Die jungen Rebellen und der Dichterfürst Goethe
Der Sammelband „Goethe und die europäische Romantik“ gibt viele präzise Einblicke in das frühe 19. Jahrhundert
Von Martin Lowsky
Dieses Werk, an der Universität von Lothringen in Metz konzipiert, behandelt sowohl Goethe als auch die Romantik, gewiss. Aber besonders packend sind die Passagen, in denen es um das Wollen und den Elan der Romantiker geht – um vielfältige künstlerische Beeinflussungen, um Ausstrahlungen in die Welt der Kunst, um fruchtbare Kontakte zu den Nachbarländern, also um den großen furiosen Aufbruch der Romantiker kurz nach 1800.
Die nachwachsenden Schriftsteller wollten ‚romantisch‘ sein, und dieses Wort, dieser Kampfbegriff, bedeutete so viel wie regellos, ungezwungen, intuitiv, anti- und vorklassisch, ja rebellisch und dabei mit dem Leben verbunden. Die romantische Bewegung ging von Deutschland aus, das europaweit so sehr bewundert wurde, dass man fast alles, was deutsch war, romantisch nannte und auch den gesamten Goethe, selbst den Autor des Werther, und auch seinen Faust, zur Romantik zählte. Goethe dagegen erklärte in aller Schärfe, das Klassische sei das Gesunde, das Romantische das Kranke. Er sagte aber an anderer Stelle auch, das Romantische sei ein „Fieber“, aus dem sich in einer Art Genesung etwas Neues, Gutes entwickeln werde – eine Äußerung, die der große französische Lyriker und Literaturtheoretiker Sainte-Beuve, um zwei Generationen jünger als Goethe, dahingehend interpretierte, dass es zu allen Zeiten beide, die Klassiker und die Romantiker, gegeben habe und geben werde.
So schätzte Goethe den Theoretiker der Romantik Friedrich Schlegel, der seinerseits romantische Ansätze bei Goethe (in seinem Wilhelm Meister) bemerkte und sie lobte. Doch als Schlegel gar jedem Kunstwerk eine „göttliche Bedeutung“ zuschrieb – so weit ließen sich manche Romantiker herbei –, ging Goethe ihm aus dem Weg. Dieser Beitrag (von Alain Muzelle) ist auf Französisch geschrieben. Übrigens sind allen Beiträgen Zusammenfassungen auf Deutsch und auf Französisch beigefügt, wie überhaupt der Band durch seine elegante Umschlag-Optik und seine sorgfältige Präsentationsform besticht: Es gibt neben einer weit ausholenden Einführung der Herausgeber auch ein ausführliches Register.
Der Band stellt viele literaturgeschichtliche Momente vor. Als der alte Goethe seinen Faust ‚modernisieren‘, eben romantische Elemente einfügen wollte, nämlich die Szenen um die Griechin Helena, bezog er sich auf Anregungen von Lord Byron, aber auch auf die mittelalterliche Dr.-Faust-Legende, in der bereits eine erotisch attraktive Helena erscheint. Der Romantiker und spätere Realist Balzac benutzt in seiner Erzählung Das Chagrinleder das Faust’sche Teufelspakt-Motiv, wobei interessanterweise der Erzähltext selbst den Namen Goethe offen nennt. In Spanien nimmt um 1840 José de Espronceda mit seinem Drama El diablo mundo, das heißt ‚Teufel Welt‘, den Faust-Stoff auf, wobei seine Hauptfigur Adán (Adam) auch an Voltaires Erzählung Candide erinnert: Adán leidet unter der Ungerechtigkeit eines unversöhnlichen Gottes. Anders erscheint Goethe in den Polemiken (nach Goethes Tod) des italienischen Philosophen und Freiheitskämpfers Giuseppe Mazzini: Dieser sieht den Dichterfürsten als einen ‚verschlafenen Storch’ (im Gegensatz zum aufsteigenden Falken), der „als Erfolgsdichter in Staatsdiensten“ sich enthoben und verantwortungslos in den Konflikten seiner Zeit gezeigt habe. Mazzini war es freilich auch, der Goethes Werk dafür gepriesen hatte, dass es zum Kulturaustausch zwischen den europäischen Völkern beitrage. Franzosen schickten ihre Werke Goethe; so der mit Victor Hugo zusammenarbeitende Alexandre Dumas, romantischer Erneuerer des französischen Theaters (der heute in Deutschland leider als Trivial-Romancier gesehen wird), und Goethe stand im Briefwechsel mit Walter Scott, dem großen schottischen Erzähler von historischen Stoffen.
Besonders lesenswert ist das Buch da, wo es von mehrfachen Wechselwirkungen, ja einem buchstäblichen Hin und Her an Einflüssen zwischen verschiedenen Kulturen berichtet. So im Zusammenhang mit den ersten vollständigen Übersetzungen des Faust in Frankreich 1823 und 1828. Beide Übersetzungen – vor allem die letzte von Gérard de Nerval – wurden von Goethe mit Freude aufgenommen. Erstere machte 1827 erneut Furore, als sie wiederaufgelegt wurde mit Lithografien von Eugène Delacroix, wobei sich Delacroix von einer Faust-Aufführung in London hatte inspirieren lassen. Die andere Übersetzung wiederum, die Nerval’sche, veranlasste Hector Berlioz zu seinen beiden Kompositionen Acht Szenen aus Faust – er sandte dieses Werk an Goethe, ohne ein Lob zu bekommen – und Fausts Verdammnis. Das multinationale Zusammenspiel von Texten und ihren Neufassungen, das dieser Beitrag (von Raymond Heitz) analysiert, ist faszinierend.
Dieser Sammelband bietet gerade durch seine Fülle an Einzelbeobachtungen eine gute Gesamtschau auf die europäische Romantik. Zu erwähnen ist noch, dass sich eine Reihe der Beiträge mit der romantischen Musik beschäftigt; ein Beitrag (von Andreas Anglet) kommt zu dem Schluss, dass Goethe von dieser Musik teils irritiert, teils fasziniert wurde. Irritation und Faszination scheinen überhaupt Goethes Erfahrungen angesichts der romantischen Rebellen zu sein.
|
||















