Das Leben ist an ihnen allen vorbeigegangen
Colm Tóibíns Novelle „Die Schwestern“ ist wenig spannungsreich
Von Mechthild Hesse
In der ursprünglich in dem Erzählband The News from Dublin veröffentlichen 160 Seiten (E-Book) langen short story Die Schwestern (Englisch The Catalan Sisters) geht es um drei Schwestern, die im Jugendalter mir ihrer Mutter aus Barcelona nach Buenos Aires ziehen. Es gibt so recht keinen Grund für den Umzug, da sich die verwitwete Mutter Knall auf Fall entschließt nach Argentinien zu ziehen, wo sie weitläufige Verwandte hat, aber keinen Kontakt zu ihnen aufnimmt und stattdessen ihre Familie lieber einer Nonne anvertraut.
Die drei Schwestern sind sehr unterschiedlich. Über Montse, die jüngste Schwester und Erzählerin, erfährt man noch am meisten. Von der mittleren Schwester Conxita wissen die Lesenden am Ende nur, dass sie als Gesellschafterin einer alleinstehenden Frau und mutmaßliche Lesbe die verrückteste ist. Montse dagegen ist durch ihren Wunsch, Nuria ähnlich zu sein, geprägt. Nuria hat aufgrund ihrer Durchsetzungsfähigkeit, ihres Ehrgeizes und ihrer Ausstrahlung die Führungsrolle in der Geschwisterkonstellation inne. Sobald sie Erfolg bei der Suche nach Freunden und Partnern aus der Oberschicht hat, verheimlicht sie vor diesen ihre prekäre Herkunft, entfernt sich von ihren Geschwistern und will mit den „Habenichtsen“ (und besonders Montse) nichts mehr zu tun haben. Nur zweimal im Laufe der rund 50 Jahre, die die Geschichte umspannt, haben Nuria und Montse miteinander Kontakt: Zum ersten Mal, als ihre Mutter gestorben ist und zum zweiten Mal, als Montse von einem spanischen Anwalt von der Erbschaft eines Hauses einer Tante in Spanien erfährt, in dem die drei Schwestern früher regelmäßig die Sommerferien verbrachten.
Alle drei Schwestern entschließen sich, gemeinsam für ein paar Monate den Ort Burg in den Pyrenäen, wo das Haus der Tante steht, zu besuchen. Als Montse erfährt, dass Nuria das Haus verkaufen will, eröffnet sie ihr ihren Plan, dort für immer bleiben und es nicht verkaufen zu wollen. Sie hat vorher gezielt alle Verbindungen in Argentinien abgebrochen, ihr Haus verkauft und den Kontakt zu ihrem Arbeitgeber beendet (indem sie alle Dateien der Firma gelöscht hat).
Nach dem gut zweimonatigen Aufenthalt in dem katalanischen Dorf – währenddessen wiederum nur Nuria besondere zwischenmenschliche Kontakte findet – lassen die beiden Schwestern Montse allein zurück. Da Montse erst 60, Nuria aber schon 65 Jahre alt ist, beschließt Montse, den spanischen Pass ihrer älteren Schwester zu stehlen, um mit deren Identität eine Pension vom spanischen Staat zu erlangen.
Mit folgendem Abschnitt endet die Erzählung:
In der Zwischenzeit würde sie nichts tun, nur sich ihre Schwestern vorstellen, auf dem Weg in die Großstadt, und sich dann überlegen, was sie Tag für Tag tun könnte – natürlich spazieren gehen, gestützt auf den Stock, den Nuria gefunden hatte, oder am Ende des Tages zum Ortsrand von Farrera hinaufwandern und sich der Gruppe dort zugesellen. Oder vielleicht einfach hier im Haus bleiben, die Stille genießen, auf die sie sich gefreut hatte, und vielleicht einen Blick in die oberen Zimmer werfen, nur um sicherzugehen, dass ihre Schwestern nichts liegengelassen hatten, und dann das Abendessen richten, aber nur für eine Person, nur für sich selbst.
Warum die Geschichte Die Schwestern (im Original The Catalan Sisters) in dem Erzählband mit dem Titel The News from Dublin veröffentlicht wurde, erschließt sich mir nicht ganz. Diese Geschichte hat nichts mit Dublin zu tun. Der Name des Autors ist ja besonders durch die irischen Auswandererromane Brooklyn und Long Island bekannt.
Diese Auswanderungs- und Rückwanderungsgeschichte (aus Spanien nach Argentinien und zurück) hat wenig Spannung. Man kann Nuria nur zustimmen, die schon mitten in der Erzählung sagt, dass das Leben an ihnen vorbeigegangen ist.
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