Ein Büchlein der besonderen Art

Dominik Sustecks „Andersräume – Vom Lärm der Stadt zur Weite des Raumes – Kölner Kirchen, Orgelklang und Stille” ist ein Reiseführer der besonderen Art

Von Karl BellenbergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karl Bellenberg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist verlockend, über Kölner Kirchen – gemeint sind neben dem gotischen Dom auch die zahlreichen romanischen – den Klang ihrer Orgeln und die Stille, die diese Räume vermitteln, zu lesen. Das Büchlein im Kleinoctav-Format liegt angenehm in der Hand und Dominik Susteck ist Liebhabern zeitgenössischer Orgelmusik kein Unbekannter, war er doch bis 2021 als Organist 14 Jahre an den weltberühmten Orgeln der Kunst-Station Sankt Peter in Köln tätig und hat sich als Komponist und Improvisator sowie Organisator des Festivals orgel-mixturen längst einen Namen gemacht. 

Mit Andersräumen legt er seine erste Monographie vor. Susteck nimmt den Leser mit in die Welten des Doms und der zwölf großen romanischen Kirchen Kölns (es gibt noch 16 kleine romanische Kirchen) und vermag mit sehr einfühlsamer Sprache deren Räume zu erschließen – ihre Weite und Stille, ihre Architektur mit den je eigenen Besonderheiten. Und die Akustik, die ihnen eigen ist und sie in ihrer Besonderheit erfahrbar macht: Andersräume! 

Das Büchlein ist weder ein reines Sachbuch noch nur die Erzählung einer Wanderung durch Köln. Seine Sprache ist fein, sensibel, ja stellenweise kontemplativ. Susteck lädt ein, sich auf die Besonderheiten dieser Andersräume einzulassen: ihre Erdgebundenheit, ihre Weite und Höhe, ihre Stille, die sich wohltuend absetzt vom gerade verlassenen Lärm der Stadt, ihre Erhabenheit auch und vor allem dann, wenn Chorgesang und Orgelmusik den Raum durchströmen. 

Der Autor vermag es, seine Feinnervigkeit als Musiker auf den Leser zu übertragen, der sich hineingenommen fühlt in diese besonderen Atmosphären. 

Immer wieder lässt uns Susteck gerade in der Beschreibung der Gegensätze Stadt und Kirchenraum diese Andersräume spüren, einfach in ihnen da zu sein und in ihnen “eine andere Erfahrung von Zeit, Aufmerksamkeit und Gegenwärtigkeit” zu erleben. Er lädt uns ein, zugleich die eigenen Innenräume zu erfahren. 

Andersräume, so Susteck, erschließen sich uns über mehrere Merkmale: ihre Architektur von romanischer Schlichtheit und erdgebundener Stabilität oder dem Himmelwärts und der Fragilität der Gotik, die Farbigkeit der Fenster im Kontrast zum Uni der Steine, die Akustik mit ihrem charakteristischen Nachhall, die Ohren und Gemüt weitet, die Geräusche und Stimmen anderer Besucher hie und da, die das Schweigen und die Stille des Raumes noch vertiefen, die kühle Luft, “wie ein stiller Atem”, den Geruch von Weihrauch, Kirchenbänken und Steinen und die Orgeln, die sich je und je mit ihrer klanglichen Charakteristik in den Räumen entfalten, zugleich auch “architektonische Körper im Raum” sind. 

Architektur ist dabei nie nur visuelle Kunst. Sie formt Bewegung und Haltung. Proportionen sprechen eine stille Sprache. Es werden Fragen nach Sinn, nach Herkunft und Zukunft, nach der eigenen Beziehung zur Welt, zur Spiritualität oder zu Gott provoziert. Der Raum wird zum Resonanzkörper; er soll auf etwas aufmerksam machen, das über ihn hinausweist. Vielleicht ist dies eine Form des Gebets: still zu sitzen und Räume als Andersräume zu erfahren. 

Die Orgeln sind natürlich für Susteck allein von Berufs wegen Zentren seines Buches. Er beschreibt sie auf vielfältige Weise: als Werke im Raum, als Instrumente, die in der Vielfalt ihrer unterschiedlichen Register/Stimmen und der Dynamik des Klanges unter den Musikinstrumenten schlechthin – klein wie groß – die Ausnahme bilden: als Instrumenten-Persönlichkeiten verschiedener Stilrichtungen, wie des Barock, der Romantik (auch der französischen der Cavaille-Coll), der Orgelbewegung des 20. Jahrhunderts und der zeitgenössischen Instrumente. Jedes ist für sich ein Unikat, wenige von großer Außergewöhnlichkeit, wie zum Beispiel die Orgeln in der Kunst-Station St. Peter Köln. 

Es gibt – und das ist etwas ungewöhnlich für einen Essay – eine Menge QR-Codes im Buch, die mit der Kamera eines Smartphones gescannt werden können und mit einem GPS-Navigationsprogramm (Karten-App) den betreffenden Kirchenort in Köln anzeigen sowie über den dortigen Start-Button eine genaue Navigation vom momentanen Standort aus dorthin gestatten. – Eher ein Gag, denn kaum jemand wird buchlesend zum nächsten Kirchenort wandern.

Eine zweite Sorte QR-Codes führt auf die Homepage von organindex.de und dort auf die entsprechende Orgel(n) der Kirche. Diese Homepage ist eine Wiki-Datenbank für Pfeifenorgeln (zur Zeit mit etwa 19.000 Orgeln). Sie richtet sich an Organisten, Orgelbauer, Orgelsachverständige, Kirchenmusiker sowie fachkundige Laien und bietet Informationen über Beschreibungen einzelner Instrumente – samt Standort, Baujahr, Orgelbauer und technischen Daten, Dispositionen (Registerlisten), Angaben zu Umbauten, Restaurierungen und Orgelumzügen.

Orgel Groß St. Martin Köln

Orgel Groß St. Martin Köln

Dies alles ist auch in Sustecks Buch fein säuberlich gelistet. Zusätzlich bietet die Wiki-Seite aber ansprechende Farbfotos (auch en detail) sowie meist Links zu Musikaufnahmen dieser Orgeln. Beides fehlt in Sustecks Buch bis auf vier Hörstationen an den Orgeln der Kunststation St. Peter, deren QR-Codes auf Hörbeispiele im Internet führen. Die restlichen Beispiele sind von auswärts und gehören thematisch eigentlich nicht ins Buch. Statt der Dopplungen der Angaben über die Orgeln (siehe oben) wäre stattdessen für den interessierten Laien ein QR-Code zu einer zugehörigen Orgelaufnahme (auf YouTube oder Ähnlichem) hilfreicher gewesen – etwa aus dem Dom, Groß St. Martin, St. Severin oder aus St. Aposteln.

Zudem wird hier eine Schwäche des Buches offenbar: Kaum ein Leser – es sei denn, er ist wirklich orgelkundig – versteht die Dispositionen, d. h. die Zusammenstellung und Anordnung der einzelnen Register von Orgeln, schon gar nicht wird er manches Register mit Klangvorstellungen verbinden. Hier ist eine Klang- und Begriffswelt angesprochen, die den meisten wohl verschlossen ist. Wer hat eine Vorstellung von Registern wie Pommer 16‘, Scharff 4f1‘, Cromorne 8‘ oder einfach Prestant 4‘? Auch die Spielhilfen und Koppeln machen dem Orgellaien keinen Eindruck: Schwellwerk, Setzer, II/I, III/P. Für die meisten Leser stellt dies eine fachliche Überfrachtung des schönen Büchleins dar, die entfallen könnte. Hilfreiche Informationen zu einigen Besonderheiten – etwa die Beschreibung eines besonderen Registers des jeweiligen Instrumentes, seinen Klang und seine Wirkung im Raum betreffend, sind zwar vereinzelt gegeben, man wünscht sich allerdings mehr davon aus berufenem Munde. Denn es gäbe mehr zu berichten! So bleibt ganz unverständlich, dass dem spätgotischen Kirchenraum der Kunst-Station Sankt Peter und seinen Orgeln nur zwei schmale Seiten gegönnt werden (obwohl Susteck dort selbst – wie gesagt – 14 Jahre Organist war). Weder der ungewöhnlich leer gestaltete Raum ohne jedes Gestühl und Beichtstühle (aber mit beeindruckenden Kunstwerken ausgestattet) noch die beiden Orgeln von weltweitem Ruf mit ihren wirklich außergewöhnlichen Dispositionen und Spielhilfen – von P. Bares, dem Vorgänger von Susteck, entworfen und für die etliche zeitgenössische Werke eigens komponiert wurden, und zwei Bücher Werkzeuge der Stille I + II (ISBN 3-87909-859-X und Verl. Fries Best.Nr. BN0149), die sich mit diesen Orgeln auseinandersetzen – werden adäquat besprochen. Dies ist sehr bedauerlich angesichts des im Titel erwähnten Themas “Orgelklang und Stille”. 

Die Hörstationen bilden eine dritte Sorte QR-Codes. Es gibt insgesamt acht, von denen sich vier auf die Orgeln in St. Peter Köln beziehen, eingespielt von Susteck selbst zum Teil für das Musiklabel WERGO.

Die Einspielungen sind samt und sonders hochvirtuos und zeigen in beeindruckender Weise die Klang- und Farbmöglichkeiten inklusive der Percussion-Effekte dieser extraordinären Orgeln. Und sie zeigen, um es etwas flapsig zu sagen, wie zeitgenössische Orgelkomposition und -improvisation geht.

Die Beispiele aus Köln suchen offenbar die romanischen Kirchenräume mit ihrer erdstabilen Architektur zu verbinden mit Klangausdrücken der heutigen Zeit in ihren Zerrissenheiten. Die meditative Stille des Raumes wird konfrontiert mit Klängen und Geräuschen, die durchaus aus der Lautheit der heutigen Stadt stammen könnten. 

Gleichwohl, es bleibt ein Büchlein der besonderen Art! Seine feine Sprache und die vielschichtigen Gedanken und Bildentwürfe Sustecks sprechen an, ja berühren den Leser! Es macht Lust, bei nächster Gelegenheit in Köln wenigstens die ein und andere Station der Susteck-Wanderung aufzusuchen.

Titelbild

Dominik Susteck: Andersräume. Vom Lärm der Stadt zur Weite des Raumes: Kölner Kirchen, Orgelklang und Stille.
Are Musik Verlag, Mainz 2026.
154 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783924522940

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