Die zweiten Welten des Fritz Rudolf Fries

Der Sammelband „Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies“ mit Essays zur Literatur zeigt eindrucksvoll, wie gegenwärtig die Zusammenkunft von Autoren und Lesern sein kann

Von Hermann RotermundRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hermann Rotermund

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Ästhetisch vielleicht der größte Dissident der DDR“, so charakterisiert der Literaturkritiker Helmut Böttiger den Schriftsteller Fritz Rudolf Fries (1935 bis 2014). Er wurde in Bilbao, Spanien, geboren und lebte seit 1942 in Leipzig. Da er zweisprachig aufwuchs, hatte er einen quasi natürlichen Zugang zur spanischen und lateinamerikanischen Literatur. Seine Übersetzungen von Neruda und Cortázar sind bewundernswert. Sein eigenes Werk konnte in der DDR nur teilweise veröffentlicht werden. Vor allem sein erster und aufregendster Roman, Der Weg nach Oobliadooh, konnte die Schwelle der literaturpolitischen Vorurteile nicht überwinden und erschien 1966 bei Suhrkamp und erst 1989 in der Phase der DDR-Auflösung noch in einer „Ausgabe für die sozialistischen Länder“ im Aufbau-Verlag. (Spätere Ausgaben gab es noch 1993 bei Reclam Leipzig, 2012 in der Anderen Bibliothek und 2013 im Wallstein-Verlag.)

In der literarischen Umgebung von sozialistischem Biedermeier und Programmliteratur, wie sie in der DDR der 1960er Jahre gegeben war, wäre dieses Buch absolut nicht vorstellbar. Das wird der Autor auch gewusst haben. Seine anderen, dann in der DDR erschienenen Text waren meist heiter, manche mild absurd, aber bezogen ihr wesentliches Spannungselement nicht so sehr aus der Abweichung von der verordneten Normalität wie Oobliadooh. Für Helmut Böttiger, Herausgeber des hier besprochenen Sammelbandes, ist auch der Roman Alexanders neue Welten herausragend. In ihm schöpft Fries unter anderem aus Erfahrungen einer Reise nach Kuba, auf der er seinen akademischen Lehrer Werner Krauss begleitete. In dem mosaikartig gebauten Buch geht es um Lebensentwürfe, die ebenso wie die Schilderung einer Stasi-Mitarbeit sicher als provokativ empfunden wurden, aber 1982 die Zensur passierten.

Der Band enthält vor allem Nachworte, dazu einige Literaturkritiken und Autorenporträts sowie zwei Reden. Sein Titel spielt nicht nur auf Prousts Recherche an, sondern auch auf den Roman Paradiso des Kubaners José Lezama Lima, der Gegenstand des ersten Kapitels ist, eines Nachworts aus dem Jahr 1982. Ein deutscher Kritiker bezeichnete Paradiso damals als „Roman, den niemand versteht“. Diese Bemerkung und die ausführliche Charakterisierung des Autors Lima durch Fritz Rudolf Fries sind gute Gründe, in der heimischen Regalwelt und im Buchhandel nach dem Roman (in der Übersetzung von Curt Meyer-Clason und Anneliese Botond) Ausschau zu halten. Lima und die Hauptfigur seines Romans sind Gegner des von den Gringos abhängigen kubanischen Regimes vor Fidel Castro. Aus seinem Buch spricht die eigenständige Stimme einer in Deutschland seit den 1990er Jahren nicht mehr geschätzten Modernität. Er steht für eine Literatur, die – wie auch die Romane von Fritz Rudolf Fries – die Form ebenso thematisiert wie den Inhalt. Diese Prosa gibt nicht vor, eine zusammenhängende Widerspiegelung der Welt schaffen zu können, sondern gestaltet Fragmente einer Weltsicht. Das geschieht in einer adäquaten Form, die sich jeglicher linear-kausalen Strukturierung widersetzt. Die Form des Romans ist das Objekt ironischer Verfahrensweisen des Autors, denen – wie Fries nahelegt – am besten mit einer Lektüre beizukommen ist, bei der die Lesenden einen Ariadnefaden durch den Text legen. Allerdings bleibt auch dann unsicher, ob sie glücklich hindurch- und wieder zurückfinden: „Der kubanische Autor erinnert manchmal an einen Zauberkünstler, der seine Requisiten durcheinandergebracht hat – das Ergebnis verblüfft ihn selber, und er kann es weder sich noch uns erklären. Die Welt bleibt ein Rätsel bis zum Jüngsten Tag.“

Der lateinamerikanischen Literatur sind weitere Texte des Buchs gewidmet. Julio Cortázar darf schon deshalb nicht fehlen, weil Fries der Übersetzer seines epochemachenden Romans Rayuela und einiger Kurzerzählungen ist. In einem Nachwort zu einem Band mit solchen cuentos erläutert er die Funktion dieses lateinamerikanischen Spezialtyps der Erzählprosa, in dem sich häufig Realität und Fiktion, Metaphysik, Gegenwart und Geschichte mischen: „Der cuento ist da am besten, wo er sich am weitesten vom Naturalismus entfernt. Träume und Ängste und Wünsche der Unterdrückten sagen mehr über den Charakter der Unterdrückung aus als deren direkte Denunzierung.“

Hinzu kommt ein der spanischen Sprache eigenes narratives Element, das die Übersetzung von Prosaliteratur erschwert. Cortázar nennt es den „selbstpersiflierenden Tonfall“, der den meisten Übersetzern nicht gelänge. Er stellt auch selbst mit seinem Roman Rayuela oder Himmel und Hölle Übersetzern eine höllisch schwierige Aufgabe. Der ständige Orts- und Perspektivenwechsel der Erzählung, die unterschiedlichen Sprachregister und die Anweisung, wie bei der Lektüre zwischen den 155 Kapiteln des Romans gehüpft werden sollte (aber nicht muss), machen auf poetologische Absichten aufmerksam, die Fritz Rudolf Fries als „skeptisch“ bezeichnet. Sie kommen im übrigen denen seines eigenen Romans Der Weg nach Oobliadooh ganz nahe. Fries ist auch der Übersetzer von Rayuela, und es gibt wohl selten übersetzte Bücher, bei deren Lektüre man sich wie bei diesem fragt, ob das Original selbst so lebendig, differenziert und elegant geschrieben ist wie der deutsche Text. Auch dieser Roman Cortázars benötigt wie der von Lima einen Ariadnefaden oder zumindest die Befolgung dieses Rats von Fries: „Die Labyrinthe des Autors können nur beim Lesen überwunden werden und uns ins Freie führen.“

Zu den zwischen 1959 und 2014 geschriebenen 27 Texten des Buchs gehören selbstverständlich auch einige über Jorge Luis Borges und Miguel de Cervantes Saavedra. Fries war nach seinem Studium zeitweilig Assistent des Romanisten Werner Krauss an der Berlin-Brandenburgischen Akademie und dort mit literaturhistorischen Arbeiten betraut. Bei der Lektüre seiner gesammelten Texte wird deutlich, dass seine wissenschaftlichen und kritischen Reflexionen immer auch mit der Suche nach Anregungen für eigene Konzepte verbunden sind. So fragt er angesichts von Cervantes’ Spätwerk Persiles und Sigismunda, eines vergnüglichen Reiseromans, wie wohl ein Roman aussähe, der die „seßhafte Mitte“ Madrids des 17. Jahrhunderts mit einem neuzeitlichen Berlin von 1979 vertauschte. Auch sein in Arbeit befindliches Werk Alexanders neue Welten ist ein Reiseroman, und Fries überlegt, ob dessen Struktur nicht eine ruhende Gegenfigur zu einem ständig reisenden Helden benötigt.

