Gelobtes Land
Lavie Tidhars „Adama“ berichtet von einer fatalen Familiengeschichte in Israel
Von Walter Delabar
Der Nahost-Konflikt hat sich nach dem Angriff der Hamas und dem Feldzug Israels weiter zugespitzt, was eigentlich angesichts dessen, dass er bereits achtzig Jahre währt und zahlreiche Extreme erlebt hat, kaum noch möglich schien. Das hat neben dem extremen menschlichen Leid, ja, auf beiden Seiten, auch zu einer fatalen Polarisierung der öffentlichen Auseinandersetzung geführt, die ohne entschiedene Parteinahmen, und sei es nur durch die Attributierung der jeweiligen Protagonisten und Parteien, nicht auszukommen scheint. Ob der Genozidvorwurf von der einen, oder die Attestierung von Pogrom oder Massaker von der anderen Seite – entscheidend ist anscheinend, dass in der öffentlichen Diskussion Positionen wahlweise eindeutig bezogen und zugewiesen werden. Der Antagonismus reicht bis hin zu dem Wunsch, die andere Seite möge – wie auch immer – aufhören zu existieren. Als ob das einen Konflikt von dieser historischen Dimension in irgendeiner Weise lösen könnte.
Die Texte des israelischen Thriller-Autors Lavie Tidhar, dessen Arbeiten seit einiger Zeit bei Suhrkamp erscheinen, liegen freilich quer zu solchen Frontlinien und unterlaufen sie, was ihre irritierende Attraktivität nur erhöht.. Bereits im letzten Jahr erschienenen Maror hat Tidhar die Extreme vorgeführt, in die eine friedlose, gewaltgeladene Konstellation eben nicht nur ein Land, sondern auch seine Protagonisten führt. Die Idee, man könne in einer solchen Lage auf der richtigen Seite sein und das Richtige tun, suspendiert sich selbst, was für eine Gesellschaft, deren Gründungstraumata Vertreibung, Diaspora, Ausgrenzung und Holocaust sind, von besonderer Tragweite ist. Spätestens der Holocaust prägt bis heute eben nicht nur das Selbstverständnis der israelischen Gesellschaft, sondern auch die eigene Haltung zu ihr. Kritik an Israel ist immer auch dadurch bedingt.
Diese Überlegung trifft eben auch auf Tidhars neuen Roman Adama zu, jetzt bei Suhrkamp in der Übersetzung von Conny Lösch aus dem Englischen zu finden. Hier geht Tidar insofern noch einen Schritt weiter, als er sich auf die Geschichte einer dem Holocaust entronnenen Frau konzentriert, also auf eines der zentralen Motive der Gründung des Staates Israel. Anders als ihr Bruder, der als Spion der Sowjetunion enttarnt und inhaftiert wird, oder ihre Schwester, die in die USA emigriert, geht diese aus Ungarn stammende Jüdin ins Gelobte Land, nach Israel, um im Kibbuz den Entwurf einer anderen Gesellschaft zu suchen und zu finden. Die Unbeirrbarkeit, mit der Ruth diesen Weg einschlägt und ihn konsequent zu Ende geht, ist ebenso beeindruckend wie beunruhigend.
Beeindruckend deshalb, weil hier jemand die Entscheidung für ein anderes, ein besseres Leben getroffen hat und daran festhält, egal welche Kosten mit dieser Entscheidung verbunden sind. Die Faszination, die das Modell Kibbuz auf die internationale Linke ausübte, speist sich ja nicht zuletzt daraus, dass hier ein lebenspraktisches sozialistisches Modell in einem kapitalistischen Umfeld betrieben und über Jahrzehnte aufrechterhalten wird. Hier scheint also etwas zu gelingen, was im real existierenden Sozialismus gescheitert ist. Aber Tidhar bleibt dabei nicht stehen, sondern bindet gerade diesen Kibbuz in die gewaltsame innerisraelische Geschichte ein, die unter der zivilen Oberfläche eben auch von kriminellen Strukturen durchzogen ist: Drogen, die verschoben werden, Waffen, die gehortet werden, Morde, die zur Befriedigung unterschiedlicher Interessen beauftragt werden und noch mehr. Selbst Ruth, die Gerechte, ist davon nicht frei, hält sie doch in einem Erdloch nach dem Krieg eine Zeit lang jenen Nachbarn gefangen, der seinerzeit ihre Familie an die Nazis verraten und deren Deportation ins KZ ermöglicht hat.
Die Auseinandersetzungen erst mit der britischen Schutzmacht, dann mit den umliegenden arabischen Staaten und den Palästinensern werden mit einer Schärfe und Härte geführt, die ohne diese Vorgeschichte, den Holocaust, aber auch der Wahrnehmung der Holocaust-Überlebenden in Israel nicht denkbar wäre. Denn diese knapp dem Nazi-Vernichtungskrieg Entronnenen sehen sich dem Vorwurf der Eingesessenen ausgesetzt, dass sie überlebt haben. Was stimmt mit ihnen nicht? Der Überlebende als der Schuldige? Wir erinnern uns an diese Wendung Elias Canettis aus Masse und Macht (1960), in der immer auch die Frage aufgeworfen wird, warum die Überlebenden überlebt haben. Und dass sie allein dadurch schon Schuld auf sich geladen haben.
Der Kibbuz nun ist eine andere Gesellschaft. Das Kollektiv steht im Vordergrund, Kinder werden in Kibbuz-Einrichtungen großgezogen, Familien gibt es nicht, privates Eigentum ist weit zurückgedrängt, die persönliche Handlungsfreiheit ist eingeschränkt und in großem Maße vom Kibbuz abhängig. Entscheidungen werden zum Vorteil des Kollektivs getroffen und der Einzelne und seine Interessen bleiben nachrangig. Das durchzieht als Konfliktlinie den ganzen Roman, der immerhin die Jahrzehnte zwischen 1946 und 2009 abdeckt.
Zu den Irritationen, denen Tidhar seine Leser/innen aussetzt, gehört eben auch, dass der Roman eigentlich zwei Enden hat, den Tod der Schwester Esther 2009, die nach dem Krieg in die USA ging, und der Irrfahrt der altersdementen Ruth 1993, die in den Nachrichten die Ankunft gerade des Mannes in Israel bemerkt, den sie Jahrzehnte zuvor gefangen gehalten hatte. Die Vergangenheit ruht nie. Auch nicht im neuen Land.
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