Literaturland Brandenburg

Rolf und Therese Schneider begeben sich auf die Spuren von Dichtern

Von Klaus HammerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hammer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im „Literaturland“ Brandenburg haben sich Dichter und Schriftsteller in landschaftlich reizvoller Umgebung zeitweise oder dauerhaft niedergelassen. Oft waren die Domizile und die sie umgebenden Regionen nicht nur die Entstehungsorte, sondern auch die Schauplätze der Werke.

Friedrich de la Motte-Fouqué schrieb im havelländischen Nennhausen sein berühmtes Märchen Undine,  jene Allegorie von Schuld und Sühne, die sein Freund E.T.A. Hoffmann dann als „Zauberoper“ vertonte. Den in Wilhelmshorst sesshaft gewordenen Peter Huchel faszinierte die „traumhafte Weite“ des Nuthetals bei Trebbin – sie wurde die Landschaft seiner Gedichte. Der Petzsee, der vor seiner Villa in Alt-Buchhorst/Grünheide lag, war Georg Kaiser das Vorbild für sein musikalisches Drama Silbersee, das er mit dem Dreigroschenoper-Komponisten Kurt Weill auf die Bühne brachte. Bertolt Brecht bezog mit Helene Weigel in Buckow ein Anwesen am Schermützelsee. Während Helene Weigel im Haus schaltete und waltete, zog Brecht sich zum Arbeiten ins Gärtnerhaus zurück. Hier sind das Theaterstück Turandot, eine eigene Fassung von William Shakespeares Coriolanus, vor allem aber die Buckower Elegien, einer seiner bedeutendsten Gedichtzyklen, entstanden. Bei dem „kleinen Haus“ in dem berühmten Gedicht Der Rauch mag Brecht wohl an sein Gärtnerhaus gedacht haben.

Der „Laden“ in Bohsdorf, der 30 Jahre lang von der Familie Strittmatter geführt wurde, ist der authentische Schauplatz der gleichnamigen – auch verfilmten – Romantrilogie von Erwin Strittmatter. Im Gegensatz zu dessen früheren Romanen wird jetzt nicht linear, chronologisch erzählt. Durch schweifende Assoziationen erreicht der Autor ein Springen in der erzählten Zeit. Stück für Stück, wie bei einem Puzzle, stellen sich die Zusammenhänge her.     

Der Schriftsteller Günter de Bruyn fand in Görsdorff-Blabber bei Beeskow die Ruhe, die er zum Schreiben benötigte, und die Geschichten, die sich vor Ort zugetragen haben und die in sein literarisches Werk eingegangen sind. Zusammen mit Gerhard Wolf hat er seit 1980 die Reihe „Märkischer Dichtergarten“ herausgegeben, in der Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts mit Bezug zu Berlin und zur Mark Brandenburg zu Wort kommen. Als Chronist Brandenburgs und seiner Autoren hat er Schicksale aus den Literaturepochen der Mark Brandenburg aufgearbeitet und zuletzt in einem Bändchen der „Frankfurter Buntbücher“ über den „Sandpoeten“ Friedrich Wilhelm August Schmidt genannt Schmidt von Werneuchen geschrieben.

Aber es gibt auch literarische Reiseführer durch die Mark Brandenburg. Der 2014 verstorbene Schriftsteller und Publizist Werner Liersch hat in seinem Band Dichterland Brandenburg (Erstveröffentlichung 2004, erweiterte Neuausgabe 2012, bearbeitete Neuausgabe 2018) ein literarisches Panorama entworfen, in dem sich die bewegte Vergangenheit des Dichterlandes, das ironisch auch „Streusandbüchse“ bezeichnet wird, vom alten Preußentum bis zu den Wegen und Irrwegen des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Auch die Autorin und Publizistin Edda Gutsche nimmt in ihrem Buch „Ich musste auf’s Land, das war mir klar…“Schriftstellerorte in Brandenburg (2012) den Leser mit auf die literarische Reise durch Brandenburg, fahndet nach Spuren und Zeugnissen. Wie lebten die Schriftsteller und Dichter auf dem Lande, wie fanden ihre Begegnungen mit Menschen, ihre Naturerlebnisse Eingang in ihre Werke? Dazu gesellt sich nun mit Literatouren durch Brandenburg. Ausflüge auf den Spuren von Dichtern und Schriftstellern ein weiterer literarischer Reiseführer. Der Schriftsteller und Publizist Rolf Schneider, ein Meister der Sprache,  hat die Texte geschrieben und seine Tochter, die Grafikerin und Buchgestalterin Therese Schneider, den Band mit eindrucksvollen Fotografien ausgestattet.

