Die Kunst des richtigen Moments

Patrick Wildens Notatgedichte folgen in „Zehn Minuten oder länger“ konsequent dem inneren Kompass der Kontemplation und blättern ihrem Publikum den Geist erfrischend surrealer Lesemomente auf

Von Marcus NeuertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcus Neuert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Gedichte Patrick Wildens sind stets wohlgeordnete Projekte, die sich zeitlich durchaus weiträumig überlappen können. Dem eigentlichen Debüt-Band Alte Karten von Flandern 2019 folgte Schreibers Ort im Jahr 2022, welches in seiner Mehrzahl Texte aus einer Stipendiatenreise nach Polen enthielt, die bereits 2016 stattgefunden hatte. Danach die Schleichwege von 2023, die nicht zuletzt aus der Text-Bild-Kongenialität mit der Künstlerin Kathrin Brömse ihren Reiz bezogen, und zuletzt Seltsamer Lärm aus 2024, in dem sich vermehrt heiteres bis bitterbös Gereimtes fand. Zählt man ein schlankes, 16 Seiten umfassendes Werk aus der Reihe der Meißener Zündblättchen von 2014 mit, ist das nun vorliegende Zehn Minuten oder länger bereits der sechste Lyrikband des heute in Dresden und Leipzig lebenden Autors Patrick Wilden. In diesem geht es um ein besonderes Verfahren des dichterischen Schreibens – eines, das dem Autor nach eigenem Bekunden besonders am Herzen liegt

Das Notat, wie José F. A. Oliver es einmal formuliert hat, nur als Zwischenschritt zwischen Notiz und Verdichtung, welche zum eigentlichen Gedicht als Endprodukt führe, zu verstehen, greift in der Logik mancher Lyrik Schreibender offenbar zu kurz. Zwar schränkt Patrick Wilden auf dem Rücktitel seines neuesten Gedichtbandes gleich selbst vorsichtig ein: „Gäbe es die Kategorie ‚Notatgedichte‘, könnte man die Texte dieses Bandes so nennen.“

Doch gibt es eigentlich keinen Grund, die auf etwas mehr als achtzig Seiten präsentierten Verse nicht tatsächlich so zu bezeichnen, geben sie damit doch eine außerordentlich wichtige Information über ihre Entstehungsbedingungen preis: Sie alle sind in einem kurzen Zeitraum von wenigen Minuten zu Papier gebracht worden und in der Regel, wie der Autor versichert, ohne tiefergehende nachträgliche Überarbeitung hier veröffentlicht.

Dies ist umso bemerkenswerter, als sich der Zeitraum, den die Sammlung insgesamt abdeckt, über nicht weniger als 17 Jahre erstreckt. Das älteste Gedicht ist von 2008, die letzten datiert auf das Erscheinungsjahr 2025. Das Gros der Texte entstand allerdings (die genauen Daten sind jeweils im Inhaltsverzeichnis aufgeführt) zwischen 2019 und dem vergangenen Jahr, also gerade innerhalb der Zeitspanne der meisten seiner Einzelveröffentlichungen. Wenn auktoriales Gegenlesen nach längerer Zeit immer noch zu dem Schluss kommt, dass das Ergebnis qualitativ befriedigt, so scheinen sich künstlerisches Gespür und eine auf den Moment bezogene Authentizität in gutem Einklang befunden zu haben – Grund genug, die Leseöffentlichkeit daran teilhaben zu lassen.

Patrick Wildens Lesegemeinde darf sich denn auf geisterfrischend unverkopfte Notatgedichte freuen. Wie es der Untertitel Nachtstücke, Zugfahrten, Augenblicke nahelegt, sind sie alle in den kurzen Zeitspannen kontemplativer Entrücktheit entstanden, die vielleicht zu den dichterisch fruchtbarsten gehören: auf Reisen, zu später Stunde, aber auch in intensiven Momenten des Beobachtens und schöpferischen Weiterspinnens, die nicht selten aus der fassbaren Welt eine surreale Wortkomposition gestalten: „Ein Bauer pflügte sein Feld / wie eine Schokoladenpraline“ heißt es etwa in einem Gedicht. Etwas später im Text folgt so etwas wie eine interpretatorische Handreichung für den ganzen Band: „und wie das perspektivisch / verschobene Pferd dazu paßt / bleibt genauso offen wie / die Quelle des Windes der / die Karavellensegel bläht“. Das Offene, die Freude an der Leerstelle, die das eigene Denken des Lesepublikums beflügeln mag, steht hier im Vordergrund, nicht der perfekt gerundete Text.

Thematisch kann sich diese Form des Gedichtes an allem abarbeiten: der Natur, der Beziehung zu einem Du, aber auch an den gesellschaftlichen Zuständen unserer Zeit. „Die Meldungen fallen / wie getragene Socken aus dem Bett / ein wenig weltgeschichtlicher Fußschweiß / haftet ihnen an“. In manchen Versen Wildens steckt gar mehr Versöhnungspotenzial als in diplomatisch wohlgesetzten Politreden, wenn es etwa im Gedicht In Breslau heißt: „An der Entweder-Oder / warten die beiden Ufer / auf deine nasse Fußspur“.

Und schließlich erzählen manche der Texte auch einfach kleine poetische Geschichten, wie die eines leeren Einkaufswagens, welcher „[i]m Hof hinterm bischöflichen Palais / dort wo die Anzugträger heimlich / in alle Ecken pinkeln steht“, tagsüber scheinbar unbenutzt und doch immer irgendwo anders abgestellt, nachts von feierndem Partyvolk für feuchtfröhlichen Karussellbetrieb zweckentfremdet. Von diesem heißt es abschließend: „Am nächsten Morgen steht er / wie unberührt in der Pinkelecke / in traurigem leuchtendem Rot / unseren Segen hat er“.

Der große Vorteil der ungeschminkten Notatgedichte scheint nicht zuletzt zu sein, dass sie ohne die deiktischen Zaunpfähle auskommen, die bewusst kunstvoll gebauten, immer wieder überarbeiteten Texten mitunter eigen sind. Die Aussagen sind eher selten ganz und gar spezifisch, lassen in ihrer Unbehauenheit Raum für die eigene semantische Sinnfindung, für die individuelle Nachdichtung gar. Sie geben im besten Falle nicht weniger als eine fantasievolle Blaupause für die Mußestunden ihrer Leserschaft ab. Die Essenz dieser Möglichkeit, dass daraus dann (ungeschriebene) Gedichte entstehen, lässt sich vielleicht aus dem ältesten und gleichzeitig letzten Text des Bandes ableiten:

Arbeitsanweisung

Zehn Minuten
oder länger
vor einer leeren Seite
sitzen
die auf Erfüllung wartet
und dann den Stift
im richtigen Moment
weglegen

Kein Bild

Patrick Wilden: Zehn Minuten oder länger. Nachtstücke, Zugfahrten, Augenblicke 2008–2025.
anderort – verlag für lyrik, Leipzig 2025.
100 Seiten , 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783911411059

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