An eine kräftigere Farbe glauben
Lisa Roys neuer Roman “Alles ist Gold” findet die richtige Perspektive, in der Gegenwart über Religion zu schreiben
Von Manuel Clemens
Alles ist Gold ist Lisa Roys zweiter Roman. Hat man ihr erstes Buch Keine gute Geschichte gelesen, ist man überrascht, wie matt Alles ist Gold anfängt, da der Titel ja das Gegenteil verspricht. Keine gute Geschichte ist zwar traurig, aber ziemlich gut erzählt. Die Sprüche, Beobachtungen, Gefühle, Situationen und Konflikte der Protagonistin knallen pointiert von der ersten bis zur letzten Seite. Sprachlich ist dort alles Gold.
Und golden fängt Roys zweiter Roman nun mal überhaupt nicht an. Er handelt von Jana, einer jungen Frau, die sich langweilig findet. Die Geschichte beginnt auf der Schattenseite ihres Lebens. Jana ist fast dreißig, frisch getrennt und vorübergehend wieder bei ihren Eltern eingezogen. Ihre Promotion steht kurz vor dem Abbruch und nach einem One-Night-Stand ist sie auch noch schwanger. Dabei fehlt es ihr weniger an Möglichkeiten als an einer Vorstellung, was sie mit diesen anfangen soll. Sie hat keine Idee, wie sie ihrem Leben eine bestimmte Richtung geben könnte.
In dieser Lebenslage entstehen noch keine interessante Geschichten. Damit etwas erzählt werden kann, muss der Roman in Schwung kommen. In diese Richtung geht es, als Jana der charismatischen Miral in einem Kölner Imbiss begegnet. Sie ist das Gegenteil von Jana: selbstbewusst, entschieden, handlungsstark. Miral erinnert an eine Helferfigur aus einem Märchen, die genau in dem Augenblick erscheint, wo die Heldin nicht mehr weiterweiß. Sie selbst beschreibt sich als „so ne Art Self-Help-Coach“ – und dann geht es auch tatsächlich los: der im Plaudern und Kennenlernen entstandene Plan ist ein spontaner Roadtrip nach Italien.
Hatten die Bekanntschaft im Imbiss und der Plan der Reise bereits etwas Unwahrscheinliches, nimmt das Unwahrscheinliche in Italien zu und endet im Religiösen – dem zentralen Thema des Romans. Mirals Ratschläge helfen, ihre Power fasziniert Jana. Der Höhepunkt in Italien ist Janas ungeplanter Besuch in einer Kirche, bei dem etwas Rätselhaftes passiert, das man als eine Marienerscheinung verstehen könnte: die Erfahrung einer intensiven Begegnung mit Maria, als Jana in die Augen einer Statue der Muttergottes blickt. Danach trinkt sie heimlich einen Schluck Weihwasser, was sie fortan bis zum Ende des Romans wiederholen wird.
In der Verarbeitung dieser Erfahrung wird der Roman farbiger, auch wenn Jana währenddessen eine Fehlgeburt verkraften muss. Noch glänzt kein Gold. Aber Jana öffnet sich der Welt und in ihr entsteht eine neue Emotionalität und spontane Hilfsbereitschaft. Sie beginnt, das Leben anderen Menschen zugewandter auszuprobieren. In einer Zeile aus einem Lied von Eros Ramazotti kommt eine Ahnung für das zum Ausdruck, was ihrem Leben in Zukunft mehr Sinn und Wärme verleihen könnte: „… bis es eine einheitliche, ganz kräftige Farbe bekommt“. Dieser Farbton wird mit (scheinbar) überirdischer Hilfe immer intensiver.
Mit diesem Horizont geht die Handlung auf das Gold zu, steht aber auch im Glanz des wundersam Konstruierten. Und genau das ist der Clou des Romans: Nur so kann eine religiöse Erfahrung in der Gegenwart beschrieben werden. Weder die Protagonistin noch die Autorin begehen den Fehler, die Marienerscheinung und ihre Folgen als ‚wahr‘ beschreiben zu wollen. Und die Rezension darf nicht den Fehler machen, die Konstruiertheit zu kritisieren. Denn so könnte sich ja tatsächlich eine religiöse Erfahrung anfühlen, wenn sie gerade in das Leben gekommen ist: Ständig, wie bei Jana, begleitet von der Frage, ob diese Erfahrung wahr sein könnte oder nicht vielmehr ein bloßes Hirngespinst ist, das man sich selbst zusammenkonstruiert. Der hölzerne Märchencharakter des Romans macht es möglich, dass die Leserinnen und Leser die ersten schwierigen Schritte in den Glauben nachvollziehen und sehen, wie fremd, künstlich und hirngespenstisch sich das anfühlen kann und wie schwierig es ist, das innere und religiös aufgeladene Gefühl des Goldes zuzulassen, das dem Märchenhaften der Religion Realität zusprechen würde.