Die 17 Kapitel behandeln Theodor Fontane und Neuruppin, Friedrich Wolf und Lehnitz, Bertolt Brecht und Buckow, Walther Rathenau und Bad Freienwalde, Heinrich von Kleist und Frankfurt/Oder, Gerhart Hauptmann und Erkner, Franz Fühmann und Märkisch-Buchholz, Fürst Pückler und Branitz, Paul Gerhardt und Lübben, Erwin Strittmatter und Bohsdorf, Mina Witkojc und Burg (Spreewald), Achim und Bettina von Arnim und Wiepersdorf, Roger Löwig und Bad Belzig, Schriftsteller in Potsdam, Peter Huchel und Wilhelmshorst (hier hätte man auch Erich Arendt würdigen können, der dann den Wohnsitz Huchels bezog), Loriot und Brandenburg an der Havel, Kurt Tucholsky und Rheinsberg. Man könnte die Reihe noch fortsetzen: Georg Kaiser in Grünheide, Paul Zech in Bestensee, Richard Dehmel in Hermsdorf und Kremmen, Ehm Welk in Biesenbrow beziehungsweise Angermünde, Gertrud Kolmar in Falkensee-Finkenkrug, Günter Eich in Lebus, Jurij Brezan, der seine Werke auf Obersorbisch wie auf Deutsch schrieb, in Dreihäuser/Horni Hajnk nahe seinem Geburtsort Räckelwitz,  Peter Hacks in Groß Machnow,  Friedrich de La Motte-Fouqué in Nennhausen, Adelbert von Chamisso in Kunersdorf (hier hat er seine „wundersame Geschichte“ vom Peter Schemihl geschrieben, die zum Ereignis einer wiedererkennbaren Gegenwart wurde) oder Jakob Böhme in Görlitz. Man hätte auch dem mittelhochdeutschen Spruchdichter Hermann der Damen oder dem märkischen Eulenspiegel Hans Clauert in Trebbin, dessen Geschichten Klabund, Johannes Bobrowski oder Peter J. Fabich aufgegriffen haben, nachspüren können. Das Thema „Literaturland Brandenburg“ ist also noch längst nicht beendet.

Das Prinzip der jeweiligen Kapitel in Literatouren ist recht eingängig: Sie werden eingeleitet durch ein großformatives Foto, das den Leser schon in eine bestimmte Erwartungshaltung versetzt. Das ist das Fontane-Denkmal in Neuruppin, der Blick auf Friedrich Wolfs Schreibmaschine in seinem Arbeitszimmer in Lehnitz, eine Gerhart Hauptmann wohl vertraute Wald-Wasser-Landschaft um Erkner, die Seepyramide im Landschaftspark von Branitz, in der Fürst Pückler beigesetzt wurde, oder der Eingangsraum des Strittmatterschen Ladens in Bohsdorf. Es werden dann die Gedenkstätte, das Wohnhaus oder das Gebäude beschrieben, das noch an den Dichter erinnert, dieser selbst wird vorgestellt: Was hat er gemacht, was hat er geschrieben? Dann wird noch ein Blick auf die Umgebung geworfen, innerhalb und außerhalb des Ortes, auf Kulturelles aufmerksam gemacht. Das Kapitel schließt mit Zitaten des Dichters über seinen Lebensraum.

Es ist hier eine Mischung von Literatur- und Touristikführer entstanden, mit aktuellen Angaben, wie Anreise, Einkehr- und sogar Bademöglichkeiten. Offenbar vertrauen die Verfasser doch nicht der Anziehungskraft der Dichterstätten allein und sorgen deshalb für weitere touristische Möglichkeiten. 

Etwas enttäuschend das einleitende Fontane-Kapitel. Rolf Schneider benennt zwar die jeweiligen Fontane-Gedenkstätten in Neuruppin, einbegriffen das imposante Fontane-Denkmal Max Wieses, aber was er über den Schriftsteller Fontane zu sagen hat, ist so neu nicht. Fontanes Gestalten sind zwar erfundene Figuren, haben aber zugleich authentische Vorbilder. Oft hat der Romancier Fontane von dem „Wanderer“ Fontane profitiert. Die Konfrontation mit der im Kunstwerk repräsentierten Wirklichkeit bedeutet für die Figuren die Konfrontation mit dem Spiegelbild ihrer eigenen Realität, die sublimierte Abstraktion oder das pointierte Abbild eines durchlebten oder künftigen Dilemmas. „Tausend Finessen“ – so Fontane – lassen mittels Andeutungen und Wiederholungen, Symbolen und Leitmotiven ein Beziehungsgeflecht entstehen und halten so die Romane zusammen. Fontane hat literarische Schauplätze gewählt, und ihre authentischen Vorbilder in der Mark Brandenburg zu ermitteln, wäre ein spannendes und lohnenswertes Unternehmen gewesen.

