Laue Erotik im Winterkrieg

In Kjell Westös Roman „Dämmerung“, Untertitel „Roman aus Kriegszeiten“, spielt der Überfall auf Finnland im Winter 1939/1940 nur eine Nebenrolle

Von Karl-Josef MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karl-Josef Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 30. November 1939 überfällt die Sowjetunion Finnland. Doch der übermächtige Aggressor verfehlt sein eigentliches Ziel, die völlige Unterwerfung der noch jungen Republik. Am 13. März 1940 unterzeichnen die Kriegsgegner in Moskau einen Friedensvertrag. Finnland behält seine Unabhängigkeit, muss allerdings bedeutende Gebietsabtretungen hinnehmen.

Soweit die Fakten, und natürlich kommt einem der Gedanke, dieser Krieg, ermöglicht nicht zuletzt durch den Hitler-Stalin-Pakt vom 24. August 1939, wiederhole sich in unseren Tagen auf dem Staatsgebiet der Ukraine, die am 24. Februar 2022 von Russland überfallen wurde. Und so ist es nur folgerichtig, wenn Kjell Westö in einer Nachschrift auf die Bedeutung dieser Parallele für die Arbeit an seinem Roman hinweist: „Im Herbst 2020 fing ich an zu schreiben. Seit dem Februar 2022, als ich fast die Hälfte fertiggestellt hatte, verlieh der russische Invasionskrieg in der Ukraine der Arbeit eine neue, düstere Kontur.“

Auf fünfhundert Seiten allerdings erfahren wir wenig über diesen Krieg, sehr wohl aber werden wir Zeugen einer Liebesgeschichte zwischen einer jungen Schauspielerin und einem deutlich älteren Kriegsreporter. Überhaupt spielt das Liebesleben vieler weiterer Figuren des Romans eine bedeutende Rolle, worauf der Autor meint, eigens hinweisen zu müssen: „Und man hatte auch Zeit, sich erotisch zu betätigen.“

Mit dieser wenig elegant klingenden Bemerkung benennt der Autor, was er uns schildern möchte, nämlich das Liebesleben seiner Romanfiguren. Und damit sind wir am Kernproblem dieser Art von Erzählen angelangt. Denn Westö schildert nicht nur, was seinen Figuren geschieht; er teilt uns auch immer wieder mit, worum es sich bei dem, was er uns mitteilt, genau handelt. Alles und jedes wird erläutert, anstatt es für sich stehen zu lassen. So gestaltet sich die Lektüre wie ein Spaziergang an der festen Hand des Erzählers, der nicht bereit ist, uns loszulassen, um zu erkunden, was sich neben dem von ihm vorgegebenen Weg noch verbergen könnte. Wer einem Marionettenspiel zuschaut, vergisst irgendwann die Fäden, deren Macht die Puppen unterworfen sind. Man weiß um den Puppenspieler, aber dessen Spiel ist dergestalt angelegt, dass diese Wesen aus Holz und Stoff uns wie glaubwürdige Menschen eigenen Willens erscheinen. In Westös Roman sind aus den Fäden armdicke Seile geworden.

Es wird viel geraucht und getrunken auf diesen über fünfhundert Seiten. Und immer wieder wird betont, wie attraktiv Molly, die weibliche Hauptfigur, doch aussieht, auch wenn sie die Dreißig bereits überschritten hat, ein Makel, den zu erwähnen der Autor wiederholt sich bemüßigt fühlt.

Und natürlich wird der Partner betrogen, und natürlich wird ihm verziehen, und natürlich landet die ebenfalls junge, ja mit anfang zwanzig sehr junge Kriegswitwe, zunächst von tiefer Trauer gebeugt, schon bald in den Armen ihres Schauspielerkollegen, eines notorischen Gigolos, der bereits Molly verführt hatte, worüber diese sich im Nachhinein ärgert, und, und, und …

Und selbstredend treiben es die sehr junge Kriegswitwe und der Gigolo „in einem Abstellraum im zweiten Stock, gleich neben dem theatereigenen Kostümfundus, der Bühnenschneiderei und der Werkstatt.“

Wir ersparen uns weitere Details.

Ja, es ist auch vom Krieg die Rede, von all den Toten, die er fordert, wie aktuell auch in der Ukraine. Doch scheint es uns, als diene das historische Ereignis lediglich als Staffage für die Liebeshändel im Theaterbetrieb.

Henry, der Kriegsreporter und Partner von Molly, die er selbstredend in einem schwachen Moment betrügt, muss sich damit abfinden, dass seine Berichte von der Front nicht mehr veröffentlicht werden. Man möchte der Bevölkerung den heldenhaften Kampf der Soldaten schildern, nicht jedoch sie mit dem grausamen Abschlachten, als das sich ein jeder Krieg letztlich herausstellt, konfrontieren. Doch auch diesen Themenstrang verfolgt Kjell Westö nur halbherzig; die Diskussionen um eine angemessene Kriegsberichterstattung verlaufen sich nur zu oft im Sande eines kumpelhaften Männerbesäufnisses samt Schlägerei.

Was bleibt? Ein Unterhaltungsroman, ein Groschenroman, ein Schmöker? Für uns bleibt nur eines – eine große Enttäuschung.

Titelbild

Kjell Westö: Dämmerung. Roman aus Kriegszeiten.
Aus dem Schwedischen von Kristina Maidt-Zinke.
Piper Verlag, München 2026.
525 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783492073592

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch