Die Häuser denen, die drin wohnen

Barbara und Kai Sichtermann bieten vielfältige Einblicke in die Geschichte der Hausbesetzung

Von Johannes GroschupfRSS-Newsfeed neuer Artikel von Johannes Groschupf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Als ich mich von meinem ersten Mann getrennt habe, brauchte ich eine Wohnung. Da hat mir jemand den Tipp gegeben: in der Templiner Straße. Dann bin ich dort in die leerstehende Wohnung eingebrochen mit einem Schlüssel – nein, mit einem Schlüssel eben nicht. Ich habe das Schloss aufgebrochen.“ Die damalige Besetzerin wurde später immerhin Bundeskanzlerin: Angela Merkel.

Diese Anekdote aus den frühen 1980er-Jahren in Ost-Berlin ist nur eine Stimme aus dem großen, vielfältigen Chor von Stimmen, die Barbara und Kai Sichtermann in ihrer Oral History Das ist unser Haus versammelt haben. Ihre „Geschichte der Hausbesetzung“ erzählt von den Sehnsüchten und Kämpfen, den Niederlagen und Erfolgen einer jungen Generation vor 30, fast 40 Jahren – und es ist in seiner lebendigen, ermutigenden Form ein Geschenk an die Gegenwart. Denn in Zeiten ständig steigender Mieten in allen großen Städten, zunehmender Gentrifizierung und der Verdrängung einkommensschwacher Mieter aus den Innenstädten kommt ein Geschichtsbuch wie dieses gerade recht.

Die Geschwister Sichtermann – sie Publizistin, er Musiker, beide in unterschiedlicher Form seit den 1970er-Jahren im linksalternativen Milieu zu Hause und auf unterschiedliche Weise in die Häuserkämpfe jener Jahre involviert – haben sich auf die Reise gemacht, um noch einmal in die Epoche zwischen 1970 und 1995 zurückzukehren, vor allem aber, um die Beteiligten, die Akteure jener Zeit zu befragen. Sie haben Geschichten, Erinnerungen, Analysen zu den damaligen Brennpunkten Berlin, Frankfurt, Hamburg und Köln zusammengetragen. Und sie haben mit Freiburg, Tübingen und München sowie Monheim, Hannover und Göttingen auch andere Schauplätze mit ganz eigenen Konstellationen besucht. Zudem werfen sie einen Blick hinüber zu den Nachbarn nach Dänemark, in die „Freistadt Christiania“ in Kopenhagen, in die Niederlande zur Kraker-Bewegung als Vorbild, in die Schweiz und nach Österreich.

Zentral aber war die West-Berliner Zeit, der im Buch am meisten Platz eingeräumt wird. Zwischen 1980 und 1984 befand sich der Häuserkampf hier in seiner intensivsten Phase, es gab zeitweise über 180 besetzte Häuser in West-Berlin (bundesweit etwa 400 Häuser). Die heimliche Strategie und Kooperation zwischen Stadtregierung und Immobilienmaklern, ganze Straßenzüge verwahrlosen zu lassen, um sie dann abzureißen, sorgte bei vielen Berlinern für Unmut und Ärger. Die Initiativen der jungen Leute, etwas gegen die Wohnungsnot bei offensichtlichem Leerstand zu tun, indem sie die maroden Häuser kurzerhand besetzten und zu renovieren begannen, hatten einen starken Rückhalt in der Bevölkerung, zumindest in den ärmeren Bezirken. Anders als die eher intellektuelle Studentenbewegung um 1968 war die Szene der Hausbesetzer anfangs unpolitisch und rein praktisch orientiert. Es waren Lehrlinge, Trebegänger oder Heimkinder, die einfach Wohnraum brauchten. Einer der Erstbesetzer des Georg-von-Rauch-Hauses, Bernhard Käßner, erzählt, wie sie dann von den Linken entdeckt wurden: „Das war reiner Polittourismus. ‚Ach guck mal, Proletarier, die machen da mal was selber – ist ja interessant. […]‘ Wir Lehrlinge waren da wie die Exoten im Zoo.“