Pointiert und informationsreich sind die anderen Kapitel ausgefallen. Beim Brecht-Weigel-Haus in Buckow hätte man gern gewusst, wer denn hier als Gast geweilt hat. Brechts Schaffen wird gewürdigt, aber nicht das der Weigel. Dass Rathenau in die Reihe der Schriftsteller aufgenommen wurde, wird ausreichend in seiner Wandlung vom Rüstungsindustriellen zum Liberalen und Kapitalismuskritiker begründet. Als Reichsaußenminister vertrat er das besiegte Deutschland auf internationalen Konferenzen. Schließlich wurde er auch zu einer Figur in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften.

Dass Gerhart Hauptmann während seiner Zeit in Erkner den Figuren seiner Erzählungen und auch seiner sozialkritischen Komödie Der Biberpelz das Konterfei von lebenden Personen aus dem Ort und der Umgebung gegeben hat, hätte man nachweisen können. Das Wasser, in das der Segelmacher Kielblock mit Frau und Kind in der Novelle Fasching einbricht, lässt sich als Erkners Flakenfließ identifizieren und der Bahnwärter Thiel übte seinen Dienst in der real existierenden Einsenbahn-Wärterbude nahe der Oberförsterei aus. Die Mutter Wolffen wie den Amtsvorsteher von Wehrhahn im „Biberpelz“ hat der Dichter ebenso dem Figuren-Inventar seiner näheren Umgebung entnommen, und man kann davon ausgehen, dass der „Revoluzzer“ Krüger, der von Wehrhahn argwöhnisch beobachtet wird, den Besitzer der Villa Lassen als Vorbild hat. Oder könnte er nicht auch autobiographische Züge von Hauptmann besitzen?

Franz Fühmann wollte – so Rolf Schneider – „seine selbstquälerischen Zweifel dort austragen, wo sie entstanden sind“. Aber nur ein knapper Satz – „sein Haus in Märkisch-Buchholz bewohnte er seit 1954“ – weist auf seine Arbeitsstätte außerhalb des Ortes hin. Die köstliche Wegbeschreibung, die Fühmann zu seiner Behausung gegeben hat, zitiert der Verfasser allerdings. Hier, in einer Scheune, mit dem Blick nach draußen, in den Kiefernwald, dessen Großfoto eingangs des Beitrages zu sehen ist, hat er geschrieben. Anstatt Bohsdorf, das das Vorbild für seine bekannte Trilogie Der Laden bildet und den Rolf Schneider wunderbar vorstellt, hätte auch Schulzenhof, die Wohnstätte Erwin Strittmatters  (unweit auch die Begräbnisstätte der Familie), gewählt werden können. Dann wäre auch die Lyrikerin Eva Strittmatter zu ihrem Recht gekommen, die ein gleich großes Lesepublikum wie ihr Mann besaß. Über den Schulzenhof, über den Erwin wie Eva Strittmatter berichtet haben, hätte ein ertragreiches Feuilleton entstehen können.

Das Kapitel „Das Versailles von Berlin. Schriftsteller und Potsdam“ ist ein Sammelsurium von Einzelbeiträgen. Warum wird Sanssouci zur poetischen Gedenkstätte erhoben? Natürlich, Friedrich II. ist ebenso Schriftsteller wie Sujet der Schriftstellerei  gewesen. Die Villa Quandt, heute Sitz des Fontane-Archivs wie von Brandenburgs Literaturbüro, wird genannt. Vor allem aber geht es um die Aufenthalte von Schriftstellern in Potsdam von Friedrich Georg Rebmann, Ludwig Tieck, Ludwig Rellstab, Louise von Francois über Theodor Storm, Fontane, Willibald Alexis bis Bernhard Kellermann und Grit Poppe. Auch die jüdische Präsenz in Potsdam wird nicht vergessen: Rahel Varnhagen, Heinrich Heine, Georg Hermann, Arnold Zweig, Mascha Kalejko. Das handliche, gutes Feuilleton verkörpernde Buch von Rolf und Therese Schneider bestätigt: Eine Landschaft hat ihre Dichter gefunden.

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Rolf Schneider / Therese Schneider: Literatouren durch Brandenburg. Ausflüge auf den Spuren von Dichtern und Schriftstellern.
Bebra Verlag, Berlin 2017.
192 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783861247050

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