„Sprache im Technischen Zeitalter“ mit dem LCB

Lesung der Teilnehmer*innen der Berliner Autorenwerkstatt 2018 am 22. März

Von Anna Christina KöbrichRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anna Christina Köbrich und Carina MergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Carina Merg

Sie heißen Sebastian Behr, Esther de Soomer, Andre Hansen, Valeria Gordeev, Carolin Krahl, Marc Lunghuß, Anna Ospelt, Janna Steenfatt, Lea Wintterlin – und fast alle sind studierte Literaturwissenschaftler*innen. Als Teilnehmer*innen der Berliner Autorenwerkstatt hatten sie die Möglichkeit, unter der Leitung von Antje Rávik Strubel und Thorsten Dönges an vier Wochenenden mit ausgewählten Gästen im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) an ihren Texten zu arbeiten.

Dass – wie von Anja Rávik-Strubel angemerkt – während der Werkstatttage im vergangenen Herbst Stilfragen im Zentrum der Arbeit standen, ist hörbar – sorgfältig überdacht, geschliffen und keineswegs überfrachtet sind diese Texte ausgestaltet. Nachdenklich lassen die meisten ihr Publikum zurück und besitzen das Potenzial, den einen Leser oder die andere Leserin auf eigene Wunden zu stoßen. Dabei taten die Veranstalter gut daran, die Lesung in einem abgetrennten Raum abseits des Messetrubels stattfinden zu lassen, um bei allen Beteiligten für die erforderliche Konzentration zu sorgen.  

In Sebastian Behrs Miniquidi bedrückt die Normalität – der routinierte Familienablauf um die ständig zu erledigenden Schulaufgaben – die Kindheit eines Jungen in einem sächsischen Dorf der 1990er Jahre. Seine Welt, die hauptsächlich das Erfüllen sozialer Rollen kennt, dreht sich im Kreis:

Er mochte nicht die Vögel, die durch das geöffnete Fenster piepsten und zirpten und tirilierten, am Tag wie in der Nacht, und er schloss das Fenster und musste früh immer zur Schule und bekam sein Müsli auf den Tisch hingestellt und wurde zur Tür begleitet und wurde verabschiedet und lief zum Bus. Und kam nachmittags zurück und stellte den Ranzen in seinem Zimmer ab und das Fenster war geöffnet und die Mutter ging wie zufällig an der Zimmertür vorbei.

Die Routinen verlangen ihren eigenen Gehorsam, sie lassen keinen Platz für Individualität. Ihre Ordnung ist nicht zu durchbrechen, die Familie gleicht einer Zweckgemeinschaft – Individualität und persönliche Entwicklung im zwischenmenschlichen Kontakt sind nicht vorgesehen, man existiert nebeneinander her: „Der Vater redete aber nicht mit dem Großvater. Und so musste man immer nachdenken, was man zum Großvater und was man zum Vater sagte“.  Dabei regen sich in dem Jungen Bestrebungen, als Ich aufzugehen, sich abzugrenzen, sich abzunabeln – etwa von der übermäßigen Nähe der Mutter. Ein Ausweichversuch mit zunehmendem Konfliktpotential mündet in ein Unglück: In einem verlassenen Haus fügt das Nachbarsmädchen im spannungsgeladenen Spiel dem Jungen eine Kopfverletzung zu. Die aggressive Reaktion der Mutter stellt eine indirekte Strafe für den gewagten Störversuch des Familiensystems dar: Wer ausbricht, wird vor Gericht gestellt.

Behr führt den Leser*innen klare Szenen vor Augen und schafft es, die erdrückende Wirkung des immer Gleichen einfühlsam zu transportieren. Er überzeugt mit einer reichen Palette beim Ausmalen der Familiengräue – trostlose Trübseligkeit beherrscht die modernde Atmosphäre inmitten der eigentlich freien, grünen Natur.

Janna Steenfatt verhandelt in Die Überflüssigkeit der Dinge Identitätsfindung und Sehnsucht.  Nach dem Tod der Mutter begibt sich die Protagonistin Ina in Begleitung ihres Mitbewohners Falk auf die Suche nach ihrem bisher unbekannten Vater. Der veröffentlichte Ausschnitt widmet sich vor allem der Beziehung von Ina und Falk, die von Verschrobenheit und unterschwelliger Erotik geprägt ist. In heiter-ironischem Ton philosophieren die beiden über Todesarten, kochen, gehen feiern. In der WG herrschen eingefahrene Routinen, Rituale, die beide nicht missen wollen. Für die Leser*innen latent spürbar blitzt – kontrastierend zur oberflächlichen Sorglosigkeit des Textes – Inas Verletzlichkeit durch: ihre Angst, nicht zu genügen, falsche Entscheidungen getroffen zu haben, zurückgewiesen zu werden. Im Zentrum steht immer wieder der Körper, dessen Beschreibungen dem Text einerseits Sinnlichkeit verleihen, in Bezug auf Falk aber auch als soziale Haut wirkt. Während bei ihm alles in ambitionsloser bester Ordnung scheint, steht Ina an einem Scheideweg, weiß nach dem familiären Todesfall nichts mit sich anzufangen.

Eine kleine, schwachsinnige Sehnsucht überfiel mich, nach einem neuen, einem ganz anderen Leben. Hier, in diesem Dorf, in einer Straße, die den Namen eines Vogels trug, in einem Haus, das nicht mir, sondern der Bank gehörte. Die Möglichkeit so zu leben. Hatte ich eine Entscheidung getroffen, es nicht zu tun?

Der Ausschnitt aus Die Überflüssigkeit der Dinge erzählt von nicht ausgelebtem erotischem Genuss, führt Figuren mit Identifikationspotenzial an und lässt die Leser*innen neugierig auf Inas bevorstehende Reise zu ihrer Herkunft und letztlich auch zu ihr selbst zurück.

Exemplarisch stehen die ausgewählten Texte und Autor*innen für die Vielfalt an Möglichkeiten, die sich jungen Erzähler*innen der Gegenwart im Bereich Prosa eröffnen. Die Autorenwerkstatt des LCB ist darauf ausgerichtet, „kein Schema für einen zeitgemäßen oder unzeitgemäßen Text zu haben und stattdessen den unterschiedlichen Stimmen zu folgen, die sich in […] [der] Gegenwart literarisch behaupten wollen.“ Die neun Autor*innen zeigen eindrucksvoll, wie sensibel und kontrastreich ihre Gegenwartsprosa aussieht. Man darf gespannt sein, welche Überarbeitung die Manuskripte bis zur Veröffentlichung letztlich noch erfahren. Jetzt schon erhältlich sind die Texte in Heft 229 der Zeitschrift Spritz. Sprache im technischen Zeitalter des Böhlau Verlags.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen