Nach Paris und Mädchen jagen

Stephan Reimertz´ neue Allen-Biographie

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Stephan Reimertz, bisher eher als Verfasser von kunstgeschichtlichen Studien - etwa über Max Beckmann - sowie als Autor von Gedichten, Essays und Novellen bekannt, hat anlässlich des 65. Geburtstages von Woody Allen eine Biographie vorgelegt.

Was soll man zu Allen sagen? Womit soll man anfangen? Er ist ein meisterlicher Regisseur, ein großartiger Schriftsteller, eine Art Philosoph und ein guter Schauspieler obendrein - oder aber ein Nervenbündel, Frauenjäger, beziehungsunfähiger Neurotiker und Skandal-Autor. Die Sichtweisen sind verschieden. Glücklicherweise ist Reimertz nicht auf Effekthascherei aus und widmet sich dem filmischen Werk des New Yorker Regisseurs und Autors, nicht seinem immer noch von den Medien gierig beäugten Privatleben. Wer sich also auf neueste Details der Eheschlacht mit Mia Farrow und der Verbindung Allens mit seiner Adoptivtochter Soon-Yi freut, wird in diesem Buch nicht fündig.

Kühl, sachlich und mit der gebotenen Distanz nähert sich Stephan Reimertz der komplexen Person Woody Allens an. Er verbindet auf eine geschickte Weise Film und Realität, unterstreicht die autobiographischen Züge in Allens Filmen, etwa die Kindheit in Brooklyn mit der Welt und der Zeit aus "Radio Days", eine auch von Allen gerne gezogene Parallele. Informativ sind die Ereignisse aus Allens Zeit als Stand-Up-Comedian dargelegt: Reimertz hält sich an historische Fakten, ohne aber in bloße Aufzählungen und nutzloses "name dropping" zu verfallen. Das Problem der Verbindung von Comedy und Film behandelt er im Kapitel "Wie dreht man ein Buch", auffällig ist hier, dass der Autor die frühen Filme von Woody Allen nicht gerade schätzt, sie werden von ihm eher herablassend behandelt: "Heutzutage schaut man sich den Schabernack nur noch an, wenn man ein Buch über Woody Allen schreibt", Werke wie "What´s new, Pussycat", die Bond-Parodie "Casino Royale" oder "Take the money and run" sind "nicht für die Filmgeschichte bestimmt". Hier möchte man dem Autor doch widersprechen: diese Filme sind zwar klamaukorientiert, sie bleiben aber dennoch aber ein wichtiger Teil seines Filmwerks. Etwas merkwürdig fällt auch das Kapitel "Ist Woody Allen ein Konterrevolutionär?" auf, wo Che Guevara als "Massenmörder" tituliert oder die "Folgen" der "totalen Sozialdemokratie" in Schweden beschrieben werden. Was solche Sachen in einer Biographie über den liberalen Filmemacher Allen zu suchen haben, bleibt ein Rätsel.

Die Behandlung seiner folgenden Filme, allen voran "Annie Hall", "Manhattan" und auch der ernsten Werke erreicht glücklicherweise wieder das durchweg gute Niveau der anfänglichen Kapitel. Die Zusammenfassung der Filme in unterschiedliche Themenbereiche ist ein Kunstgriff, der das Buch äußerst interessant macht und auch dem Lesevergnügen zuträglich ist. Allens Beschäftigung mit den aktuellen und auch weniger aktuellen Problemen (und auch seine kritische Haltung zu Hollywood in Filmen wie "The Front" oder auch "Celebrity") werden nicht verschwiegen.

Die Biographie befasst sich mit Allen und seinen Filmen bis zum Jahr 2000, sie bietet einen sehr umfassenden und sehr guten Anhang mit Anmerkungen und einer ausführlichen Filmo- und Bibliographie.

Angesichts der Qualität der Biographie und des hohen Informationsgehaltes sowie des - zum Glück - fehlenden Klatsches kann man über Ungereimtheiten hinwegsehen. Nicht immer ist wahr, was Allen über Biographen und Biographien sagte, nämlich dass sie schlimmer als eine Ebola- Seuche seien.

Titelbild

Stephan Reimertz: Woody Allen. Eine Biographie.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2000.
256 Seiten, 10,20 EUR.
ISBN-10: 3499611457

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