Die Frage ist demnach, wie sehr man daran glauben kann, wenn man auf einmal eine religiöse Ahnung hat. Man weiß ja nicht, ob an dieser Ahnung etwas dran ist oder nicht. Man weiß nicht, ob man’s hat oder nicht – diese Undeutlichkeit zieht sich durch das gesamte Buch. Wieder zurück in Deutschland trifft Jana auf Personen, Yoga-Übungen und Liedtexte, die für sie in einem göttlichen Licht zu stehen scheinen. Das könnte stimmen – oder lediglich schlecht zusammengedacht sein. Blickt man an dieser Stelle noch einmal auf die ersten Seiten des Romans zurück, bemerkt man, dass das Religiöse im Hintergrund immer schon anwesend gewesen ist: Auf der ersten Seite blickte bereits in einer Pizzeria ein Engel von der Wand. Dort begegnet Jana auf einem Klo auch ein Madonnenfresko. Selbst Miral kommt ihr von Anfang an wie ein Geist, ein Gespenst oder eine Fata Morgana vor. Ab wann kann man solche Zeichen und Vermutungen ernst nehmen? Schon vor oder erst nach einer Marienerscheinung? Oder besser nie?
Jana möchte aber daran glauben, begleitet von Zweifeln an dem schönen neuen Licht. Man sieht ihr dabei zu und merkt, wie schwierig es ist, in der Gegenwart unzeitgemäß glauben zu können und – selbst probeweise – einen „Leap of Faith“ zu wagen. Jana wird in diesen Sprung immer weiter hineingezogen: Miral und Maria gehen an manchen Stellen ineinander über. Schließlich ist die unerwartete Bekanntschaft mit Miral genauso unerklärlich wie die plötzliche Präsenz von Maria. Und mit dem Gold der Religion in sich wird Jana schließlich sozusagen selbst zu einem Geist für Miral. Denn diese möchte ein Selbsthilfebuch schreiben und Jana, die gescheiterte Doktorandin, wird ihre Ghostwriterin. So kommt alles zusammen: Das Geistige, Geistliche, der Heilige Geist, das Gespenstische und das Goldene.
Als würde sich ein Vorhang öffnen, findet der Roman im Goldschimmer des Glaubens die Sprachmächtigkeit, die ihm am Anfang gefehlt hat. Form und Inhalt sind verbunden, mit der Marienerscheinung kommt ein kräftigeres Licht in die Erzählung. Ein Pilger rät Jana: „Sie können Gott in beinahe allem finden, außer in Ihrem Nachdenken.“ Der Rat einer Kirchenbesucherin lautet, man dürfe sich zu nichts zwingen, auch dann nicht, wenn das Gefühl des Glaubens verschwinde und man ihn unbedingt festhalten wollen würde. Besser sei es, zu lernen, „auf dieses Gefühl zu vertrauen, auch wenn [man] es gerade nicht spürt“. Jana geht dem Unhaltbaren nach und findet sich am Ende des Romans an einem Horizont, den ihr der Pilger gewünscht hat: „Ich wünsche Ihnen ein Leben voller Momente, die größer sind als das, was Sie selbst hinzufügen können.“
‚Alles‘ ist nur aus Gold, wenn man daran glauben kann. Verspürt man jedoch weder Sinn noch Lust zu diesem Glauben, dann gehen diese Stimmungen unter und sind nichts, was einem im Leben wichtig ist. Mit der teils unwirklichen Konstruktion des Romans spricht Roy die Leserinnen und Leser direkt an. Sie hat eine Form gefunden, für ein weltliches und städtisches Milieu über etwas derart Unzeitgemäßes wie das Können von Glauben zu schreiben. Gelingt es den Leserinnen und Lesern, die Lücken der unwahrscheinlichen Zufälle mit dem Glauben an ihre Wahrscheinlichkeit auszufüllen, dann erzählt Roy glaubhaft eine unglaubwürdige Geschichte. Sie entspricht dem Motto, das dem Roman vorangestellt ist: „Wenn du es begreifst, ist es nicht Gott“.
|
||














