Ein Netz aus Gedanken

Elizabeth Hartley Winthrop kreiert in ihrem Roman „Mercy Seat“ eine Gedanken- und Gefühlswelt von zerrissenen Bewohner*innen einer Süd-Staaten-Kleinstadt in den 40er Jahren, die zerfressen von Rassismus und Ungerechtigkeit ist

Von Rebecca SiegertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rebecca Siegert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die düstere Stimmung des Romans ist schon zu Beginn spürbar. Lane, die erste von insgesamt neun Figuren, in deren Gedanken wir in einem ständigen Perspektivwechsel eintauchen dürfen, wird vorgestellt: Ein gebrandmarkter Mann, sein junges Alter im Widerspruch zu den Leiden, die er erlebt und den Verbrechen, die er begangen hat, darf einen Tag aus dem Gefängnis, um gemeinsam mit dem „Captain“ einen elektrischen Stuhl nach St. Martinville, Louisiana, zu transportieren. Dort soll ein ebenfalls junger Mann hingerichtet werden. 

Der Afroamerikaner namens Will soll die Tochter des Bäckers vergewaltigt haben, woraufhin sie sich das Leben nahm. Ob dies der Wahrheit entspricht oder die beiden eine heimliche Beziehung geführt haben, kann nun keiner mehr beweisen. Die Hinrichtung ist für diesen Abend angesetzt und die gesamte Handlung des Romans umfasst nur 24 Stunden. 

Die in Deutschland wenig bekannte Autorin Elizabeth H. Winthrop wurde 1979 in New York geboren. Es sind bisher drei Romane von ihr erschienen, von denen Mercy Seat als Einziger ins Deutsche übersetzt wurde. Neben der Schriftstellerei lehrt sie Kreatives Schreiben.

Die oben genannte Stimmung, in der die Geschichte beginnt, hält an. Über der gesamten Erzählung liegt ein bedrückender Schleier, der, wie man erst vermuten mag, ausschließlich aufgrund einer Zwei-Klassen-Gesellschaft aus Weißen und Afroamerikaner*innen ensteht und dem tiefsitzenden Hass ausgehend von den weißen Bürgern. Im Roman erscheinen einzig männliche Figuren mit einer rassistischen Weltansicht. Doch neben dem Rassismus steht noch etwas Anderes, nicht Ausgesprochenes, eine sich zwischen den Buchseiten aufbäumende Thematik: Die Zerrissenheit und Niedergeschlagenheit der Menschen in einer Zeit, die von Krieg, Verlust und Konformität bestimmt wird. 

Besonders hervorzuheben ist die Erzählinstanz des Romans. Wir lernen viele Perspektiven kennen und besonders spannend sind diejenigen, mit denen die meisten sich nicht identifizieren können, diejenigen, die eine Erziehung mit rassistischen Idealen erlebt haben, deren Eltern selbst bei Lynchmorden dabei gewesen sind. Der Bezirksstaatsanwalt namens Polly, der über Wills Verurteilung entscheiden soll, besitzt eine Karte, die er sich von Zeit zu Zeit ansieht. Das Motiv: Von Bäumen hängende afroamerikanische Leichen. Sein Vater hatte sie ihm gegeben, damals konnte man sie wie normale Postkarten im Laden kaufen.

Und dann passiert etwas Beeindruckendes: Wenn diese Figuren, die zerrissen sind in ihrer Meinung über falsch und richtig, über Menschenwürde und Verletzung, ihre Emotionen zulassen, zum Beispiel durch die Gemeinsamkeit, einen geliebten Menschen verloren zu haben, wenn dadurch eine Verbindung zu einer anderen Person entsteht, egal welcher Hautfarbe, spielen diese eingeflößten Ideale keine Rolle mehr. Hier könnte man dem Text Naivität vorwerfen, jedoch schafft er es, verschiedenste Charaktere aufzuzeigen, er verschönt nichts, äußert nicht, dass jede*r nur einen kleinen Schubser braucht, um die unmenschliche Einstellung abzulegen. Es werden auch die weißen Männer vorgestellt – ohne eigene Perspektive – die den Sohn des Staatsanwalts kidnappen und verprügeln, um ihm, in seiner Entscheidung in Bezug auf die Verurteilung Wills, zu drohen. Diese sind tief in ihrem rassistischen Weltbild verankert.

Die Protagonist*innen kennen sich gegenseitig nur teilweise oder lernen sich im Verlauf des Romans kennen. Themen, die sie beschäftigen, verbinden sie miteinander und so entsteht das Netz aus gemeinsamen Gedanken und Gefühlen. Obwohl die Autorin selbst weiß ist, gelingt es ihr gut, auch die Perspektive der Afroamerikaner*innen darzustellen.

Das Buch macht wütend, weil es heutzutage leider immer noch so viele Menschen gibt, die hinter dem Grauen, der Gewalt und der Verachtung stehen, es macht traurig, weil es von Einsamkeit erzählt, von Will, der mit geschorenem Kopf – damit die elektrischen Schläge besser eindringen können – auf seiner Pritsche liegt und versucht, sich daran zu erinnern, wie Regen klingt. Aber es macht auch Hoffnung darauf, dass die emotionale Verbundenheit, die Menschen zueinander haben, zukünftig immer mehr geteilt und geäußert und dadurch Zusammenhalt geschaffen wird. Und wie erreicht man Menschen am besten? Mit Emotionen. 

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension gehört zu den studentischen Beiträgen, die im Rahmen eines Lehrprojekts im Sommersemester 2021 entstanden sind und gesammelt in der Septemberausgabe 2021 erscheinen.

Titelbild

Elizabeth Hartley Winthrop: Mercy Seat. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Hansjörg Schertenleib.
Verlag C. H. Beck, München 2018.
251 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783406719042

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