Erlösung als Castingshow

Christian Schulte-Lohs Roman „Es gibt einen Gott, und ihr ist langweilig“ vereint gesellschaftskritische Satire und Gedankenexperiment

Von Christina BickelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christina Bickel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Christian Schulte-Loh ist vor allem als Comedian bekannt – ein Deutscher, der seit vielen Jahren in Großbritannien wohnt und arbeitet. Seine Bühnenpräsenz lebt von präziser Beobachtung, feinem Perspektivwechsel und einem Understatement, das zwischen den Kulturen vermittelt – humorvoll, selbstironisch und pointensicher. Dass er diesen Blick nun in einen Roman überführt, ist kein bloßer Seitenwechsel, sondern eine konsequente Erweiterung seines künstlerischen Feldes. Es gibt einen Gott, und ihr ist langweilig (2023, Taschenbuchausgabe 2025 mit neuem Nachwort) ist ein überraschend vielschichtiger Text: Satire, Gedankenexperiment, Religionskritik und Zeitdiagnose in einem.

Im Zentrum steht eine ebenso schlichte wie radikale Idee: Es gibt eine Göttin namens Singu, und sie ist gelangweilt. Aus dieser Langeweile heraus verändert sie die Spielregeln der Welt. Erlösung ist nicht länger Gnade, sondern Ergebnis. Wer in den Himmel will, muss etwas Besonderes vorweisen – etwas Eigenes, Einzigartiges, Wirkungsvolles. Das Jenseits funktioniert wie eine Castingshow, die Kriterien sind Kreativität, Originalität und Aufmerksamkeit. Der Himmel wird zum Resonanzraum gelungener Selbstverwirklichung.

Diese Vorstellung wirkt zunächst verspielt, berührt jedoch den Nerv der Gegenwart. Denn hinter der ironischen Mythologie zeichnet sich ein kulturelles Leitmotiv ab: der Drang zum Besonderen, zur Singularität des eigenen Lebens. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zu dem, was der Kultursoziologe Andreas Reckwitz als „Gesellschaft der Singularitäten“ beschrieben hat – eine Gegenwart, in der nicht mehr das Allgemeine, sondern das Einzigartige zum zentralen Maßstab sozialer Anerkennung wird. Reckwitz beschreibt eine Gegenwart, in der das Allgemeine an Wert verliert und das Besondere zur zentralen sozialen Währung wird: Menschen, Lebensläufe, Berufe, Kunstwerke, selbst Erfahrungen sollen einzigartig sein. Genau diese Logik treibt Schulte-Loh literarisch auf die Spitze. Singu ist die konsequente Göttin einer Gesellschaft, in der jeder etwas Besonderes sein will – und gerade dadurch das Besondere inflationär wird. Ihre Langeweile ist die Langeweile einer Welt, in der Singularität zur Norm geworden ist.

Der Roman entfaltet diese Idee nicht abstrakt, sondern über Figuren, die auf sehr unterschiedliche Weise an dieser Logik scheitern oder ihr entkommen. Da ist Adam, ein älterer Jazzpianist, der nach biografischen Brüchen obdachlos geworden ist. Ausgerechnet am Rand der Gesellschaft erfährt er eine paradoxe Freiheit: keine Rechnungen, keine Verpflichtungen, keine Erwartungen. Zugleich erlebt er die Kehrseite dieser Freiheit – die Unsichtbarkeit. Adam beschreibt eindrücklich, wie er an der Supermarktkasse übersehen wird, wie Menschen durch ihn hindurchblicken. Sichtbarkeit wird hier zur Voraussetzung von Existenz. Wer nicht performt, ist kaum noch da.

Daneben steht Sarah, Schriftstellerin, Migrantin, Beobachterin der Welt. Sie strukturiert ihren Alltag bewusst, weil zu viel Freiheit sie lähmt. Schreiben ist für sie ein Akt der Selbstvergewisserung – und zugleich eine Gefahrenzone. In ihre Texte dringen surreale Traumsequenzen ein: sprechende Tiere, apokalyptische Landschaften, Stimmen, die Realität und Fiktion ununterscheidbar machen. Schulte-Loh nutzt diese Ebenenverschiebungen virtuos. Der Roman gleitet zwischen Traum, Erinnerung, Fantasie und Gegenwart, ohne je eindeutig festzulegen, was „wirklich“ ist. Diese Unsicherheit ist kein Mangel, sondern Methode.

Auf der Gegenseite dieser beiden Figuren steht Imre Potkulcs, ungarischer Medienmogul und Kapitalist. Er verkörpert eine Welt, in der alles messbar, be- und verwertbar ist. Potkulcs scheitert nicht an Macht oder Geld, sondern an Schönheit. Kunst interessiert ihn nur als Besitz oder Investition, nicht als ästhetische Erfahrung. Seine Versuche, sich durch monumentale Kunstwerke, Kathedralen und spektakuläre Projekte einen Platz im Jenseits zu sichern, lesen sich wie eine bitter-ironische Parodie auf Werkgerechtigkeit im Spätkapitalismus. Kunst wird zur letzten Währung – und verliert gerade dadurch ihren Sinn.

