Einfach schön, wie ein Achterl Rot

Robert Seethaler brilliert in seinem Roman „Das Café ohne Namen“ erneut mit Liebe zum Detail

Von Frank RiedelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Riedel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bestsellerautor*innen haben ihre regionalen und inhaltlichen Vorlieben, Bereiche, in denen sie sich auskennen und wo sie ihre Erzählkunst immer wieder bestens entfalten können. Bei der Grand Dame der deutschen Krimis Ingrid Noll sind es Frauen unterschiedlichen Alters, die sich im Rhein-Neckar-Raum auf oft skurrile Weise von ihren Männern befreien. Martin Suter entwickelt seine Geschichten im gehobenen Business in der Schweiz und bedient, wie Martin Mosebach, dessen opulente Erzählungen entweder in und um Frankfurt oder an seinen Reiseorten spielen, den Voyeurismus eines Lesepublikums, das gerne am Leben der oberen Zehntausend teilhat. Robert Seethalers Erfolgsromane hingegen spielen in Österreich, sehr gerne in Wien, und seine Figuren sind meist einfache Menschen mit ebensolchen Schicksalen und Lebenswegen.

Der Roman Das Café ohne Namen spielt mitten in der österreichischen Hauptstadt der Kaffeehäuser und Cafés. Es sind die 1960er Jahre, der Krieg ist Vergangenheit, der Schutt langsam weggeschafft. Als sich die Hauptfigur Robert Simon ihren Traum vom Chef-Sein erfüllt, ist sie 31 Jahre alt, lebt als Kriegswaise bei einer einsamen Kriegerwitwe zur Untermiete und verdingt sich als Tagelöhner auf dem Karmelitermarkt. Robert Simon hat alle Freiheiten, arbeitet mal hier, mal da und alles andere als regelmäßig, so dass das Pachten eines Cafés den „Abschied von der Unbekümmertheit seiner Jugend“ bedeutet.

In 39 kurzen Kapiteln baut Seethaler ein ganzes Milieu mit seinen Eigenarten und Figuren auf. Die Marktleute und andere rechtschaffende Menschen oder „all die verlorenen Seelen“, wie Simon selbst sagt, werden zu mehr als Gästen im neuen, kleinen Café, das durch die Marktnähe und seine Einfachheit seine Existenz erhält. Alles ist vom Autor so selbstverständlich und wohlformuliert beschrieben, dass man sich wie in einem Dokumentarfilm vorkommt. Die historischen und politischen Fakten sind dabei nur ein Rahmen für die (fiktive) Normalität, aus der Seethaler auch dieses Mal schöpft, um kleine Vorkommnisse zu literarischen Ereignissen zu stilisieren.

Mit einer spartanischen Speisen- und Getränke-Karte und der arbeitslosen Hilfsnäherin Mila Szabica als Kellnerin stemmt Robert Simon ein Jahrzehnt lang den Arbeitsalltag als Wirt. „Man sollte sich immer ein bisschen mehr Hoffnung als Sorgen machen“, rät ihm seine Vermieterin schon bei der Eröffnung des Cafés. Sie ist auch diejenige, die ihm über die erste Stille beim Wintereinbruch mit dem Rat, es bräuchte einen Punsch und dem dazugehörigen Rezept unter die Arme greift.

Zwischen Karmelitermarkt, Leopoldstadt und Prater kann man bei Alkohol und Salzgurkerl das kleine Glück in schweren Zeiten erlesen. Soziale Ungerechtigkeiten, banale Unfälle, Schicksalsschläge sowie Liebeleien, Romantik, Streit und Rausch gehören für alle dazu. Niemand muss bei Seethaler politisch oder gesellschaftlich Stellung beziehen oder Lösungsvorschläge für die großen Probleme ausdenken. Es reicht, einfach zu leben. Wie es der Fleischermeister Berg, der Ringer René Wurm, die Milch- und Käsehändlerinnen, Bohemians und andere Gäste unkompliziert tun. Zwar verändern Supermärkte und Spülmaschinen die Welt, dies wird aber nur beiläufig erzählt. Der erdrückenden, schweißtreibenden Schwüle vor einem aufziehenden Gewitter, das sich als reinigender Platzregen entpuppt, oder einer Hochzeitsgesellschaft, bestehend aus dem in den Einzelkapiteln eingeführten Figurenensemble, kommt in dieser entschleunigten Geschichte in jeder Hinsicht eine wesentlich größere Rolle zu. Köstliche Miniaturen liefert der Autor durch die eingeflochtenen Dialoge á la Sitzen-zwei-Damen-im-Café, in denen über das Wetter, die Männer, schaffnerlose Straßenbahnen oder die eigene Beerdigung philosophiert wird. Klatsch und Tratsch komplettiert so mit seiner Perspektive das Milieu und schenkt zeitlose Weisheiten („In Wien, […] ist jeder nette Mensch verdächtig.“), die man bei einem Achtel Rot („Das sieht so schön aus in der Sonne.“) genießen kann.  

Und genau darin liegt der Erfolg von Seethalers Roman(en). In einer Zeit, in der der technische Fortschritt eine ungeheure Rasanz an den Tag legt, 4.0 längst 2.0 abgelöst hat, kommt eine Geschichte, gekonnt aufgebaut und kunstvoll variiert, aber intellektuell wenig herausfordernd, leichtfüßig und wie gerufen daher. Der Leserschaft fehlt es an nichts. Sie tanzt im Geiste auf der Abschiedsparty mit und sieht einem Fest, das wie ein „Aufflackern einer fast schon erloschenen Zeit“ wirkt, zusammen mit Robert Simon, melancholisch zu.

Titelbild

Robert Seethaler: Das Café ohne Namen.
Roman.
Claassen Verlag, Berlin 2023.
288 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783546100328

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