Radikale Poesie

Helmut Grugger demonstriert in „Der radikale Poet Werner Schwab“, dass dessen Texte weit mehr aufweisen als simple Schock-Effekte

Von Markus Oliver SpitzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Markus Oliver Spitz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Grugger vertritt nach eigener Aussage einen literaturwissenschaftlichen Ansatz, welcher den Text als „Schnittstelle“ betrachtet. Anhand dreier Unterkategorien (Theaterstar, Enfant terrible, Antipopulist) unternimmt er es, einerseits die erste zusammenhängende Darstellung Werner Schwabs als öffentliche Figur zu liefern, welche dabei andererseits schwerpunktmäßig auf die Poetik abzielt. Dieser Dreischritt von Figur, Werk und Poetik mündet in eine durchaus überzeugende, lesbare und lesenswerte Studie des Gesamtwerks.

Schwab, der Theaterstar. Hier wird der zeitweilige Hype um die Person Werner Schwab abgehandelt, von jenem ein Stückweit selbst initiiert nach dem Motto: Das Gemäßigte ist das Langweilige. Grugger benennt zehn Topoi, welche einen medialen Diskurs über den Dramatiker als Person stiften. Das Genie aus kaputtem Elternhaus, das Enfant terrible, der exzessive Alkoholkonsum – all dies sind jedoch lediglich biografische Splitter, welche von der kritischen Rezeption der Werke ablenken.

Schwab, der Anti-Populist. Bereits unter dieser, allerdings noch vagen Klassifizierung lassen sich erste, in den Dramenzyklen Fäkaliendramen und Königskomödien immer wieder aufscheinende Aspekte fassen. Zuvorderst das Körperliche, Flüssige, Ekelhafte, eine gewissermaßen „abartige Koketterie mit dem Abartigen“ (Hochschwab). Ganz ähnlich verhält es sich mit der Darstellung einer „bizarre[n] bürgerliche[n] Sexualmoral,“ welche bereits bei Arthur Schnitzler angelegt ist. Sodann der Motivkomplex von physischer wie psychischer Gewalt und Kannibalismus, welcher jedoch keineswegs bloßer Show-Effekt ist, sondern der Analyse sozialer (Macht-)Verhältnisse und Interaktion durch Übertreibung dient. Schließlich illustriert Schwab den Niedergang des Geistigen wiederholt durch die Verwendung kunstkritischen Diskurses und die Zeichnung seiner Intellektuellen-Figuren (Haubenschweiß, Pestalozzi, Faust, etc.) als schwach, triebfixiert und prätentiös. In Umkehrung der klassischen Formulierung haben wir es nunmehr mit ungesunden Geistern zu tun, die in ungesunden Körpern hausen und sich und andere zerstören.

Grugger behandelt sämtliche Dramen aus Schwabs wohl wichtigsten Dramen-Zyklen. Dabei stellt er jeweils eine Kurzzusammenfassung des Inhaltes voran und deutet sodann auf formale Aspekte voraus, wie sie dann eingehend im achten Kapitel „Zur Poetik Schwabs“ behandelt werden. Darüber hinaus ist Kapitel sechs den Coverdramen und dabei insbesondere der Herausarbeitung der Gemeinsamkeiten, Unterschiede wie auch der Fortführung des jeweiligen Ausgangstextes (Schnitzlers Reigen, Faust-Stoff, Shakespeares Troilus und Cressida, Antiklimax mit Anleihen Schwabs aus dem eigenen Werk) gewidmet.

Das achte Kapitel steht sicherlich im Zentrum der Studie. Auf der Basis der aus der detaillierten Analyse der Dramen gewonnenen Einblicke kann es Grugger unternehmen, konkret auf die Poetik der Desubjektivierung einzugehen. Diese „variiert, entfremdet und zersetzt“ traditionelle Vorstellungen von Subjektivität. Wenn beispielsweise Frau Kovacic in Volksvernichtung als Replik auf die Kraftausdrücke ihres Mannes ausführt, es reiche jetzt „mit den unanständigen Frauenausdrücken, weil freilich ich selber auch eine Frau sein muss mit einer Frauenehre,“ dann  – so fasst es Oliver Bukowski im von Daniela Bartens und Harald Miesbacher herausgegebenen Dossier Werner Schwab – „wissen [wir] sehr wohl, wie der Satz eigentlich lauten müsste. Nur deshalb erkennen wir, was Schwab will.“  Was er letztlich will, ist laut Grugger die Veranschaulichung einer Tendenz zur Sprach- und Bedeutungsauflösung, wie sie insbesondere in Mein Hundemund, Offene Gruben. Offene Fenster und MESALLIANCE aufscheint.

Charakteristisch für Schwabs Stücke sind gleichfalls das Spiel (im Spiel wie auch mit dem Absurden) und die Erstellung scheinlogischer Zusammenhänge. Nicht zuletzt ist auf die vielzitierte spezifische Sprachverwendung einzugehen. Diese sieht Grugger zuvorderst durch Idiomatik, Personifikationen, Metonymie, Passivformen sowie die gehäufte Verwendung „sinnstörende[r] Modalverbhäufungen“ charakterisiert. Dass die Figuren oftmals von der Sprache gesprochen, dass sie „zum (passiven) Objekt der Aussage“ werden, veranschaulicht somit, inwiefern ihr sprachlicher Habitus sie an Macht- bzw. Ohnmachtspositionen stellt.

Grugger formuliert eingangs seiner Studie: „Mit Werner Schwab tritt ein Autor auf, der im Positiven wie im Negativen einen eigenen Stil und eine eigene Stimme entwickelt.“ Die Person Werner Schwab ist verglüht, der Konflikt zwischen dem Kreatürlichen und dem Geist bleibt allerdings „als Herausforderung bestehen und verleiht seinen Stücken andauernde Aktualität.“ (Ingeborg Orthofer, gleichfalls im Dossier)

Angesichts der kontinuierlichen Präsenz Schwabscher Stücke auf den Spielplänen (gerade Die Präsidentinnen) lässt sich ergänzen: Wenn schon nicht das Gesamtwerk mit den Coverdramen und der fragmentarisch-enigmatischen Prosa, deren Bedeutung Grugger im Hinblick auf die sich sukzessiv entwickelnde Poetik und Dramenproduktion Schwabs verortet, so ist doch zumindest der Teil der dramatischen Werke, welcher der Dialektik von Erhöhung und Erniedrigung, Auf- und Abwertung folgt, aufgetreten, um zu bleiben.

Titelbild

Helmut Grugger: Der radikale Poet Werner Schwab.
Sonderzahl Verlag, Wien 2022.
280 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783854496090

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