Beobachtung des Universums von der Hausecke aus

Christina Wessely schreibt die „wahre Geschichte“ von Hanns Hörbigers Welteislehre

Von Martin IngenfeldRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Ingenfeld

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In einer Nacht im September 1894 traf es den österreichischen Ingenieur und Erfinder Hanns Hörbiger „wie ein Keulenschlag“. Bei der Beobachtung des Mondes, so will es die von ihm selbst gestreute Legende, kam ihm die Erkenntnis, dass dieser in Wahrheit vollständig aus Eis bestehe: ein gewaltiger, gefrorener Ozean. Diese Einsicht wurde zur Grundlage jener Lehre, die Hörbiger zusammen mit dem Lehrer und Selenografen Philipp Fauth in dem im Jahr 1913 veröffentlichten Werk „Hörbigers Glacial-Kosmogonie“ ausbreitete. Schon von ihren Zeitgenossen wenigstens ebenso sehr angefeindet wie gerühmt, ist die Welteislehre – kurz WEL – noch heute so etwas wie das Paradebeispiel einer vorübergehend erfolgreichen Pseudowissenschaft. Die Wissenschaftshistorikerin Christina Wessely hat sich in ihrem Band „Welteis“ nun daran gemacht, die ambivalente und aufschlussreiche Geschichte der Welteislehre zu erzählen.

Obwohl die Abstrusität der Welteislehre zumindest in akademischen Kreisen zu keiner Zeit ernstlich infrage stand (abgesehen vielleicht von der Sondersituation der Naziherrschaft), erreichte Hörbiger mit seiner Welteislehre vor allem in den zwanziger Jahren eine solche Popularität, dass sie anderen zum Ärgernis wurde. Ernst Bloch schimpfte über diese „travestierte Naturwissenschaft“ und seitens der unverkleideten Naturwissenschaft reagierte man genauso humorlos. Hörbigers Theorie eines zyklischen Entstehens und Vergehens von Sternen und Welten in Feuer und Eis war freilich durchaus ernst gemeint – und sie traf offenbar einen Nerv ihrer Zeit, dem nicht ohne weiteres beizukommen war. Christina Wessely gelingt es in ihrem Band diesen besonderen zeitgenössischen Reiz, den die Welteislehre ausübte, überzeugend zu erläutern. Dazu weist sie zum einen auf die physikalische Thermodynamik hin, die unter dem Schlagwort der Entropie einen schleichenden und unabwendbaren Kältetod der Welt, eine Einebnung aller stofflichen Differenzen zu verheißen schien. Und zum anderen erscheint ihr die Hörbiger’sche Welteislehre als Antwort auf ein Unbehagen angesichts der rationalisierten, entzauberten gesellschaftlichen Realität im Allgemeinen und den Widerstand gegen eine sich anhand autonomer Qualitätskriterien verselbständigenden Wissenschaft im Besonderen. Dagegen beschwört die „Glacial-Kosmogonie“ nicht nur eine sich in gewaltigen, katastrophischen Zyklen vollziehende ewige Wiederkehr von Weltuntergängen und -wiedergeburten. Sondern sie gibt diese Erklärungen zudem in bewusster Distanz zu den analytischen Ansätzen der naturwissenschaftlichen Methodik. Die Welteislehre bot jenen, denen es in der Naturforschung nicht mehr herzlich und poetisch genug zuging, die dort Intuition und Einbildungskraft vermissten, gewissermaßen „neue Geborgenheit“ – und nebenbei dem forschenden Dilettanten in der Verbreitung und Ausdehnung der Lehre ein neues Beschäftigungsfeld (wobei Hörbiger beständig versuchte, eine Art doktrinäre Letztkontrolle über alle Welteis-Publikationen zu behalten).

Um der von Anfang an überwiegenden Ablehnung aus dem akademischen Bereich etwas entgegenzusetzen, bemühten sich Hörbiger und Feith bereits früh um eine professionalisierte Verbreitung der Welteislehre. Als hilfreich erwies sich dabei einerseits die Selbstvermarktung als Außenseiter im Kampf gegen ein wissenschaftspolitisches Establishment und dessen Missachtung der glazialkosmogonischen Erkenntnisse. Von besonderer Bedeutung war allerdings auch, dass es der Welteislehre erfolgreich gelang, den Berufsstand der Ingenieure in seinem Behauptungswillen und seinem im Konkurrenzverhältnis zu den Naturwissenschaften gekränkten Selbstbewusstsein anzusprechen. Hörbiger, selbst Ingenieur, legte stets besonderen Wert auf den praktischen Charakter, die unmittelbare Anschaulichkeit und Gegenständlichkeit der „Kosmotechnik“, wie die Welteislehre auch genannt wurde – in Abgrenzung vom bloß mathematisch-theoretischen Wissen. Dementsprechend war er auch stets bestrebt, seine Welteislehre experimentell zu untermauern, etwa mithilfe eines sogenannten Megvan-Apparates, der kosmogonische Vorgänge mit Metallstücken und „Pseudo-Eis“ aus Paraffin simulierten sollte, oder, indem Hörbiger vereiste Ziegelsteine in geschmolzenes Eisen warf und das Geschehen von einer Hausecke aus beobachtete.

Durch die Gründung verschiedener Gesellschaften, durch Vorträge (auch an Universitäten und renommierten Institutionen wie der Berliner Urania), Publikationen und andere Aktivitäten gelang es Hörbiger und seinen Gefolgsleuten, die öffentliche Meinung einer „gebildeten Laienwelt“ mit gewissem Erfolg gegen die akademischen Vorbehalte in Stellung zu bringen. Hinzu kam der Erfolg von „Welteisbüchern“, die Hörbigers verquaste Ausführungen, in denen es von Sonnenkeimlingen, Sonnenverfehlern, Eiseinfänglingen und anderen fantastischen Dingen nur so wimmelte, in populärer Form darstellten, nicht zuletzt in Romanen, die auch zu kommerziellen Erfolgen wurden. Da vermag es kaum zu verwundern, wenn es der akademischen Wissenschaft dagegen nicht recht gelingen wollte, diesem vermeintlichen Konkurrenten entgegenzutreten.

Mit Gegenangriffen wie dem 1925 erschienenen Sammelband „Weltentwicklung und Welteislehre“ verschafften sie ihrem Gegner vielmehr noch einen Teil jener Würdigung und Popularisierung, den sich Hörbiger und die Seinen erhofften. Und solche Bemühungen belegen zudem, dass auch die Wissenschaft keineswegs frei war von politischen und weltanschaulichen Überzeugungen wie persönlichen Eitelkeiten, zeigte sich doch gerade im Zweikampf mit der „Pseudowissenschaft“, worum es auch den akademischen Gelehrten jenseits wissenschaftlicher Wahrheit – vielleicht mehr noch – geht: um öffentliche Anerkennung.

In Wesselys Buch bleibt im Gegensatz zu den diskursiven Erfolgs- und Misserfolgsbedingungen der Glazialkosmogonie das persönliche Charisma des im Herbst 1931 verstorbenen Hörbiger etwas im Vagen. Mit dem Verlust dieser Führerfigur allerdings kam es unter Hörbigers Anhängern zu Erbschafts- und Deutungskonflikten, die die Welteis-Bewegung schließlich in eine letzte Phase ihres Erfolgs führten, die der nationalsozialistischen Vereinnahmung. Im Zusammenhang mit der von Heinrich Himmler geführten „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ wurde die Welteislehre in Gestalt einer „Pflegestätte für Wetterkunde“ beziehungsweise später einer „Forschungsstätte für Geophysik“ institutionalisiert und gleichsam in die erste Liga deutscher Wissenschaft befördert. Unter veränderten politischen Vorzeichen waren nun auch einst erbitterte Gegner gezwungen, angebliche Verdienste der Welteislehre anzuerkennen, die sich gewissermaßen wie geschaffen zeigte, um die Überlegenheit des nordisch-arischen Menschen unter harten und zumal kalten Bedingungen zu belegen.

Ganz so eindeutig, wie man meinen könnte, verhält es sich mit dem Verhältnis von Welteislehre und Nationalsozialismus allerdings nicht, wie Wessely verdeutlicht. Denn weder kommt es zu einer unwidersprochenen weltanschaulichen Eingemeindung der Welteislehre, noch kann die Glazialkosmogonie als bestes Beispiel für eine besondere Nähe der Nazis zu pseudowissenschaftlichem Obskurantismus dienen. Die Autorin verweist dabei auf zahlreiche kritische und ablehnende Stimmen, die sich der Welteislehre auch nach 1933 – und zum Teil in NS-Parteimedien – entgegen stellen. Auch kamen gerade von sich als nationalsozialistisch verstehenden Wissenschaftlern wie Philipp Lenard, einem der prominentesten Köpfe der „Deutschen Physik“, besonders scharfe Angriffe gegen die Welteislehre. Nicht zuletzt aber gewinnt auch der spezifische Vorwurf der Pseudowissenschaftlichkeit erst während des Dritten Reichs richtig an Bedeutung, um sich dann nach 1945 ungebrochen fortzusetzen.

Mit der Naziherrschaft endet auch der öffentliche Erfolg der Welteislehre. Zu sehr hatten Hörbigers Erben sich den Nationalsozialisten angedient, als dass sie deren Ende unbeschadet hätten überstehen können. Es ist ein wenig zu bedauern, dass Wessely auf Nachkriegsdiskurse zur Welteislehre nicht weiter eingeht. Dennoch rückt sie in ihrem Buch einiges zurecht, was das Verhältnis zwischen „ernsthafter“ und Pseudo-Wissenschaft im Allgemeinen angeht, wie auch im Falle der (willfährigen) nationalsozialistischen Vereinnahmung der Hörbiger’schen Lehre. Darüber hinaus entführt das Buch seinen Leser in interessanter und anspruchsvoller Weise in eine bizarr erscheinende Episode der Wissenschaftsgeschichte, die unwillkürlich fragen lässt, wo in unserer Gegenwart Vergleichbares stecken mag. Nicht zuletzt aber entspricht, wie sie selbst feststellt, Wessely mit ihrem Buch auch einem Wunsch Hanns Hörbigers selbst, dass einmal eine Geschichte der Welteislehre geschrieben werde. Hörbiger und seine Gefolgsleute haben daher bereits früh damit begonnen, ein umfangreiches Archiv anzulegen, auf das sich Wessely in ihrer Arbeit stützen konnte. Nicht nur dieser Erinnerungspflege ist nun dieses lesenswerte Buch zu danken.

Titelbild

Christina Wessely: Welteis. Eine wahre Geschichte.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2012.
319 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783882219890

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