Im Krebsgang wider das Vergessen

Günter Grass' Untergang des Flüchtlingsschiffes "Wilhelm Gustloff" zwischen Fiktion und Realität, Gegenwart und Vergangenheit

Von Tobias Dennehy

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Da ist es wieder, das verdammte Datum. Die Geschichte, genauer, die von uns angerührte Geschichte ist ein verstopftes Klo. Wir spülen und spülen, die Scheiße kommt dennoch hoch." Was so locker und vulgär-philosophisch in Günter Grass' neuer, außergewöhnlich packender und leichtfüßiger Novelle "Im Krebsgang" daher kommt, enthält in wenigen Worten die (positive) Geißel Grass'scher Kunst: die Überzeugung, dass Davonlaufen nichts nützt, dass die Geschichte einen immer wieder einholt, die eigene wie die anderer, die einer Stadt, einer Nation, der ganzen Welt. Immer wieder klopft sie an die Türen derer, die bereit sind zuzuhören, nicht zu verdrängen und dafür zu sorgen, dass erhobene Finger unablässig wider das Vergessen richtungsweisend zeigen.

Dem mahnenden Finger, der sich als bedeutungsschwangeres Datum aus der Vergangenheit in die Gegenwart des Ich-Erzählers Paul Pokriefke bohrt, antwortet dieser im narrativen Krebsgang. Er kommt "der Zeit eher schrägläufig in die Quere [...], etwa nach Art der Krebse, die den Rückwärtsgang seitlich ausscherend vortäuschen, doch ziemlich schnell vorankommen". Allerdings erinnert sich der Verdränger Paul nur widerwillig an diesen "vermaledeiten" 30. Januar des Jahres 1945, dessen schreckliche Ereignisse zu schildern ihn ein fiktives Alter Ego des Autors Grass beauftragt. Dieser Auftrag und die daraus resultierenden Zwiegespräche zwischen Autor und Figur bilden einen der erzählerischen Anker und roten Fäden der Novelle. Grass nutzt sie dazu, sich im Namen seiner selbst und seiner schriftstellernden Altersgenossen dafür zu entschuldigen, diese Erinnerungen nicht längst schon wachgerufen zu haben.

Was an diesem lange vergangenen Tag geschehen ist, nimmt seinen Anfang am 4. Februar 1936, als vier Schüsse aus der Pistole des jüdischen Medizinstudenten David Frankfurter den in der Schweiz für seine Partei werbenden NSDAP-Landesgruppenleiter Wilhelm Gustloff töten. Der geständige Frankfurter will mit seiner Tat ein Zeichen setzen und zum Widerstand aufrufen. Hitlers Partei stilisiert den Ermordeten zum 'Blutzeugen' und tauft ein Jahr später ein weißes 'Kraft durch Freude'-Schiff, auf dem rechtermaßen Gleichgesinnte Ferienreisen in norwegische Fjorde machen, auf den Namen 'Wilhelm Gustloff'. Im Zweiten Weltkrieg wird das Schiff zum Lazarettschiff umgerüstet, später zum Kasernenschiff und mutiert schließlich Anfang 45 zum Flüchtlingsschiff, auf dem über 9000 Menschen, darunter ein Großteil Frauen und Kinder, vor der herannahenden Roten Armee in Gotenhafen nahe Danzig Zuflucht finden. Noch in derselben Nacht, an besagtem 30. Januar, ereignet sich eine Katastrophe, die in ihrem Ausmaß den Untergang der 'Titanic' in den Schatten stellen wird, als der sowjetische U-Boot-Kommandant Alexander Marinesko mit drei gezielten Torpedoschüssen die 'Wilhelm Gustloff' versenkt. Nur wenige hundert Passagiere überleben.

Soweit die Realität. Zwei dieser Überlebenden eröffnen die fiktive Ebene der Novelle: Tulla Pokriefke (treuen Grass-Lesern aus "Katz und Maus" und den "Hundejahren" bestens bekannt) und ihr Sohn Paul. Der hatte während des Untergangs an diesem vermaledeiten Datum (das übrigens auch den Geburtstag Gustloffs und den Tag der Machtergreifung Hitlers markiert) im Schreckenschor mit Ertrinkenden und Erfrierenden schreiend das nachtdunkle Licht der kriegsgebeutelten Welt erblickt. Als ewig Gestrige, wie Paul seine Mutter oft bezeichnet, liegt diese ihm Jahr und Tag seines Lebens im Ohr, er möge doch endlich das Grauen des Untergangs verschriftlichen und Zeugnis ablegen darüber, "wie aisig die See jewesen ist und wie die Kinderchen alle koppunter. Das mußte aufschraiben. Biste ons schuldig als glicklich Iberlebender".

