Momentaufnahmen einer Kulturstadt

Mit „Czernowitz“ widmet Helmut Böttiger Paul Celans Geburtsstadt eine kleine Monographie

Von Günter RinkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günter Rinke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Helmut Böttiger bereichert den Buchmarkt immer wieder mit ebenso unterhaltsam geschriebenen wie informativen Beiträgen zur Literatur- und Kulturgeschichte. Meilensteine seines Schaffens waren die Bücher Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb (2012) und Die Jahre der wahren Empfindung. Die 70er – eine wilde Blütezeit der deutschen Literatur (2021). Die Untertitel, im zweiten Fall auch der an Handkes bekannten Roman angelehnte Titel, beweisen jeweils einen Sinn für Pointen. Der Gegenstand der Darstellung wird schlagwortartig – sicherlich auch verkaufsfördernd – auf den Punkt gebracht.

Das neueste, sehr schön gestaltete Bändchen des Autors heißt nun Czernowitz. Stadt der Zeitenwenden. Es fügt sich ein in eine Reihe von Büchern, die der Autor über Paul Celan veröffentlicht hat. Sie heißen Orte Paul Celans (1996), Celan am Meer (2017) sowie Celans Zerrissenheit (2020). Auch über die Liebesgeschichte von Paul Celan und Ingeborg Bachmann hat Böttiger ein Buch geschrieben (2017) und damit gezeigt, dass ihn die Biographie des Dichters ebenso interessiert, wie ihn dessen Sprachkunst fasziniert. In der Vorbemerkung zu Czernowitz schildert er den „herausgehobenen Moment“, in dem er als Siebzehnjähriger in einem Würzburger Antiquariat das orangefarbene, bis heute in zahlreichen Auflagen erschienene Suhrkamp-Bändchen Ausgewählte Gedichte von Paul Celan fand.

Die Leidenschaft für Celans Gedichte war es, die Böttiger dazu antrieb, zum ersten Mal 1993 unter abenteuerlichen Umständen nach Czernowitz, in die Geburtsstadt des Dichters, zu fahren. Der in drei Teile gegliederte Band handelt von Reisen dorthin in den Jahren 1993 (das Kapitel ist eine erweitere Fassung aus Orte Paul Celans), 2005 und 2022. Alle drei Reisen sind somit mit herausragenden Ereignissen in der Geschichte der als selbständiger Staat noch jungen Ukraine verknüpft. 1993 war die Sowjetunion gerade erst untergegangen. Die Stadt, die nun Tscherniwzi hieß, hatte zuvor in einem militärischen Sperrgebiet gelegen und war unmittelbar nach dem Ende der Sowjetunion für Touristen schwer erreichbar. Sowjetische Strukturen waren noch präsent. 2005 hatte die Orange Revolution stattgefunden und eine Aufbruchsstimmung hervorgebracht. Und 2022 prägte der russische Angriffskrieg, der im Februar begonnen hatte, das Lebensgefühl auch in dieser ganz westlich, abseits der Kriegsschauplätze gelegenen Stadt.

Aber nicht nur wegen dieser „Zeitenwenden“ hat Czernowitz eine besonders wechselhafte Geschichte. Bis 1918 gehörte die Stadt, als Landeshauptstadt der Bukowina, zur Habsburgermonarchie, danach unter dem Namen Cernăuți zu Rumänien, seit 1940, mit dreijähriger Unterbrechung im Zweiten Weltkrieg, als Tschernowzy zur Sowjetunion. So lag sie die meiste Zeit entweder am östlichen oder am westlichen Rand eines Großreichs. Heute liegt die Stadt am Rand der Ukraine und könnte, wenn es dem Land gelingen sollte, nach Europa hineinzuwachsen, seine Randlage überwinden.

Faszinierend ist die Mischung von Kulturen und Sprachen, die sich in Czernowitz entfalten konnte und die bis heute das Stadtbild prägt. Vor allem ist der Einfluss Österreich-Ungarns präsent. Bezogen auf die Altstadt schreibt Böttiger im ersten Kapitel: „[S]o viel Habsburg war nie.“ Deutsche, Ruthenen, Polen und Rumänen lebten dort zusammen, darunter viele Juden, die Deutsch oder Jiddisch sprachen. Dieses Zusammenleben scheint gut funktioniert zu haben, auch wenn letztgültige Aussagen wegen schlechter Quellenlage nicht getroffen werden können. Böttiger stellt jedenfalls fest: „Von Nationalitätenkonflikten ist nichts überliefert, auch der Begriff der ‚multikulturellen Gesellschaft‘ war noch nicht bekannt.“

Das alles kann man leicht in einem Lexikon nachschlagen, und es ist auch in Böttigers Buch nachzulesen, es macht aber nicht dessen eigentlichen Reiz aus. Der entsteht vielmehr daraus, dass es sich nicht um ein trockenes Sachbuch, sondern um eine persönlich gefärbte Mischung aus Reisebericht, Literaturgeschichte und zeitgeschichtlicher bzw. politischer Reportage handelt. Nach Czernowitz gelangte man 1993 nicht, indem man eine Pauschalreise oder einfach einen Flug buchte. Zusammen mit einem Freund flog der Autor ins rumänische Suceava. Von dort fuhren sie mit dem Taxi an die Grenze und erlebten das Abenteuer des Grenzübertritts, das nur mit viel Geduld zu bestehen war. Auch im September 2022 war die Anreise beschwerlich, auch diesmal wegen langwieriger Kontrollen, eines Staus an der Grenze und der Befürchtung, das Ziel nicht vor Beginn der Ausgangssperre um 22 Uhr zu erreichen.

Die Altstadt von Czernowitz beschreibt Böttiger so, dass man Lust bekommt, sie sich bei sommerlichem Wetter selbst anzuschauen. Er verwendet oft die früheren Straßennamen wie Josefsgasse, Töpfergasse und Herrengasse, die sich, obwohl sie heute anders heißen, anhand eines alten Stadtplans identifizieren lassen. Auf einem Kanaldeckel steht „Pittel & Brausewetter, Wien“. Auch der geringe Autoverkehr erlaubte es 1993, sich in die k. u. k.-Zeit zurückzuversetzen. Das Geburtshaus Paul Celans ließ sich nur scheinbar sicher identifizieren und hat bis ins Jahr 2022 den Ort gewechselt, nämlich ins Nachbarhaus, neben dessen Eingang die Gedenktafel jetzt angebracht ist. Schon 2005 sieht die Stadt ganz anders aus als zwölf Jahre zuvor, es gibt viel mehr Verkehr, Straßen und Plätze wurden modernisiert, aber es wurde im Zuge der Rückbesinnung auf die eigene Kultur auch eine Skulptur Paul Celans aufgestellt.

War die Spurensuche nach Celan für Böttiger der ursprüngliche Anlass, nach Czernowitz zu fahren, so erweiterte er nach und nach sein Interesse an der Stadt, ihrer Geschichte und ihrer Umgebung. Er geht auf das tragische Leben des Dichters Bruno Schulz aus dem 200 Kilometer entfernten Drohobytsch ein, er erwähnt Brody als Geburtsstadt Joseph Roths im benachbarten Galizien, und er entdeckt, zurück in Czernowitz, das Geburtshaus der Dichterin Rose Ausländer. Auch nach Lemberg und Kiew reist er und notiert Beobachtungen zum Aufbruch der Jugend in eine noch ungewisse Zukunft. Die überall aufgestellten Denkmäler für den „kultisch verehrten“ ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko hält er für charakteristisch für die heutige Ukraine: „mit seinem herabhängenden, traurigen Schnauzbart, der zum Markenzeichen des Nationalbewusstseins geworden ist. Der Schriftsteller Juri Andruchowytsch sieht in ihm heute ‚das Weinen der Ukraine‘.“

Anlass der Reise im Herbst 2022 war das bereits zum zwölften Mal stattfindende, diesmal nicht „Festival“ heißende Meridian-Lyriktreffen, das trotz des Krieges nicht abgesagt wurde. Der bei uns bekannteste Autor der zeitgenössischen ukrainischen Literatur ist Serhij Zhadan, von dem seit seinem Erstling Depeche Mode (2004, auf Deutsch 2007) mehrere Romane auf Deutsch erhältlich sind. 2022 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Als wesentliches Merkmal seiner Romane hebt Böttiger die Verbindung von Literatur und Rockmusik bzw. Punk (Anarchy in the UKR) hervor, die auch Zhadans Lesungen auszeichnet. Zugespitzt charakterisiert Böttiger Zhadans Texte als zeitgemäße Integrationsleistung: „Der Autor nimmt die russisch-sowjetischen Prägungen ins Visier, um sie dann in eine globale Cross-Culture-Improvisation zu überführen.“ In seinem Roman Internat (2018) geht der aus Charkiw stammende Zhadan auf die Kämpfe im Donbass ein und nimmt die Zustände nach dem russischen Angriffskrieg visionär vorweg.

Der andere bedeutende ukrainische Schriftsteller, mit dem sich Böttiger ausführlich beschäftigt, ist Juri Andruchowytsch. Der früher als Lyriker hervorgetretene, dann als Romancier bekannt gewordene Autor zeichnet sich vor allem durch seinen spielerischen Umgang mit der Sprache aus. Es sei daher eine besondere Herausforderung für die Übersetzerin Sabine Stöhr, seine Romane ins Deutsche zu übersetzen, schreibt Böttiger. Mit einer ausführlichen Inhaltsanhabe des Romans Zwölf Ringe (2003, deutsch 2005) würdigt er Andruchowytsch als wichtige Stimme der „sich neu findende[n] Ukraine“. Mit einer Mischung aus Realistik und Phantastik reagiere er auf diesen Selbstfindungsprozess und greife zugleich auf Traditionen zurück, indem er beispielsweise mit der Hauptfigur Karl-Joseph Zumbrunnen, einem Wiener Fotografen mit galizischen Wurzeln, eine Figur im Geiste Joseph Roths schaffe. In einem Literaturverzeichnis hat Böttiger alle in seinem Text erwähnten Bücher zusammengestellt – eine zum Weiterlesen anregende Liste.

Aus Gesprächen mit ukrainischen Schriftstellern und Wissenschaftlern, vor allem mit dem Germanisten Jurko Prochasko aus Lemberg, über die Situation der Ukraine im Krieg nimmt Böttiger mehr Fragen als Antworten mit. Dieses Sich-Herantasten an ein Land, das gerade dabei war, seine Tradition neu zu entdecken und eigene Zukunftsperspektiven zu entwickeln und das nun durch die Realität des Krieges aus der soeben erst beschrittenen Bahn geworfen wurde, macht Böttigers Buch sympathisch. Es wird deutlich, dass unsere Möglichkeiten, dieses Land und seine Gesellschaft zu verstehen, begrenzt sind.

Titelbild

Helmut Böttiger: Czernowitz. Stadt der Zeitenwenden.
Berenberg Verlag, Berlin 2023.
86 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783949203718

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