Das Buch erzählt nicht nur von dramatischen Besetzungen, den Kämpfen mit der Polizei oder den politischen Verhandlungen, sondern vor allem vom Alltag in den besetzten Häusern. Es ging nicht nur um Wohnraum, sondern auch um neue Lebensformen, um ein gemeinschaftliches, kollektives Wohnen. Aus dem Abenteuer der Besetzung wurde ein politischer Alltag, der ständig neu verhandelt wurde: „Und genau diese Aufgabe war es, die den Bewohnern eines besetzten Hauses Zusammenhalt verlieh, sie einander persönlich nahebrachte, sie in eine eingeschworene Truppe verwandelte, ihnen aber auch Krach und Konflikte bescherte.“

Die Hausgemeinschaften versammelten sich auf dem berühmt-berüchtigten Plenum, um zu beraten. Anfangs permanent, dann einmal täglich, dann zweimal in der Woche und allmählich immer seltener. Die dort geführten Diskussionen waren hitzig und grenzenlos: Wer verhandelte mit den offiziellen Stellen? Wer machte den Abwasch? Wer schlief mit wem? Wer durfte zu Besuch kommen? Wer hatte den Plattenspieler geklaut? Die Sichtermanns sparen die Schattenseiten dieser Lebensform nicht aus. „Das Leben im Schatten der Räumungsdrohung war nichts für Kinder und Illegale, es herrschte ständige Spitzelfurcht, und manche Bewohner drifteten in einen regelrechten Verfolgungswahn ab. […] Auf den Plena, so berichten die Beteiligten übereinstimmend, setzten sich regelmäßig die mit dem längsten Atem durch oder, auch nicht viel besser, die Clowns oder Schreihälse.“ Dennoch – es war eine Zeit der wilden Experimente, auch in den Künsten, auch zwischen den Geschlechtern.

Das ist unser Haus ist schön und solide aufgemacht, die 45 Abbildungen sind sorgfältig ausgesucht und bieten nicht nur Fotos von Straßenkämpfen jener Jahre, sondern auch eher familiäre Bilder vom gemeinsamen Frühstück einer WG. Flugblätter, Karikaturen, Collagen aus Fanzines, Liedertexte und Zitate geben ein lebendiges Bild der Zeit. Entstanden ist wirkliches Lesebuch.

Was ist aus der Hausbesetzerbewegung geworden? In einem Gespräch mit Barbara Sichtermann sinniert Daniel Cohn-Bendit: „Die Bewegung selbst ebbte irgendwann ab, und dann war der Katzenjammer groß. Aber das ist immer so, muss wohl so sein. Ich vergleiche die Bewegungen, alle Bewegungen, mit dem Meer: Das geht auf und ab, geht hoch und wieder runter. Das ist wie Ebbe und Flut. Man wünscht sich, dass die Bewegung stark bleibt, dass sie oben bleibt, aber das geht nicht, die Ebbe kommt unweigerlich.“

30 Jahre ist das mittlerweile her. Die meisten der damaligen Projekte sind legalisiert, manche aufgegeben, andere linksalternativ verspießert. Doch die Wohnungsnot kehrt zurück, die Verdrängung der einkommensschwachen Mieter aus den Innenstädten ist überall spürbar. Sind Hausbesetzungen heute noch zeitgemäß? Diese Frage, auf einer Diskussionsveranstaltung in Essen 2014 gestellt, beantwortete der Stadtforscher Tino Buchholz: „Absolut.“ Und der Künstler Joscha Hendricksen ergänzte: „Häuser sind ja auch noch zeitgemäß.“

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Barbara Sichtermann / Kai Sichtermann: Das ist unser Haus. Eine Geschichte der Hausbesetzung.
Aufbau Verlag, Berlin 2017.
300 Seiten, 26,95 EUR.
ISBN-13: 9783351036607

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