Fünfzig Jahre wehrt sich Paul gegen diesen Wunsch. Als er dann doch eines Tages als mittlerweile mäßig erfolgreicher Journalist, beauftragt und immer noch widerwillig krebsend, mit der Recherche der Tragödie beginnt, landet er auf der (fiktiven) Nazi-Website www.blutzeuge.de (in Wirklichkeit vom Steidl-Verlag als Krebsgang-Werbeplattform genutzt). Hier tummeln sich braune Huldiger des Blutzeugen Gustloff, angeführt und gehostet von einem Webmaster, der sich Wilhelm nennt und seine Sicht der Gustloff-Thematik in Bildern und Texten online verbreitet. Wilhelm steht zudem in ernstem Chat-Kontakt mit einem sich David nennenden vermeintlichen Juden, der dem rechten Hohelied auf den Blutzeugen jüdisch verpacktes Kontra bietet, "zwei Spaßvögel[...], die es blutig ernst meinten".

Grass verknüpft nicht nur Fiktion und Realität nahtlos miteinander, sondern auch Vergangenes und Gegenwärtiges. Immer wieder lässt er den Erzähler zwischen dem chronologisch erzählten Damals und der Entwicklung im narrativen Jetzt hin und her springen. Im Rückblick des Erzählers spaltet sich die Handlung in Wirklichkeit und Erfindung: Die Wirklichkeit beginnt mit Frankfurters Schüssen und endet mit dem Untergang des Flüchtlingsschiffs, die Erfindung nimmt ihren Anfang mit der Geburt Paul Pokriefkes während des Untergangs und endet ... gar nicht. Die Fiktion wird so zur Weiterführung der Realität und überschreitet scheinbar beiläufig den narrativen Ausgangspunkt.

Parallel zur Rekapitulation des Untergangs dämmert dem Erzähler bei seiner Internet-Recherche nicht nur die historisch-moralische Wichtigkeit seines Erinnerns, sondern auch das beklemmende Fortleben des Gustloff-Plots für ihn selbst: "Dieser kackbraun aufgehenden Saat dient[...] einunddasselbe Köpfchen als Mistbeet", nämlich der eigene Sohn Konrad (benannt nach Tullas in den "Hundejahren" ertrunkenem Bruder). Dieser, dem Vater seit frühester Kindheit entfremdet, nimmt seine durch die Großmutter über Jahre hinweg erfolgreich genährte rechtspopulistische Haltung nicht nur virtuell ernst, sondern lässt die "Scheiße" namens Geschichte sich in einer blutigen und realen Tat spiegelverkehrt wiederholen. Verhaftung, Verurteilung und Inhaftierung folgen.

An dieser Stelle droht die Handlung mit der scheinbaren, haftbedingten Einsichtigkeit des Sohnes und der daraus resultierenden Wiederannäherung an den Vater eine für Grass untypische und kitschige Happy-Endung zu nehmen. Allerdings nur und gottseidank scheinbar. Durch einen geschickten Streich gelingt es Grass am Ende der Novelle, diese hollywoodeske Platitude selbst zu hinterfragen. Einmal mehr schreibt er mit der Maske des Sisyphos, überzeugt, dass es immer wieder Grund geben wird, erinnernd zu mahnen oder mahnend zu erinnern und auf das Türklopfen der sich immer im Kreis drehenden Geschichte zu hören. Und sich eben auch neuer und heikler Themen wie dem Schicksal deutscher Flüchtlinge vor der Invasion der Alliierten und deren Vertreibung aus dem eigenen Land anzunehmen - ein bislang in der deutschen Literatur weitgehend unbeackertes und gemiedenes Geschichtsfeld. Die gewohnte Richtung Grass'scher Fingerzeige verliert dadurch an Eindeutigkeit, dass vermeintliche Täter (die Deutschen) zu unschuldigen Opfern werden und Rechtsradikale wie Konrad sympathische Züge zeigen und läuterbar scheinen.

Ganz in sisyphos´scher Manier stellt der Erzähler am Ende allerings doch wieder fest: "Das hört nie auf. Nie hört das auf."

Titelbild

Günter Grass: Im Krebsgang. Eine Novelle.
Steidl Verlag, Göttingen 2002.
216 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-10: 3882438002

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