Selbstermächtigung einer alten Jungfer

Vier Engländer auf Rheinreise 1851: Ann Schlees Roman „Die Rheinreise“ verwebt äußere Fahrt und psychische Wandlung zur fesselnden Studie viktorianischer Seelennöte

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Manche Romane haben einfach Pech. Als 1981 Ann Schlees Roman Rhine Journey in den USA erschien, landete er zwar auf der Shortlist für den Booker Prize. Doch angesichts von Konkurrenzwerken von Salman Rushdie, Ian McEwan oder Doris Lessing fand er damals kaum Beachtung. Erst kurz vor ihrem Tod 2023 im Alter von 89 Jahren sollte die US-amerikanische Schriftstellerin die Wiederentdeckung ihres Hauptwerks erleben. In Deutschland ist Ann Schlee bislang noch gänzlich unbekannt. Das dürfte sich nun ändern, dank der überfälligen Übersetzung von Die Rheinreise durch Werner Löcher-Lawrence.

Zunächst: Romane, die von einer Reise erzählen, tun dies meist auf doppelte Weise. Denn fast immer ist die äußere Reise der Figuren nur das Gegenstück zu einer inneren, psychischen. Das trifft auch auf Ann Schlees vergessenes Meisterwerk zu, das von vier Touristen aus dem viktorianischen England erzählt. Im Sommer 1851 ist das Quartett auf einem Dampfschiff von Koblenz nach Köln unterwegs: der missionarische Reverend Charles, seine passiv-aggressive Frau Marion, ihre von diffusen Erwartungen erfüllte Teenagertochter Ellie – und Charles’ Schwester Charlotte, Schlees Hauptfigur.

Charlotte ist Mitte fünfzig und das, was man damals als „alte Jungfer“ bezeichnete. Ihre ganze Existenz steht im Dienst an anderen; auf der Reise fungiert sie für die Familie ihres Bruders als Gouvernante, Gesellschafterin und Kammerzofe in einem. Ein eigenes Leben hat Charlotte nicht – könnte sie aber, da sie kürzlich ein kleines Vermögen geerbt hat. Erwartet wird von ihr jedoch etwas anderes, nämlich ein pflichtbewusstes Dasein im Haushalt ihres Bruders und ihrer Schwägerin.

Eine Vorstellung, gegen die sie immer mehr Widerstände verspürt. Vor allem, nachdem sie auf der Reise einem Landsmann begegnet, der sie an die einzige Liebe ihres Lebens erinnert: „Wer sie sein und wo sie wohnen würde, musste noch beschlossen werden. Sie war nicht sie selbst. Der Anblick dieses Gesichtes auf dem Anleger hatte sie tief erschüttert, denn was war sie für ihn und was war er, ein völlig Fremder, für sie?“

So sehr Charlotte auch den Kontakt zu vermeiden sucht, der dubiose Mr. Newman, ein Familienvater aus Liverpool, taucht wie ein Springteufel überall auf: in Königswinter, auf Schloss Stolzenfels oder der Ruine Drachenfels. Und in Charlottes Träumen. In diesen stellt Newman provozierende Fragen, mit denen er Schlees Protagonistin zum „Opfer einer unanständigen Phantasie“ macht. Und alte Wunden aufreißt. Schließlich war es seinerzeit ihr bevormundender Bruder, der ihren damaligen Verehrer als nicht standesgemäß abgewiesen hatte. Womit er seiner fügsamen Schwester ihre einzige Chance auf ein erfülltes Leben raubte.

Gegen Romanende entladen sich die Spannungen zwischen Schlees Figuren in einer Aussprache, die man kaum anders denn als zutiefst befriedigend empfinden kann. „,Oh, das ist so erschütternd‘, rief ihr Bruder. ,Alles, was ich getan habe, war immer nur für dein Bestes. Weil du selbst nicht wusstest, was du wolltest, und jemand für dich entscheiden musste.‘ / ‚Ich glaube, Charlotte weiß gerade auch nicht, was sie will‘, sagte seine Frau. / ‚Damals wusste ich es besser.‘“

Charlottes Widerstand wächst auch, weil sich ihr eigenes Schicksal an ihrer Nichte zu wiederholen droht, die noch voller jugendlichem Enthusiasmus ist. Schließlich könne der fesche preußische Offizier, der in Köln um sie wirbt, laut Charles nur ein „Mitgiftjäger“ sein. Dass Schlees Figuren, auch Charlotte selbst, sich als Engländer den Deutschen gegenüber überlegen fühlen, macht sie blind gegenüber den politischen Verhältnissen vor Ort. Denn in diesem Sommer 1851, wenige Jahre nach der Märzrevolution, herrschen im rheinischen Preußen überall Misstrauen und Zensur. Gerade Charlotte, die Mr. Newman zeitweilig regelrecht stalkt, wird, wie sich herausstellt, dessen Handlungen auf peinliche Weise missverstehen.

So arm an äußeren Ereignissen Ann Schlees Roman ist, so sehr fesselt er durch seine präzise Prosa, die Charakterisierung seines viktorianischen Personals und die subtile Spannung zwischen den Zeilen. Mit einer sich mühsam aus den Fesseln einer toxischen Familiendynamik und den Konventionen der Zeit befreienden Protagonistin, die an Sylvia Townsend Warners Lolly Willows erinnert. Großartig übersetzt von Werner Löcher-Lawrence, ist dieser Roman einer weiblichen Selbstermächtigung nun endlich auch auf Deutsch zu entdecken!

Titelbild

Ann Schlee: Die Rheinreise. Roman.
DuMont Buchverlag, Köln 2025.
205 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783755800477

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