es ausstrahlen kann, die Erfüllung, die im gelungenen Moment liegt, die Spannung, die von Sieg und Niederlage gleichermaßen ausgeht, zumal in deren Vorfeld. Und es gibt Ausnahmen, nämlich Kinderbücher. Und die wohl mittlerweile Aufsehen erregendste Ausnahme sind die Fußballbücher von Joachim Masannek.

13 Bände, einigermaßen schmal jeder einzelne, gibt es mittlerweile. Der dritte Film ist gerade in den Kinos, CD- und MC-Boxen sind auf dem Markt, der zweite Comic, eine Website gibt's auch, ein Magazin und sogar PC-Spielversionen. Drum herum ist das allerschönste Merchandising aufgezogen worden, was dazu führt, dass einem - trotz des miesen Wetters derzeit - auf der Straße dauernd halbgare Kids mit Furcht einflößenden schwarzen T-Shirts über den Weg laufen, die sie als definitiv wilde Fußballkerle ausweisen. Masanneks Fußballkerle haben Maurice Sendaks Kinderbuchklassiker nebenbei mal eben den Rang abgelaufen (und den Namen der Website geklaut).

Die FAZ meldete eine Gesamtauflage der Bücher von 2,5 Mio. in vier Jahren - für den darbenden Buchhandel eine aufmunternde Zahl und zugleich ein Hinweis darauf, dass lesen anscheinend doch ein Bedürfnis sein kann, für das man nicht werben muss, wenn es denn das richtige Buch ist. Die wilden Fußballkerle sehen dabei (wenn man mal die Skepsis, die angesichts des Rummels unvermeidlich ist, beiseite lässt) gar nicht so übel aus. Und das gerade wegen des Spiels. Denn es findet hier statt. Da wird gegrätscht, abgezogen, gepasst und kombiniert und auch hin und wieder mordsmäßig über die Querlatte gedonnert. Da gibt es Erfolge und Niederlagen, da stemmen sich die jungen Spieler gegen Übermächte, und das alles mit dem Ball, der ihnen gerade zur Verfügung steht. Da werden Spielzüge aufgezogen, mit dem Ball jongliert, da gehorcht der Ball und ist widerspenstig, da kommt der Fußball literarisch auf einmal zu seinem Recht, zumindest einigermaßen.

Beim "einigermaßen" allerdings muss es wohl bleiben. Denn auch hier ist der merkwürdige Umstand zu bemerken, dass es etwas anderes ist, einem Spiel zuzuschauen oder es zu spielen, als es zu beschreiben und von ihm zu lesen. Der Zauber, der vor allem vom gelungenen Augenblick ausgeht - für meine Generation war das etwa Günter Netzers Tor in der Verlängerung des Pokalendspiels gegen den FC, für die heutige wohl eher Ronaldinhos Bezauberung des Balls - ist in der Beschreibung nicht wieder zu finden.

Andererseits ist der Augenblick selber, ohne dass über ihn gesprochen würde, so seltsam blass und unwirksam. Die Aufregung, die das berühmte Wembley-Tor in der Erinnerung und in der späteren Rede darüber ausgelöst hat und noch auflöst (deutsche und englische Nationalspieler, die dabei waren, liegen sich anscheinend heute noch in den Haaren deswegen, die einen hadern, die anderen finden nichts Bemerkenswertes daran) - diese Aufregung lässt sich in der Aufzeichnung des Spiels heute nicht einmal ansatzweise wieder finden. Alles ist so merkwürdig unaufgeregt, Spieler, Kommentator, Zuschauer. Dasselbe gilt für die beinahe körperliche Qual, die Zuschauer erleiden und Spieler zeigen, wenn eine Mannschaft sich vergeblich bemüht, die Abwehr eines Gegners zu knacken, und immer wieder, immer wieder leichtfüßig und so furchtbar spielerisch überrannt und ausgeknockt wird. Nebenbei bemerkt: Wer sich so etwas aussetzt, muss sich Luft machen dürfen, wie auch immer.

Davon aber lässt sich Masannek überhaupt nicht beeindrucken, ganz im Gegenteil. Mit allem, was ihm literarisch zur Verfügung steht, signalisiert er in Erzählung und Tonlage, dass das hier großer Sport ist, dass es hier um Größe selbst in der Niederlage geht, dass eine Niederlage nie das Ende ist, solange sich die Unterlegenen nicht selber aufgeben.

Womit wir bei den Metaqualitäten sind, die Masannek zu vermitteln sucht. Kinder- und Jugendliteratur ist ja nicht nur so daher geschrieben und erzählt, sie hat (keine Ahnung, warum die jungen Leser so was mitmachen) zugleich einen pädagogischen Auftrag, dem sie gelegentlich mit beinahe heiligem Ernst nachzukommen versucht. So auch bei Masannek. Allerdings sind die Qualitäten, die er in seinen Texten predigt, durchaus angenehm: Man muss miteinander reden, man muss Fehler zugeben, man darf nicht aufgeben, auch sich selbst nicht aufgeben, man sucht nach dem richtigen Moment, man steht füreinander ein - man ist ein Team. Trotzdem muss jeder seinen Interessen, Neigungen und Fähigkeiten folgen, und man muss sich Veränderungen anpassen (wenn man sie nicht mit gestalten kann). Wenn also "Tippkick" Maximilian nicht mehr spricht, dann gibt er damit zugleich seine sämtlichen Qualitäten auf, auch die fußballerischen. Also muss er wieder sprechen lernen, mit dem Team und mit dem Vater. Wenn Fabi, der schnellste Rechtsaußen der Welt, die Chance hat, zu den Bayern zu wechseln, dann verrät er damit nicht sein Team. Es verrät sich vielmehr selbst, wenn es sich darauf einschwört, dass alles so bleiben soll, wie es ist. Joschka, die siebte Kavallerie, der kleinste der Truppe, muss sich auf sich selbst und seine anderen wilden Fußballkerle besinnen, um seine wahre Größe zeigen zu können. Das ist o.k., so o.k., wie es auch die Lehren waren, die Erich Kästner seinerzeit über seinen Emil auf den Weg brachte.

Allerdings hat sich die Sprache seitdem gewaltig geändert. Denn Masannek ist ein Kind unserer Zeit, daran ist nicht zu rütteln. Er lässt seine Figuren auch sprachlich ihren Größenwahn, ihre Zweifel, ihre Niederlagen und Triumphe und nicht zuletzt ihre Fantasie ausleben. Auch stilistisch schreien seine Bücher gegen die Langeweile der Normalexistenz an. Auf diese Weise kann auch ein ödes Standtrandviertel Münchens seine fantastischen Räume, seine Helden, Schurken und Monster haben. Hier werden Territorien erobert und besetzt gehalten, heftigst verteidigt oder unter Einsatz sämtlicher Mittel zurückerobert (zum Beispiel, indem Joschka sich durch eklige Spinnennetze und ein arg enges Rohr ins gegnerische Lager kämpft - Old Shatterhand lässt grüßen.)

Fußball ist also nicht alles, auch nicht bei den wilden Fußballkerlen, sondern nur der wichtigste Teil des Lebens. Man kann viel dabei lernen (fürs Leben und man kann zum Beispiel das Spiel selbst lernen), man muss dafür eine Menge tun, die Spieler sind Helden und müssen gegen finstere Mächte und sich selbst kämpfen. Bleibt also nur abzuwarten, ob solcher Literatur dazu beiträgt, die Nachwuchsprobleme des deutschen Fußballs und der deutschen Wirtschaft nachhaltig zu beheben.


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Joachim Masannek: Die wilden Fussballkerle 7. Maxi "Tippkick" Maximilian.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005.
157 Seiten, 5,50 EUR.
ISBN-10: 3423708921

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Joachim Masannek: Die wilden Fussballkerle 8. Fabi, der schnellste Rechtsaußen der Welt.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005.
166 Seiten, 5,50 EUR.
ISBN-10: 3423709154

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Titelbild

Joachim Masannek: Die wilden Fussballkerle 10. Marlon, die Nummer 10.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006.
192 Seiten, 5,50 EUR.
ISBN-10: 3423709944

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Titelbild

Joachim Masannek: Die wilden Fussballkerle 9. Joschka, die siebte Kavallerie.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006.
185 Seiten, 5,50 EUR.
ISBN-10: 3423709936

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