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Dorothy Thompson über deutsche Verhältnisse Anfang der 1930er Jahre

Von Günter HelmesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günter Helmes

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie für Dorothy Thompsons Ich traf Hitler! (I Saw Hitler!, 1932) ist auch für Das Ende der Demokratie von einer vorzüglichen Übersetzung und erstklassigen Edition zu sprechen. Einer Edition, die wie I Saw Hitler ein Buch nicht über, doch eines für unsere krisengeschüttelte, von demokratiefeindlichen Kräften im In- und Ausland bedrohte Gegenwart ist. Sie tritt in die Fußstapfen des Thompson-Bandes Kassandra spricht. Antifaschistische Publizistik 1932-1942, den Jürgen Schebera 1988 bei Gustav Kiepenheuer in Leipzig/Weimar herausgegeben hat.

Die Edition, wiederum von dem Berner Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich mit großer Umsicht besorgt, enthält 11 zwischen Reportage und Essay changierende Texte der seit 1931 aus Deutschland berichtenden Dorothy Thompson. Diese erschienen zwischen dem 2. Mai 1931 und dem 17. September 1932 in der Saturday Evening Post in Philadelphia. Sie handeln vorwiegend von innerdeutschen Verhältnissen, nehmen aber auch Österreich, diverse europäische Länder bzw. Regionen sowie das deutsch-polnische Verhältnis in den Blick. Weitere 6 „Reportage-Essays“ Thompsons aus den Jahren 1933-1934 – Thompson, laut Time Magazine vom 12. Juni 1939 neben Eleanor Roosevelt die einflussreichste Frau der USA, wurde in der Nacht vom 24. auf den 25. August 1934 aus Deutschland ausgewiesen – werden im Herbst d.J. in einem Fortsetzungsband Der Anfang der Diktatur erscheinen.

Gerahmt werden die sich auf knapp 320 inhaltspralle, perspektiven- und thesenreiche Seiten belaufenden Thompson-Texte von einer insgesamt zweiseitigen Inhaltsangabe der Texte einerseits und einer beträchtlichen Anzahl weiterer Paratexte andererseits: einem auch diesmal bemerkenswerten Nachwort des Herausgebers, einem einlässlichen, mit Erläuterungen zu den Texten versehenen editorischen Bericht, einem Verzeichnis der 55 Bildunterschriften zu den in dieser Edition nicht wiedergegebenen „Originalabbildungen“ in der Saturday Evening Post, einem Verzeichnis der ganz Unterschiedliches wiedergebenden 20 Abbildungen des Bandes, einer das Leben Dorothy Thomsons und wichtige historische, Deutschland betreffende Ereignisse der Jahre 1930 bis 1934 umfassenden Zeittafel, einer Kurzbiographie der Herausgebers und der Übersetzerin, einem Dank u.a. an die Thompson-Spezialistin Karina von Tippelskirch sowie einem Kolophon.

Das sich zwischen Abbildungsverzeichnis und Zeittafel befindende, umfangreiche Literaturverzeichnis ist vielfach untergliedert: in ein chronologisch geordnetes, den Zeitraum 1921 bis 1991 umfassendes und gut 60 Einträge enthaltendes Verzeichnis der Schriften und veröffentlichten Briefe Thompsons, ein ebenfalls chronologisch geordnetes und gut 25 Einträge enthaltendes Verzeichnis der „Besprechungen und Zeugnisse zu Dorothy Thompson“, ein ca. 70 Titel umfassendes, mit zahlreichen hochkarätigen Namen aufwartendes Verzeichnis weiterer „Primärquellen“, ein mit erstaunlichen knapp 40 Titeln aufwartendes Verzeichnis der „Forschung zu Dorothy Thompson“, ein ca. 55 einschlägige Titel auflistendes Verzeichnis „Historische Forschung und Theorie“, ein aus 9 Einträgen bestehendes Verzeichnis „Archivmaterial“ sowie ein zwei Spielfilme und einen Mitschnitt einer Barack Obama-Rede auflistendes Verzeichnis „Filme“.

Generell gilt für die versammelten „Reportage-Essays“, dass sie, die sich ein ums andere Mal für das Beachten (volks-)psychologischer Faktoren stark machen, das Ergebnis genauer Beobachtungen, intensiver Recherchen, weitreichender Wissensbestände, verzweigter Kontakte, gründlichen Bedenkens und austarierten Wägens sind. Thompson, von (wirtschafts-)liberalem Geist beseelt, versteht es, aktuelle politisch-gesellschaftliche Verhältnisse und Vorgänge so zu präsentieren, dass der Leser eine ebenso informative und anschauliche wie anspornende, eine obendrein spannend zu lesende Lektüre erwarten darf.

Nachfolgend exemplarische Hinweise auf einige „Reportage-Essays“, die von innerdeutschen Verhältnissen handeln:

Der in 2 Teile untergliederte, mit 45 Seiten längste Eingangstext Armut de luxe vertritt die übergeordnete These, dass es zwischen der empfundenen, allen voran von den Nazis behaupteten und der tatsächlichen gesellschaftlichen Situation in Deutschland einen eklatanten Widerspruch gebe. „Reden vom Ruin inmitten von Luxus“ ist bezeichnenderweise ein Kapitel des Eingangstextes provokant überschrieben. Dabei übersieht Thompson – „Das Bild ist düster“ – selbstverständlich keineswegs die „Anzeichen der Krise“. Für diese „Anzeichen“ spielten aber die immer wieder als Ursache der Krise genannten Reparationszahlungen „nur eine untergeordnete Rolle“. Sie seien vielmehr die Folge einer verfehlten, im Einzelnen von Thompson diskutierten „Sozial-, Finanz- und Wirtschaftspolitik“.

Es muss etwas geschehen hat die deutsche Jugend, diese „Kinder des Schwertes“ zum Thema. In diesem Zusammenhang werden auch die politischen Programme und Strategien von KPD, SPD und NSDAP diskutiert. „Die Probleme junger Deutscher zwischen zwanzig und dreißig sind erdrückend“, heißt es lapidar. Ob kommunistisch oder nationalistisch orientiert, fundamental unzufrieden, radikal, „militant“ und Anhänger einer „Politik der Tat“ seien alle. Für sehr viele gelte – Stichwort u.a.: Jugendbewegung –, dass sie antikapitalistisch, antidemokratisch, antimodern, antiindustriell, antiindividualistisch und antilibertär seien. Bolschewismus und Amerikanismus seien gleichermaßen Reizworte. Optiert werde hingegen für Gemeinschaft und für Führung. Thompson diagnostiziert einen „guten Nährboden für aufrührerische Anführer mit vollmundigen Versprechen.“

Hintergrund für Werden Gangs die Welt beherrschen? – klingt das nicht sehr nach Gegenwart? – ist ein Interview mit dem „Europäer“ und „herausragenden“ Staatsmann Heinrich Brüning,  „Kassandra Deutschlands“, Opfer einer „Kamarilla der Armee“. Es geht um „‚Marx’ Theorie der katastrophalen Krise – der Krisen des Zusammenbruchs“. Brüning zustimmend: „‚Ich kann mir […] leicht einen Zustand in der Welt vorstellen, in dem […] in einem Land nach dem anderen […] die Menschen einer Art Gangsterherrschaft ausgeliefert sind.‘“

Um Brüning geht es auch in Der Staat diktiert. Seine Notverordnungen werden als – nach amerikanischen Maßstäben – antikapitalistischer, in der Tradition der „Hegelschen Staatsidee“ und des „paternalistischen“ Kaiserreichs stehender Eingriff „in das Herz des gesamten Wirtschaftssystems“ verstanden. „Konservative Ökonomie wird sozialistisch“, lautet denn auch eine Kapitelüberschrift.

Der „Reportage-Essay“ Der Kämpfer ohne Waffen beschließt den Band. „Der Zusammenbruch der deutschen Demokratie unter dem Druck des Militarismus, der die Ängste der Bevölkerung ausnutzt“, heißt es im ersten Drittel hellsichtig, „ist eine der gefährlichsten Entwicklungen, die sich in der Welt derzeit vollziehen.“ In Deutschland habe sich die Reichswehr, deren Wiederaufbau, Modernität (bspw. Luftwaffe, „Chemikalien“) und politische Einflussnahme ausführlich geschildert werden, zu einem „Staat im Staat“ entwickelt. Einem Staat, der die „Nation“ zusammen mit der militärischen Schutzpolizei (Schupo) und einer Reihe von gehätschelten paramilitärischen Organisationen beherrsche. „Wehrgeist“ laute allüberall, „in der Schule“ wie auf „Massenveranstaltungen“, die Parole der Stunde. Nur eine allgemeine Abrüstung, im Versailler Vertrag als allein dauerhaft friedensstiftende Maßnahme in den Raum gestellt, könne die noch vorhandenen „demokratischen und antimilitaristischen Kräfte in Deutschland […] im Kampf gegen die deutsche Wiederbewaffnung stützen“.

Bleibt zu ergänzen, worum es in den hier nicht näher angesprochenen „Reportage-Essays“ zentral geht: in Der Grauhörnchenkomplex um eine aktuelle „internationale Welle von Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Abschottungsdenken“, in ›Wasser unter der Brücke‹ und »Alle Pferde des Königs« grundsätzlich um Österreich nach dem Ende der Donaumonarchie und im Besonderen um Begegnungen mit der Ex-Kaiserin Zita, in Warum »Nachkriegszeit«? um tendenziell explosive ethnische Konfliktherde, die dem nicht nur in Deutschland unpopulären Versailler Vertrag anzulasten sind, und in Eine Gangway zum Mars! um das hoffnungslos zerrüttete, angesichts u.a. des Polnischen bzw. Danziger Korridors mehr oder minder zwangsläufig auf einen Krieg hinauslaufende Verhältnis zwischen Deutschland und Polen.

Titelbild

Dorothy Thompson: Das Ende der Demokratie. Reportagen aus Deutschland 1931-1932.
Herausgegeben von Oliver Lubrich.
Aus dem Englischen von Johanna von Koppenfels.
Das vergessene Buch – DVB Verlag, Wien 2025.
432 Seiten, 27,00 EUR.
ISBN-13: 9783903244467

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