Dauerhafter Krisenmodus

In seiner historisch-komparatistischen Studie „Beeinflussungsapparate“ zeigt Gunnar Schmidt eine kulturgeschichtliche Topografie des Medienwahns

Von Sebastian MeißnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sebastian Meißner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gunnar Schmidts Studie Beeinflussungsapparate. Kulturen des Medienwahns 1800 bis heute setzt im Vorwort bei einem „Beunruhigungsbewusstsein angesichts der gegenwärtigen medialisierten Weltgesellschaft“ an. Dieses Unbehagen speist sich aus zeitgenössischen Diskursen über Schadwirkungen der Medien: von Abhängigkeit und massenpsychologischer Manipulation über die Feudalisierung des Cyberspace durch Medienkonzerne bis hin zur Erosion von Diskussionskulturen, der Entertainisierung von Politik und der Verbreitung von Wahrheitsverleugnungen. Der Ton ist entsprechend kulturkritisch und von einem pessimistischen Grundzug geprägt, der den einstigen Fortschrittsoptimismus vieler Medientheorien abgelöst hat. Doch Schmidt verfolgt gerade nicht das Ziel, eine einfache Ordnung in die Unübersichtlichkeit zu bringen oder eine kulturpessimistische Klageschrift vorzulegen. Stattdessen eröffnet er eine historische Exkursion, die die Schattenseiten medialer Vermittlung als wiederkehrende Krisenerfahrung zwischen Wirklichkeit, Wahrheit und Wahn sichtbar macht.

Der Begriff des „Beeinflussungsapparats“ als analytische Linse

Zentral ist die Übernahme des Begriffs „Beeinflussungsapparat“, den der Psychoanalytiker Viktor Tausk 1919 prägte, um paranoide Wahngebilde psychiatrischer Patienten zu beschreiben: Betroffene fühlten sich durch Maschinen und Medien manipuliert, hypnotisiert oder bedroht. Schmidt transformiert diesen klinischen Terminus jedoch in eine kulturwissenschaftliche Beschreibungskategorie. Er plausibilisiert am historischen Material die These, dass es „Kulturen des Medienwahns“ gibt, die weit über den psychiatrischen Befund hinausreichen.

Medien erscheinen dabei in ihrem Doppelcharakter: Sie sind unverzichtbar für Kommunikation, Wissensproduktion und kulturelle Selbstverständigung, zugleich aber potenzielles Instrumentarium für Täuschung, Machtmissbrauch oder geheime Machenschaften. Damit verdichtet sich die Diagnose eines grundlegenden Täuschungsdilemmas: Der homo medialis lebt in einer Welt, in der die Grenze zwischen Wissen und Wahn nie eindeutig gezogen werden kann. 

Historisch-komparatistische Perspektive und Materialfülle

Die Stärke des Buches liegt in seiner historisch-komparatistischen Anlage. Schmidt erzählt entlang medientechnologischer Entwicklungen und der ihnen jeweils eingeschriebenen Fantasmen von Seelenbeeinflussung eine Geschichte der Krisenerfahrungen seit 1800.

Historische Fallbeispiele machen deutlich, dass technische Vermittler nicht nur die Vernunft adressieren, sondern stets auch das Einbildungsvermögen – und damit den Bereich des Imaginären, in dem sich Wahrheit und Täuschung überlagern. Beeinflussungsapparate versammelt hierzu eine bemerkenswerte Vielfalt an Quellen: Berichte von Psychotikern, psychiatrische Fallstudien, Bildwerke, erzählende Literatur sowie klassische und neuere Medientheorien. Gerade diese Montage unterschiedlicher Text- und Bildregister erzeugt eine dichte kulturgeschichtliche Topografie des Medienwahns.

Von Radiowellen bis Internet und „Höhlentheorien“

Besonders anschaulich wird Schmidts Vorgehen im Kapitel zu Radiowellen, in dem der Superman-Comic Hypnosis by Radio (1941) als frühe populärkulturelle Illustration eines medienpsychologischen Phänomens erscheint. Schmidt schlägt hier souverän den Bogen von Shannon/Weavers Informationstheorie über McLuhans Medientopologien und Aldous Huxleys kulturkritischen Visionen bis hin zu späteren Reflexionen über Manipulation und Kontrolle.

Die weiteren Kapitel entfalten ein breites Panorama: „Magnetismus und Dampfkraft“, „Telegrafie und Strahlungen“, „Fernsehen und Internet“ sowie die „Höhlentheorien“ als erkenntnistheoretische Grundfigur. Immer wieder kehrt dabei die Einsicht zurück, dass mediale Innovationen nicht nur neue Kommunikationsräume eröffnen, sondern zugleich Projektionsflächen für Ängste vor unsichtbarer Beeinflussung schaffen. 

Medienästhetische Synthese und erkenntnistheoretische Schärfe

Beeindruckend ist die Leichtigkeit, mit der Schmidt – als Professor und freier Autor mit Schwerpunkten in Medienästhetik und Kulturwissenschaft – Erkenntnisse aus Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft zu neuen Perspektiven bündelt. Er operiert häufig von einer Meta-Ebene aus, taucht jedoch zur Veranschaulichung seiner Argumentation immer wieder tief in die Einzelbestandteile seiner historischen Kette ein. In der Summe entsteht so nicht nur eine facettenreiche Kulturgeschichte des Medienwahns, sondern vor allem eine scharfe Darstellung der erkenntnistheoretischen Problematik, die unterhalb aktueller Kommunikationsgefährdungen liegt. Schmidts Buch macht deutlich: In einer medial vermittelten Welt bleibt die Grenze zwischen Wirklichkeit und Wahn strukturell prekär – und genau darin liegt die anhaltende Aktualität der „Beeinflussungsapparate“.

Titelbild

Gunnar Schmidt: Beeinflussungsapparate. Kulturen des Medienwahns 1800 bis heute.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2025.
182 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783826095900

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