Inmitten von Bücherregalen und Naturidylle

Torsten Woywods „Mathilde und Marie“ als stiller Gegenentwurf zur Beschleunigung der Gegenwart

Von Henrike MohnhauptRSS-Newsfeed neuer Artikel von Henrike Mohnhaupt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Torsten Woywod erweckt in seinem Debütroman Mathilde und Marie einen Ort des Stillstands und der Sinnlichkeit zum Leben, der unserer schnelllebigen Gegenwart entgegengestellt ist und damit einen literarischen Ausflug in eine entschleunigte Idylle darstellt.

Marie ist eine junge Studentin aus Paris, die der hektischen Großstadt entflieht und dabei Jónína begegnet, die das Mädchen mit in ihre Heimat nach Redu – einem Bücherdorf in den belgischen Ardennen – nimmt. Dort eröffnet sich Marie ein Lebensentwurf, der ihrem vorherigen urbanen Alltag radikal widerspricht: 390 Einwohner, ein einziger Fernseher, eine Stunde Internetzugang pro Tag, unzählige Buchhandlungen und eine Gemeinschaft, in der Geduld, Natur und Miteinander den Rhythmus vorgeben.

Durch Jónína und die Bücher ihrer Buchhandlung findet sich Marie schnell in dem dörflichen Leben zurecht und lernt die zurückgezogene und ältere Dorfbewohnerin Mathilde kennen. Durch einen ähnlichen Schicksalsschlag verbunden, entwickeln die beiden Frauen mit der Zeit eine tiefe Freundschaft; zugleich entdeckt Marie ihre innige Liebe zum dörflichen Leben in Redu.

Mit dem märchenhaften Bücherdorf, dem einzigen Schauplatz des Romans, greift der Autor Torsten Woywod seine eigene Leidenschaft auf: Ursprünglich Buchhändler und mehrfach für sein Engagement ausgezeichnet, führt er inzwischen einen eigenen Verlag (Woywod & Meurer) und hat bereits zwei Bände mit Reiseberichten über die schönsten Bücherorte der Welt veröffentlicht. Mit Mathilde und Marie hat er jetzt seinen eigenen entworfen.

Neben dem leitmotivischen Ort der Buchhandlung zieht sich auch die Idee der zweiten Chance durch den Roman und erstreckt sich bis zu der Kirchturmuhr des Dorfes, die stets fünf Minuten zu früh schlägt, um so jedem eine zweite Möglichkeit zur Pünktlichkeit zu gewähren. Auch die drei weiblichen Protagonistinnen erfahren zweite Chancen und erleben Neuanfänge: Marie erkennt in Redu, worauf es ihr im Leben ankommt, Mathilde findet nach einem persönlichen Verlust wieder Lebensmut und Jónína überwindet mehrere gesundheitliche Hürden. Begleitet wird dieses Strukturmerkmal von einer wiederkehrenden Naturmetaphorik, die sprachlich differenziert gestaltet und auf die sinnliche Wahrnehmung ausgerichtet ist. Insbesondere die aus der Stadt stammende Marie setzt sich mit den ihr bis dahin unbekannten Erscheinungen der Natur auseinander, die mehr und mehr zum Spiegel ihres Inneren werden: 

[D]enn genau so, wie sich die Landschaft vor Marie aufspannte und deren Hügelkämme Schatten und Licht ins Land zeichneten, verhielt es sich auch mit dem Leben, das wie eine stete Reise über Höhen und durch Täler anmutete. 

Zunehmend werden Marie dadurch die Parallelen des menschlichen Lebens mit dem Rhythmus der Natur bewusst und sie reflektiert die Natur als aktive Projektion ihres eigenen Daseins, wenn unter dem von Laub bedeckten Waldboden bereits „das Leben des neuen Jahres erwachte“ und ein „erdiger Geruch, dem eine leicht modrige Note innewohnte“ wahrnehmbar wird, in dem sich „Abschied und Neuanfang vereinte[n]“.

Aus dieser empfindsamen Metaphorik und der durchgängig personale Erzählsituation ensteht für die Lesenden ein faszinierendes Zusammenspiel von innerem Erleben und äußerer Wahrnehmung. Erzählt wird kapitelweise wechselnd aus der Perspektive Maries, Mathildes und Jónínas.

Der bevorzugte Einsatz erlebter Rede ermöglicht es dem Lesenden dabei, die Empfindungen der Figuren nachzuvollziehen, während die Figurenrede die Lektüre zwischenzeitlich wieder in eine reflektierende Distanz rückt. Ergänzend kommen einzelne Tagebucheinträge Mathildes in der Ich-Form hinzu, die unmittelbare Einblicke in ihr Innenleben gewähren und sich angenehm abwechslungsreich zur sonstigen Erzählweise lesen. Im rhythmischen Wechsel der Perspektiven und Erzählweisen spannt der Roman einen zeitraffenden Bogen über mehrere Jahreszeiten, die als symbolische Resonanzfläche der drei Hauptfiguren erscheinen.

Der Roman versteht sich jedoch nicht nur als eine Erzählung des Aufbruchs und des Ankommens, sondern gerade mit Blick auf Woywods berufliche Tätigkeiten als Hommage an die Buchbranche. Selbstreferenziell fasst das Buch seine eigene Bedeutung und Wirkung treffend zusammen:

Literatur schafft Verbindung über Länder- und Sprachgrenzen hinaus. Sie bietet die Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen, regt aber ebenso zum Nachdenken an.

Vor dem Hintergrund dieser Lesart sowie der im Roman entworfenen Kulisse lässt sich eine bemerkenswerte Parallele zu dem Erfolgsroman Der Buchspazierer (2020) von Carsten Henn erkennen. Beide Werke entfalten ihre Botschaft im Setting eines märchenhaften Dorfes, in dem Bücher eine bedeutende Rolle einnehmen. Dabei betonen sie in ähnlicher Weise, dass Literatur und Geschichten Menschen miteinander verbinden und dass Einsamkeit und Veränderung durch zwischenmenschliche Nähe leichter zu bewältigen sind.

Woywod schafft es, auf raffinierte Weise sinnliche Idylle mit feinsinniger Gegenwarts- und Gesellschaftskritik zu verbinden. Der in Redu entworfene Lebensstil wirkt nicht nur entschleunigend, sondern bewusst kontrastierend zur überwiegend urbanen und schnelllebigen Gegenwart. Immer wieder reflektiert der Text kritisch die Anspruchshaltung der Moderne, in der „[d]ie allgemein vorherrschende Entwicklung, alles sofort haben zu können und auch zu wollen, […] eines der größten Luxusprobleme“ darstellt.

Die Atmosphäre des Bücherdorfs lässt die Rückkehr der Lesenden in die eigene Realität im Sinne dieser bewussten Gegenüberstellung umso radikaler erscheinen und regt ganz im Sinne des im Roman vermittelten Literaturselbstverständnisses zur Reflexion der eigenen Lebensweise an. Der Reiz dieses Romans liegt nicht in äußerer Spannung oder dramatischer Zuspitzung. Vielmehr entfaltet sich seine Qualität erst dann, wenn die Lesenden sich auf seine stille Atmosphäre und die feinen Reflexionen über Natur, Gemeinschaft und Lebensführung einlassen können.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Torsten Woywod: Mathilde und Marie. Roman.
dtv Verlag, München 2026.
336 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783423285124

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