Dada-Screwball

Christian Y. Schmidts Debütroman „Der letzte Huelsenbeck“ über die Unzuverlässigkeit der Erinnerung

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Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nach diversen satirischen und politischen Büchern legt der langjährige Titanic-Redakteur und als freier Journalist für FAZ, SZ, ZEIT und andere Medien schreibende Christian Y. Schmidt mit Der letzte Huelsenbeck nun sein Roman-Debüt vor – und zeigt einen hohen Amplitudenausschlag nach oben und nach unten.

Schmidts Protagonist und Ich-Erzähler Daniel kommt nach vielen Jahren in Ostasien in seine westfälische Heimatstadt zurück, um seinen alten Freund Victor zu begraben. Zusammen mit Victor, Ronny, Ben und Michi hatte er zu Jugendzeiten nach einem Erweckungserlebnis durch Karl Rihas legendären gelben Reclam-Dada-Band „Die Huelsenbecks“ gegründet. Wie die damaligen Dadaisten ging es ihnen darum, die Welt der Spießer und Arrivierten durch Leben und Kunst zu provozieren: „Wir müssen es besser machen als diese Wichser“ war in der Nachfolge der unbedingte Anspruch der Huelsenbecks. Der alte Dada-Funke bricht auf Victors Beerdigung wieder hervor und die Trauerfeier endet in einer rüden Prügelei und setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, an dessen Ende „ich tot daliegen würde“.

Nach einem Steinwurf erwacht Daniel allerdings zunächst noch einigermaßen lebendig in einem Krankenhaus und macht sich in der Folge in Berlin und Umgebung daran, seine alten Freunde wieder zu kontaktieren und die glorreiche Vergangenheit der Huelsenbecks, die in einer langen Amerikafahrt gipfelte, zu rekonstruieren. Doch hinsichtlich der Vergangenheit tun sich Leerstellen und widersprüchliche Erinnerungen auf und es kristallisiert sich langsam ein düsteres Geheimnis um ein verschwundenes Mädchen heraus. Daniel, der mit Realitätsverschiebungen und Flashbacks zu kämpfen hat, fühlt sich nun auch zunehmend verfolgt und bedroht. Nicht zuletzt hat das aber ganz offensichtlich auch etwas mit seinem exzessiven Kiffen – „Ohne zu kiffen, halte ich es schlecht in Gesellschaft aus“ –, seinem immer exzessiveren Alkoholmissbrauch und einem immer unkontrollierter werdenden Einwurf von Psychopharmaka und Speed zu tun. Und so schlittert er in eine ausgewachsene Psychose.

Christian Y. Schmidt erweist sich auf den ersten 70 bis 80 Seiten seines Romans als mitreißender Erzähler und gemäß seiner TITANIC-Vergangenheit als Meister des schwarz-morbiden Humors und Sarkasmus. So verteilt der alte 70er Jahre-Aktivist Daniel herrliche Spitzen gegen die neue Hipster-Generation der Kreativen und Medienschaffenden oder nimmt sich im Gespräch mit seinem Psychiater und seinen Therapieansätzen auf wunderbare Weise selbst aufs Korn.

Doch je weiter der Roman fortschreitet, desto mehr überspannt Schmidt den Bogen und katapultiert seinen Text in einen doch reichlich beliebigen Kosmos des Slapsticks und Nonsense – hier hätte, wie bei vielen vergleichbaren aktuellen deutschen Romanen, ein konsequenter reduzierendes und strukturierendes Lektorat dem Buch durchaus gut getan. Aber das in der Vergangenheit lauernde Geheimnis trägt den Leser über die in sich selbst (über-)drehenden Abschnitte hinweg. Zum Schluss präsentiert Schmidt eine überraschende Auflösung des Ganzen und zeigt, welch unzuverlässiger Geselle das Gedächtnis ist.

Titelbild

Christian Y. Schmidt: Der letzte Huelsenbeck. Roman.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2018.
397 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783737100243

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