Hier zeigt sich eine der stärksten Linien des Romans: Kunst und Kreativität entziehen sich dem Zwang. Mehrfach wird betont, dass Musizieren, Malen oder Schreiben nur dort gelängen, wo sie nicht funktionalisiert würden. Sobald Kunst Mittel zum Zweck würde – zur Eintrittskarte ins ewige Leben, zur Selbstdarstellung vor Singu –, kippe sie ins Leere. In dieser Hinsicht führt der Roman auch den zeitgenössischen Kunstbegriff ad absurdum, ohne ihn zu diskreditieren. Er fragt vielmehr: Was bleibt von Kreativität, wenn sie permanent bewertet werden muss?

Singu verschärft die Logik der Welt nicht durch Gewalt, sondern durch Konsequenz. Sie zwingt die Menschen, das zu Ende zu denken, was längst begonnen hat: permanente Selbstoptimierung, Konkurrenz um Aufmerksamkeit, die Verwandlung von Leben in Performance. In diesem Sinn ist Singu keine tyrannische Gottheit, sondern eine erstaunlich menschliche Figur – und vielleicht gerade deshalb so irritierend. Sie wirkt weniger wie eine transzendente Instanz als wie eine Projektion gesellschaftlicher Erwartungen. Religion erscheint hier nicht als Wahrheitssystem, sondern als kulturelles Deutungsangebot, als Spiegel der Zeit.

Formal spiegelt der Roman diese Diagnose in seiner Struktur. Die Handlung gliedert sich in Phasen – Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz – und nimmt Anleihen bei psychologischen Trauermodellen, die hier auf eine ganze Gesellschaft übertragen werden. Die Apokalypse erscheint als seelischer Prozess.

Diese Bewegung verdichtet sich im Schluss radikal: In der Szene eines Pflegeheims wird der zuvor gesellschaftlich erzählte Wandel im brüchigen Bewusstsein eines einzelnen Menschen gebündelt. Fragmentierte Erinnerungen, Wahrnehmungssprünge und Leerstellen prägen die Darstellung. Unweigerlich stellt sich die Frage, ob das Erzählte äußere Realität war oder die innere Welt eines demenzkranken Geistes. Der Roman verweigert eine eindeutige Auflösung; Realität und Fiktion bleiben ineinander verschränkt, Bewusstseinsebenen gleiten unmerklich ineinander.

Diese formale Ungewissheit ist nicht bloß ein offenes Ende, sondern die konsequente Fortsetzung des zuvor beschriebenen seelischen Prozesses. Was als gesellschaftliche Transformation begann, erscheint am Schluss als fragile Erfahrung von Wirklichkeit selbst.

Gerade aus dieser Fragilität gewinnt der Text seine literarische Stärke. Die Mehrdeutigkeit wirkt nicht wie ein Rätsel, sondern wie eine ästhetische Verschiebung – Wirklichkeit erscheint vorläufig, brüchig und stets neu zu deutend. So entsteht eine Form von Literarizität, die weniger auf Gewissheit als auf Resonanz setzt.

Der Schluss des Romans radikalisiert diese Offenheit noch einmal. In einer Szene im Pflegeheim, begleitet von Musik, Kunstreproduktionen und fragmentierten Erinnerungen, stellt sich unausweichlich die Frage, ob das Gelesene Realität war – oder die innere Welt eines demenzkranken Bewusstseins. Der Text gibt keine Antwort. Er verweigert die Auflösung. Realität und Fiktion bleiben verschränkt, Bewusstseinsebenen gleiten ineinander. Gerade dadurch gewinnt der Roman literarische Tiefe.

Es gibt einen Gott, und ihr ist langweilig ist keine einfache Satire. Es ist eine präzise Religions- und Gegenwartsdiagnose. Schulte-Loh zeigt, wie sehr unsere Vorstellungen von Sinn, Erlösung und Bedeutung von gesellschaftlichen Logiken geprägt sind – und wie brüchig sie werden, wenn man sie konsequent zu Ende denkt. Der Roman tröstet nicht. Aber er trägt zur Klärung bei, indem er Wahrnehmungen von Sinn verschiebt und für die Abwege eines Kults des Besonderen sensibilisiert. Gerade darin liegt seine Stärke.

Titelbild

Christian Schulte-Loh: Es gibt einen Gott, und ihr ist langweilig. Roman.
Droemersche Verlagsanstalt, München 2025.
336 Seiten , 12,99 EUR.
ISBN-13: 9783426309384

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