Strom, Krieg und tote Schriftsteller
Saša Stanišićs „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“ bringt gesprochene Worte zu Papier
Von Alexandra Zweig
Ein leuchtend gelbes Cover mit einer großen Glühbirne. Das ist das Erste, was auffällt, wenn man Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird (2025) von Saša Stanišić in die Hand nimmt. Die erste Assoziation: Sachbuch. Vielleicht ein Ratgeber. Irgendetwas zur Selbstreflexion oder zum Sich-seiner-selbst-bewusst-Werden. Der zweite Blick geht zum Namen des Autors. Er ist viel größer gedruckt als der Buchtitel. Saša Stanišić. Kein Autor, der für Ratgeber bekannt ist. Nein, Stanišić schreibt Romane und inzwischen auch Kinderbücher. 2014 wurde er für Vor dem Fest mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet und 2019 bekam er den Deutschen Buchpreis für Herkunft. Und auf einmal ein Ratgeber? Unwahrscheinlich. Der dritte Hinweis: der Titel – Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird. Vielleicht doch eher Satire? Gleichzeitig erinnert der Titel an Stanišićs Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne. Ein ähnlich langer Titel, von dem aus sich ebenfalls nicht auf das Buchgenre schließen lässt. So verrät erst der Klappentext, was sich zwischen dem gelben Einband verbirgt: „Es sind Reden drin.“
Acht Reden, die Stanišić zu unterschiedlichen Anlässen gehalten hat – Preisverleihungen, Poetikvorlesungen, Eröffnungen. Und eine neunte, die er „mal in Graz halten möchte, Anlass egal.“ Wer bei Stanišić an seine Romane denkt und mit dieser Erwartungshaltung dieses Buch gekauft hat, wird bitter enttäuscht sein. Auf maximal 20 Seiten kann man keine Geschichte aufbauen. Lässt man diese Erwartungshaltung aber zurück und geht offen an das Buch heran, dann wird man die eine oder andere Sache lernen. Stanišićs Reden sind nicht alle chronologisch. Er springt beim Reden hin und her zwischen fiktiven Geschichten und Anekdoten aus seinem Leben und dem Bezug zur Gegenwart. Geschickt verwebt Stanišić Fiktion mit Realität, sodass man manchmal glaubt, Stanišić erzähle eine Anekdote, aber dann stellt man nach fünf Seiten überrascht fest, dass er sich doch alles ausgedacht hat. Durch die erzählerischen Elemente fühlt man sich gut unterhalten, bevor Stanišić den Lesenden die Realität knallhart vor Augen führt. Ein mahnender Zeigefinger umringt von Erzählungen und Vergleichen.
Durch die Rede an die Jugend: Mein Strom gleitet man ohne Probleme in das Buch hinein. Es startet unterhaltend, mit einer autobiografischen Anekdote über Stanišićs Physikunterricht: Er versteht Strom nicht. Für das Publikum gut gewählt, da die Rede vor einem Schülerpublikum gehalten wurde. Der Strom zieht sich als Vergleich durch die gesamte Rede. Zu diesem Zeitpunkt schlägt noch Stanišićs Selbstironie durch. „Ich werde also von einer Sache sprechen, die ich nicht wirklich verstehe, und eine andere meinen, die ich eigentlich auch nicht wirklich verstehe, Schriftsteller machen so was oft.“ Das konkrete Erlebnis und die damit verbundene Leichtigkeit verschwinden langsam. „Die Schule ist fließender Strom, mit guten und weniger guten Lehrkräften als Schalter oder Widerständen.“ Bis nur noch die Realität übrigbleibt. Und diese beschäftigt sich mit schuftenden Eltern, Grenzsoldaten, die über dein weiteres Leben entscheiden, und Freunden, die abgeschoben werden. Die Leichtigkeit verfliegt und die Lesenden bleiben mit einem Gefühl der Beklemmung zurück – es scheint, als würden Menschen willkürlich über das Leben anderer bestimmen.
Grenzsoldaten und Krieg – ein häufiges Motiv in Stanišićs Reden. Kein Wunder, haben die Jugoslawienkriege doch seine Kindheit geprägt. Krieg findet sich auch in der Rede Genossin Rozalija Mimić. Wieder lässt Stanišić die Lesenden im Glauben, dass alles gut ist. Leichtigkeit und Wortwitz werden durch die Beschreibung der Genossin vermittelt:
Es brauchte aber nur wenige Unterrichtsstunden, damit wir verstehen konnten, dass Genossin Rozalija Mimić die strengste, gnadenloseste, no bullshit Lehrerin des bekannten und unbekannten Universums war.
Bis der Krieg die Erzählung einholt und andere Lehrkräfte sterben. Die Beklemmung wird dieses Mal dadurch verstärkt, dass Stanišić aus der Chronologie seiner Erzählung ausbricht. Er baut eine Brücke zu Schriftstellern heute, die auf Grund von Krieg in Gefahr sind, bevor er in seine Kindheit zur Genossin Mimić zurückkehrt.
Zu diesem Zeitpunkt möchte man das Buch gerne zuschlagen und von sich schieben. Es ist real, was Stanišić schreibt. Man kann es nicht als Fiktion abtun. Die Lesenden sind durch seine Worte gezwungen, sich mit der Vergangenheit Osteuropas auseinanderzusetzen. Aber Stanišić kann nicht nur Krieg. Das beweist er mit einer Rede über eine Weinprobe.
Die Rede Die Weinprobe – Rede, die ich mal in Graz halten möchte, Anlass egal hebt sich auf den ersten Blick von den anderen Reden ab. Es gibt keinen Krieg, nur Unterhaltung. Ist man in der österreichischen Literaturszene nicht bewandert, so liest man die Rede und denkt sich nichts dabei. Kennt man sich etwas aus, weiß man bereits beim ersten Satz, dass etwas nicht stimmt: „Thomas Bernhard ruft an.“ Thomas Bernhard ist 1989 gestorben. Stanišić wurde 1978 geboren. Somit hat Bernhard Stanišić niemals zu einer Weinprobe eingeladen. In der Rede tauchen noch weitere österreichische Schriftsteller:innen auf, die meisten von ihnen sind tot.
Hier gibt es keinen offensichtlichen mahnenden Zeigefinger. Damit stellt diese Rede einen großen Bruch zu allen anderen dar. Dient sie nur der Unterhaltung? Oder ist es eine versteckte Kritik an der österreichischen Literaturszene, da die Reaktionen auf den getesteten Wein ziemlich übertrieben wirken: „Dieser Rotwein empfindet keine Sehnsucht mehr, aber eine selbstlose Daseinslust und zuzeiten ein animalisch gewordenes, auf die Augenlider drückendes Bedürfnis nach Heil.“ „Friederike Mayröcker rollen Tränen aus dem innersten Leib.“ Am Ende ist nur klar, dass Bernhard den Durchblick hat und alle anderen getäuscht wurden. Setzt man Friederike Mayröckers Reaktion aber mit ihrem Schreiben in Verbindung, dann scheint ihre Reaktion nicht mehr übertrieben, da sie für ihre melancholischen Texte bekannt ist.
Diese Rede lässt die Lesenden verwirrt zurück. Man weiß nicht recht, was man damit anfangen soll. Stanišić setzt voraus, dass man all die Schriftsteller und ihre Art zu schreiben kennt und generell Hintergrundwissen zur Literaturszene Österreichs hat. So zum Beispiel:
[Bernhard] knöpft gar sein Hemd auf und – ich könnte schwören – nickt freundlich (!) der Miniaturprosakoryphäe Barbi Marković zu.
Als Bernhard starb, war Marković neun Jahre alt. Eine persönliche Bekanntschaft gibt es daher zwischen den beiden nicht. Allerdings veröffentlichte Marković 2006 in Serbien eine Adaption von Bernhards Erzählung Gehen. Diese Übersetzung müsste nach Stanišić im Sinne Bernhards gewesen sein, sonst würde dieser Marković nicht freundlich zunicken. Auch die Pointen bezüglich Ernst Jandl und Georg Trakl gehen unwissenden Lesenden verloren. Mit „why no why nein we in weinen wann vanille wen wie weinen wähnen reben nussabgang“ orientiert sich Stanišić bei Jandls Redebeitrag stark an dessen experimenteller Poetik. Und mit „Ihr könnt [den Wein] mir geben, mit dem Feuer kann ich bestens leben!“ verweist er auf das Drogen- und Alkoholproblem Trakls.
Ohne dieses Wissen bezüglich der Literaturszene Österreichs ist die Weinproben-Rede immer noch unterhaltsam, aber die Wortbeiträge und kleinen Interaktionen zwischen den Schriftsteller:innen können nicht in Gänze verstanden werden. Dadurch geht den Lesenden viel von Stanišićs Wortspielereien und seiner Literaturkenntnis verloren.
Eines ist nach der Lektüre klar. Stanišić weiß mit seinen Worten umzugehen. Er nimmt die Lesenden an die Hand, wickelt sie ein mit seinem Wortwitz und konfrontiert sie mit der harten Realität. Und wenn diese nicht mehr auszuhalten ist, kehrt er zum Humor zurück. Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird,ist kein Buch, das man einfach so durchliest. Schon der Aufbau verhindert das. Spätestens alle 20 Seiten muss man sich auf ein neues Thema einstellen. Es ist ein Werk, das einen auf der einen Seite zum Schmunzeln bringt und auf der anderen Seite schlucken lässt.
„Die Rede argumentiert anschaulich, die Rede übertreibt übermäßig, die Rede alliteriert, die Rede lässt Emotionen zu.“ Getreu diesem Motto sind die Reden ganz unterschiedlich und doch verbunden, da Stanišić immer etwas von sich selbst in seine Reden einfließen lässt.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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