Eine theoretische Frage – oder doch eine moralische?

Matthias Nawrat untersucht mit seinem Roman „Das glückliche Schicksal” menschliches Verhalten

Von Liliane StuderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Liliane Studer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auch in seinem sechsten Roman Das glückliche Schicksal wendet sich Matthias Nawrat der Geschichte Polens im 20. Jahrhundert zu. Geboren 1979 in Opole (PL) und 1989 mit seiner Familie nach Bamberg emigriert, bleiben die Themen Emigration, Flucht, Ostblockländer, Zweiter Weltkrieg für ihn virulent. Getragen wird Das glückliche Schicksal von Wanda Karłowska, einer jungen Psychologin aus Krakau, und Henryk Michajlowicz Mrugalski, einem Philosophen und Sozialwissenschaftler mit Jahrgang 1918, der mittlerweile in Venedig lebt. Hier besucht ihn Wanda 1983. Vordergründig interessiert sie sich im Rahmen ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit um Mrugalskis Forschungen zu menschlichem Verhalten. Doch dahinter steht das viel dringendere Motiv, herauszufinden, wer er wirklich ist.

Henryk Mrugalski wurde 1940 von den Sowjets wegen staatsfeindlicher Aktivitäten verhaftet und zu Lagerhaft im Ural verurteilt. In den fünfziger Jahren emigrierte er nach London, um das menschliche Verhalten mithilfe mathematischer Modelle zu erforschen. Seine Studien vertiefte er in Kalifornien, bevor er nach Europa zurückkehrte und sich in Venedig niederließ, im hässlichsten Viertel, das mit seinen blockartigen Mietbauten an die Plattensiedlungen in Polen erinnerte. In der ärmlichen Zweizimmerwohnung des Ehepaars Mrugalski bekommt Wanda eine Schlafgelegenheit in der Küche. Mit Mrugalski unternimmt sie Einkaufsspaziergänge oder befragt ihn in der Wohnung. Ihr Aufnahmegerät hat sie mit dabei, denn vielmehr als seine Forschungen interessiert sie sich dafür, ob ihre Vermutung, dass Mrugalski nicht nur Opfer, sondern auch Täter ist, stimmen könnte.

Die beiden Hauptfiguren umkreisen sich, ohne wirklich offen miteinander zu reden.

Die zahlreichen weiteren Informationen, die für das Verständnis dieser komplexen Geschichte hilfreich, ja notwendig sind, vermittelt der Autor über andere Erzählstränge, die er in unterschiedlichen Zeiten ansetzt. Die Kapitel aus den 1940er-Jahren erzählen von unmenschlichen Verhältnissen in Lagern, die Mrugalski überlebt hat, sowie von der Zeit nach Kriegsende 1945, als er in der Stadtverwaltung von Krakau arbeitete, ohne dass klar würde, welche Funktionen er ausübte und ob er die Rolle eines Täters übernommen hatte. Die Frage bleibt offen, Wanda gelingt es nicht, diesbezüglich die «Wahrheit» zu erfahren. In den Kapiteln, die mit «Krakau 1982–1983» überschrieben sind, erfahren die Leser:innen mehr vom Leben Wandas und ihrem Freund Marian in Krakau und vom Klima im Land kurz vor und während des Streiks in der Danziger Lenin-Werft, zu dem Lech Wałesa und die Gewerkschaft Solidarność aufgerufen haben. Letztere wird in der Folge verboten, in Polen das Kriegsrecht ausgerufen.

Matthias Nawrat legt einen vielschichtigen Roman vor, der vor allem Fragen aufwirft, ohne diese jedoch zu beantworten. Neben der eigentlichen Haupthandlung, nämlich der Befragung Henryk Mrugalskis durch Wanda Karłowska und damit verknüpft der Frage, ob das Opfer zum Täter wird, vertieft sich der dichte Text in den Themenkomplex menschliches Verhalten und ob dieses ganz ohne Moral zu erforschen sei. Hier verfolgen Fragende und Befragter diametral entgegengesetzte Ansätze: Für Karłowska steht im Vordergrund, menschliches Verhalten auf der persönlichen Ebene zu untersuchen, verbunden mit der Frage nach dem moralischen Verhalten, nach der Moral. Mrugalski hingegen untersucht menschliches Verhalten auf der theoretischen Ebene, also unter Ausschluss des moralischen Anteils.

Das Lesen dieses Romans ist Denkarbeit (wie eigentlich das Lesen jedes Textes, der uns unbekannte Welten näherbringt, uns fordert – weshalb wir uns immer noch und immer wieder in Literatur vertiefen). Die verschiedenen Zeitebenen, die vielen (manchmal zu vielen) Personen, die unterschiedlichen Handlungsorte setzen eine Bereitschaft voraus, sich einzulassen, langsam zu lesen, Zusammenhänge selbst herzustellen. Dabei lässt sich vieles neu und/oder anders entdecken – ein großes Verdienst des Romans Das glückliche Schicksal von Matthias Nawrat.

Kein Bild

Matthias Nawrat: Das glückliche Schicksal.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2026.
272 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783498003654

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch