Maria, Mutter, Maschine

In „MARIAMACHINA“ verbindet Kinga Tóth Mariengebet, feministische Körperpoetik und Alltagsmaterialien zu einem vielstimmigen Gesang über Frauen und Mütter

Von Florian BirnmeyerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Florian Birnmeyer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kinga Tóth, 1983 im ungarischen Sárvár geboren, ist Lyrikerin, Sprachwissenschaftlerin, Performance- und Klangkünstlerin sowie Kulturmanagerin. Sie gründete eine Organisation, die sich für Gleichberechtigung und eine stärkere Repräsentation von Frauen im ungarischen Literaturbetrieb einsetzt. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit unterrichtet sie Deutsch und deutsche Literatur und arbeitet als Lektorin und Journalistin.

Tóth schreibt auf Deutsch, Ungarisch und Englisch. Ihr Werk umfasst Gedichte, Kurzgeschichten und Theaterstücke, die sie häufig mit Klang, Bild und Performance verbindet. Für ihre intermediale Arbeit erhielt sie verschiedene Stipendien und Auszeichnungen, darunter 2020 den Hugo-Ball-Förderpreis und den Bernard-Heidsieck-Prix. Bei den 50. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde sie 2026 für ihren Text OstblockMädl mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet.

In MARIAMACHINA entwirft Tóth das Bild einer modernen Weiblichkeit zwischen Glauben, Mutterschaft und den Ansprüchen der Gegenwart. Der Band greift religiöse, vor allem katholische Codes und Sprachmuster auf und formt sie lyrisch um. Dies geschieht sowohl in einzelnen Formulierungen als auch in der Komposition der Texte. Bezüge entstehen zu Mariengebeten, zur Verkündigung und Geburt Jesu sowie zu dessen Passion. Liturgische Sprache trifft dabei auf Körperlichkeit, Technik, Konsum und weibliche Alltagserfahrung.

Die christliche Überlieferung wird aus einer feministischen Perspektive neu erzählt und in ein gegenwärtiges Narrativ überführt. Das geschieht in einer hochgradig expressiven, stellenweise geradezu explosiven Sprache. Im Zentrum steht Maria als religiöse Mutterfigur und feministische Resonanzfläche. Über Jahrhunderte wurde sie als zugleich jungfräuliche, fürsorgliche und leidende Übermutter des Christentums verehrt. Tóth zeigt sie einerseits schmerzbeladen und den Erwartungen anderer ausgesetzt, andererseits mächtig, körperlich und selbstbewusst.

So heißt es in „Marias Gebet“, einer aus einundzwanzig Strophen bestehenden Neuinterpretation des „Ave Maria“:

die ordnung die männerbarrikaden fort
all unser böswille sieht in den spiegel das herz stoppt spaltet
was haben wir dir getan mit euch
mutter verzeih uns dein schmerz ist so schwer

Das Gebet verliert hier seine vertraute syntaktische und liturgische Ordnung. Die Sprache gerät ins Stocken, Satzteile stoßen aufeinander, und selbst die Pronomen wechseln unvermittelt zwischen „dir“ und „euch“. Darin drückt sich nicht nur die persönliche Bitte um Vergebung aus, sondern auch ein kollektives Schuldbewusstsein gegenüber der Mutter. Die „männerbarrikaden“ verweisen zugleich auf jene gesellschaftlichen und religiösen Strukturen, die Frauen auf bestimmte Rollen festlegen.

Für die lyrischen Stimmen des Bandes steht die Mutter im Zentrum der christlichen Erzählung und Ikonografie. Von ihr ist das Kind abhängig; der irdische Vater Josef bleibt demgegenüber eine Randfigur. Maria bringt Jesus zur Welt und begleitet seinen Leidensweg. Ihre traditionelle Heiligkeit verbindet sich deshalb mit Geburt, Fürsorge, Verlust und Schmerz. In MARIAMACHINA wird sie jedoch nicht auf das schweigende Ertragen reduziert. Tóth eignet sich die Figur neu an und fragt, welche Bedeutung sie für Frauen der Gegenwart besitzen kann.

Diese Maria muss sich in einer von Technik, Digitalisierung und Konsum geprägten Welt behaupten. Der Band vermischt deutsche und ungarische Wörter und Passagen, religiöse Formeln und Anglizismen, Erinnerungen an Ungarn und Eindrücke aus Berlin oder Wien. Mitunter denkt man dabei an die Lebenswelt einer Mutter im Prenzlauer Berg, wenn religiöse Anrufung, Bioladenästhetik und Science-Fiction aufeinanderprallen:

vorbereitet und offen mit erdschlamm bedeckt
mit einem brennendenverhärtenden sojagesicht
warten wir auf die fallikonreiter in spacekostümen

Der „erdschlamm“ verbindet den Körper mit Natur, Schöpfung und Vergänglichkeit. Das „sojagesicht“ ruft dagegen Assoziationen an moderne Ernährungsweisen und einen ökologisch bewussten Lebensstil hervor, wirkt durch das „brennendenverhärtenden“ jedoch zugleich schmerzhaft und künstlich. Mit den „fallikonreitern in spacekostümen“ dringt schließlich eine männlich codierte, futuristische Bedrohung in das Bild ein. Sakrales, Körperliches und Technisches lassen sich nicht mehr voneinander trennen.

Eine besondere Rolle spielen Gerüche und Erinnerungen an Tóths Großmutter, ihre Mutter und ihre ungarische Herkunft. Wörter wie „kittel“, „handgeruch“, „beingeruch“ und „geruch des waschens“ rufen eine sinnlich erfahrbare Welt hervor, in der Erinnerung nicht abstrakt, sondern im Körper und in alltäglichen Gegenständen gespeichert ist. Immer wieder begegnen den Lesenden Hände, Finger, Augen, Salz und Samen. Diese konkreten Elemente wirken wie ein Gegengewicht zur Abstraktheit religiöser Glaubenssätze.

Auf diese Weise entsteht ein lebenssatter, körpernaher Gedichtband, der nach einer neuen Form von Religiosität sucht. Diese geht von weiblichen Körpern, familiären Erinnerungen und der ungarischen Lebenswelt der Autorin aus, nimmt aber ebenso internationale Erfahrungen und moderne Technologien in sich auf. Der Band ist dabei keine geschlossene feministische Neufassung der Marienlehre. Dafür bleiben seine Bilder zu widersprüchlich, seine Stimmen zu vielgestaltig und seine sprachlichen Bewegungen zu sprunghaft. Manche Passagen sind so stark verdichtet, dass ihre zahlreichen Bezüge einander eher überlagern als erhellen.

Gerade diese Überfülle gehört jedoch zum poetischen Programm. MARIAMACHINA nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine spirituelle Reise, ohne ihnen eine eindeutige Glaubenslehre vorzusetzen. Maria erscheint nicht mehr allein als entrückte Heilige und selbstlose Mutter, sondern als Frau mit einem eigenen Körper, mit Gerüchen, Gefühlen und Schmerzen. Tóth schafft ein lebendiges, widersprüchliches Marienbild, in dem Tradition und Gegenwart, Gebet und Protest, Mutter und Maschine ineinandergreifen. Seine Stärke liegt nicht in theologischer Geschlossenheit, sondern in der produktiven Irritation vertrauter religiöser Bilder.

Titelbild

Kinga Tóth: MARIAMACHINA. Gedichte.
Rohstoff (Matthes & Seitz Berlin), Berlin 2026.
144 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783751810777

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