Seinem akademischen Lehrer Werner Krauss widmet Fries 1975 eine biographische Betrachtung, in der er Fragmente aus dessen Lebensgeschichte um einen Bericht über seine Trauerfeier herum arrangiert. Krauss ist Mitglied des Schulze-Boysen/Harnack-Widerstandsnetzwerks, wird 1943 verhaftet und zum Tode verurteilt, aber nicht hingerichtet, sondern als psychiatrischer Fall schließlich in ein Zuchthaus gesteckt. In der Todeszelle schreibt er ein Buch über Gracián und den Schlüsselroman PLN – Die Passionen der halykonischen Seele, der an den Stil Graciáns angelehnt ist und Motive aus dessen Roman El Criticón übernimmt. PLN ist voller Allegorien, Reflexionen und Abschweifungen, wobei sich Krauss an das eigene Motto hält: „Die Wahrheit darf niemals ganz in Worten verausgabt werden.“ Fries stellt Werner Krauss auf der gemeinsamen Kubareise 1964 konkrete Fragen: Wie sei er im Zuchthaus in Plötzensee an das Papier für seine beiden dort geschriebenen Bücher gekommen, und wie verlief die Rettung vor der Vollstreckung des Todesurteils? Er erhält jedoch keine Antwort.

Weitere herausragende Kapitel des Buchs sind die als Nachwort zu einem Roman über Federico García Lorca verfasste Studie über die Biographie und Poetik des spanischen Dichters, der kontextreiche Essay über Leon Feuchtwangers Goya und die erstaunliche, wenn auch kurze Würdigung Curzio Malapartes. Der 2007 geschriebene Text über den Autor der beiden westdeutschen Nachkriegs-Bestseller Die Haut und Kaputt setzt den zeitgenössischen negativen Werturteilen von Adorno („Schund“) bis Benn („sehr übel“) Reflexionen entgegen, die das Interesse an den dokumentarischen Romanen des deutsch-italienischen Autors wecken. Malaparte ist erst Faschist, wird jedoch von Mussolini verfolgt und verbannt, kann dann als Kriegsberichterstatter arbeiten und ist am Lebensende ein Bewunderer der chinesischen Revolution Maos. Fries wendet den Vorwurf der „Dekadenz“ gegen Malaparte ins Positive: Dekadenz ist „die letzte Szene vor dem Anbruch des neuen Tages“, und Malapartes Interesse gilt immer wieder dem Aufbruch neuer Strömungen überall in der Welt. „Malaparte ist nicht wie der von ihm verehrte Marcel Proust auf der Suche nach der verlorenen Zeit, festhalten will er die entgleitende Gegenwart.“

Der Sammelband enthält keine zusammenhängende Arbeit von Fritz Rudolf Fries, in der er seine eigene Poetologie entwickelt. Eine solche ist in ihm jedoch durchaus enthalten und kann von denen entdeckt werden, die bei der Lektüre einen Ariadnefaden durch das Buch legen. Die Auswahl der von Fries behandelten Autoren und die Gewichtungen der biographischen und ästhetischen Details sind durchaus vielsagend. So lassen sich immer wieder Spuren dezidiert antirealistischer Auffassungen finden, die einer von Helmut Böttiger im Nachwort zitierten Interview-Äußerung über den zeitweilig in der DDR maßgeblichen Literaturtheoretiker Georg Lukács entsprechen: „Ich will für mich nur soviel sagen, als dass Lukács Lust machte auf die Entdeckung all der Autoren, die er, ihrer fragmentarischen Widerspiegelung von Welt wegen, verdammte.“

Von der Ritterromantik des Amadis von Gallien bis zu den beklemmend-komischen Verschwörungstheorien Thomas Pynchons – Fries verbindet die Stoffe in allen Fällen mit produktiven gegenwärtigen Perspektiven und macht dabei deutlich, dass – wie er selbst sagt – Sprache nicht einfach das Leben spiegelt, sondern seine Erzeugung ist. Er ist ein konsequenter Vertreter der Moderne, der es nicht um die (letztlich unmögliche) Darstellung einer Totalität geht, sondern um die Herstellung von Welten, in denen die Vielfalt von Intentionen und Perspektiven sichtbar wird. Diese Position war in der DDR exotisch – und bleibt es auch im heutigen Deutschland, in dem die fiktiven Realitäten von Romanen oft nur die „Literarisierung“ des persönlichen Alltags sind. Folgt man jedoch den Lektüreanregungen von Fries, sind starke Erlebnisse einer ungeahnten Gegenwärtigkeit garantiert.

Titelbild

Fritz Rudolf Fries: Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies. Texte zur Literatur.
Wallstein Verlag, Göttingen 2025.
361 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783835333291

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