Fünfundachtzig verweht
Helga Schuberts „Luft zum Leben“ – eine literarische Bilanz aus 65 Jahren
Von Klaus Hübner
Helga Schütz (* 1937), Helga Königsdorf (*1938, † 2014) und Helga Schubert (* 1940) – drei Helgas, drei auch im Westen nicht unbekannte Autorinnen aus der ehemaligen DDR. Die Bücher von Helga Königsdorf werden kaum noch aus dem Regal geholt, auch die von Helga Schütz werden nur von wenigen gelesen. Helga Schubert jedoch darf sich eines begeisterten Lesepublikums und großer Medien-Aufmerksamkeit erfreuen, seit sie 2020 für ihre Erzählung Vom Aufstehen den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten hat. Eine vitale Achtzigerin, die man schon vierzig Jahre zuvor an den Wörthersee eingeladen hatte – damals ließen die DDR-Behörden sie nicht reisen –, die sich um 1989/1990 intensiv politisch engagiert und sich dann weitgehend aus der literarischen Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, bis sie fast schon vergessen war: Das hatte es in Klagenfurt noch nie gegeben. Der nach der beim Kärntner Wettlesen siegreichen Geschichte benannte Band (2021) war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und verkaufte sich sensationell gut.
In seinen 29 Geschichten ging es meistens um exemplarische Erinnerungen ans letzte Jahrhundert aus der Sicht einer an ihrer Mitwelt mit großer Empathie teilnehmenden Frau und Mutter. Helga Schubert selbst ist ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind und ein Kind der deutschen Teilung. Drei Heldentaten habe sie vollbracht, erklärt ihr einmal ihre Mutter: Sie habe Helga nicht abgetrieben, sie habe sie auf die Flucht vor der nahenden Front mitgenommen und sie, anders als ihr geraten wurde, beim Einmarsch der Roten Armee in Greifswald nicht erschossen. Nicht unbedingt verwunderlich, dass Helga Schubert später Psychologie studierte. Auch nicht überraschend, dass sie jahrelang von der Stasi observiert wurde, zumal sie sich immer als evangelische Christin verstanden hat – eine fundamentale Prägung, die in vielen ihrer Texte eine Rolle spielt. Helga Schubert präsentiert sich bis heute als wache und sensible Autorin mit lebenslangem „Diktaturschaden“, wie nicht nur ihr in Luft zum Leben aufgenommener Kurztext Wenn die Macht spricht (2025) vor Augen führt. Dort liest sie einem literaturwissenschaftlich sattelfesten, dem Staat und der Partei unverbrüchlich verpflichteten Gremium einen Text vor, auf den eine Professorin so reagiert: „Es ist so – aber so wollen wir nicht gesehen werden. Dieser Text wird in der DDR nicht gedruckt.“ Was die Autorin 2025 lakonisch kommentiert: „Den Satz merkte ich mir und wollte ihn einmal verwenden. Nun, 49 Jahre später, ist es so weit.“
Auf Vom Aufstehen folgte 2023 ein weiterer Bestseller. In Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe geht es um ein Leben in seiner letzten Phase – wohl auch ein Thema, das viele Menschen umtreibt und täglich beschäftigt. Der geliebte Mann ist dement und hinfällig, ein todkranker Pflegefall im Rollstuhl, mit Gebiss, Blasenkatheter und Medikamentenbergen, und der Alltag der Ich-Erzählerin besteht fast ausschließlich in der hingebungsvollen Pflege des 95-Jährigen. Nicht jedermanns Sache natürlich, dieses Thema, aber unter die Haut gehend. Für ihr literarisches Werk und ihr politisches Engagement wurde Helga Schubert 2024 ganz zu Recht mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ein langer Weg.
Der erste Satz ihres jüngsten Buchs Luft zum Leben lautet: „Ich bin schon so alt: 85, kann froh sein, morgens überhaupt wieder aufzuwachen.“ Helga Schubert versammelt formal ziemlich unterschiedliche, zwischen 1960 und 2025 entstandene Texte: Erzählungen, Vorträge, Aufsätze, Prosanotizen, eingerahmt von zwei auf die Jahre 1960 und 1962 datierten „Gedichten“, über die man kein Wort verlieren muss. Das gilt auch für einige Prosaskizzen, die schlichtweg veraltet sind und heute eher langweilig wirken, zum Beispiel für die relativ umfangreiche, erstmals 1981 in der DDR veröffentlichte Erzählung Blickwinkel. Erstaunlich viele der hier versammelten Texte waren bisher ungedruckt. Darunter sind sehr eindrucksvolle wie Erziehung (1978) oder Ein Friedhof in Como (1997). Im nur zwei Druckseiten umfassenden Text Drei Buchstaben (2025) wird vielleicht am intensivsten deutlich, weshalb Helga Schuberts alles Ephemere mit Bedacht weglassendes, immer auf das Wesentliche konzentriertes Schreiben derart viele Menschen anspricht: Ihre Sicht der Welt vermittelt Lebenskraft, zupackenden Mut und stete Hoffnung auf einen Ausweg auch aus scheinbar ausweglosen Situationen.
Wenn man wie ich erst mal begriffen hat, dass man überhaupt nichts unter Kontrolle haben kann, ist man schon einen Schritt weiter … Es bleibt mir nichts anderes als Vertrauen und Zuversicht übrig, dass der Mensch hinter mir auf der Rolltreppe mir nicht ein Messer in den Rücken rammt.
Nicht weniger als zehn Erzählungen sind erstmals 1982 in der Bundesrepublik erschienen, im Band Das verbotene Zimmer (Luchterhand Verlag). Darunter die titelgebende Geschichte über die existenziellen Sorgen des Mutterseins (1980) oder der bewegende Text Der Tod meiner Großmütter (1979), in dem es heißt: „Tote sehen dich immer noch an, immer weiter an, ohne den erlösenden Lidschlag. Mit offenem Mund.“ Auch die das fatale politische Geschehen im Deutschland des 20. Jahrhunderts beleuchtende Geschichte Innenhöfe (1979) wurde in der „BRD“ erstveröffentlicht, genauso wie die Erzählung Das verbotene Zimmer (1979), in der es um die DDR-Bürgern verbotene selbständige politische Einheit „Westberlin“ geht und um den damals ganz alltäglichen Irrsinn des U- und S-Bahn-Fahrens in der geteilten Stadt – was die deutsche Teilung für die davon unmittelbar Betroffenen bedeutete, lässt sich hier auch 36 Jahre später hautnah nachvollziehen.
Sehr heterogene Texte sind es also, die in Luft zum Leben etwas willkürlich nebeneinanderstehen. Natürlich ist es mehr als nachvollziehbar, dass die betagte Autorin auf diese Art und Weise Bilanz ziehen und eine Art literarisches Testament vorlegen möchte, und natürlich ist es mehr als legitim, dass ihr Verlag an den Erfolg der beiden vorangegangenen Werke anknüpfen will. Die kann und sollte man ruhig noch einmal lesen – und gerne auch mehrfach verschenken. Ob ihr neues Buch zum bleibenden Ruhm von Helga Schubert wirklich Entscheidendes beiträgt, wird sich erst noch herausstellen müssen.
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