Einsamer Tod in der Nacht der Nächte

Die aus Kenia stammende kanadische Autorin Anar Ali schildert in ihrem Romanerstling „Nacht der Bestimmung“ die tragische Geschichte einer Einwandererfamilie

Von Rainer RönschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rainer Rönsch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Erzählt wird die tragische Geschichte einer Familie, die aus Uganda nach Kanada eingewandert ist – doch das Unglück entsteht nicht, wie man vermuten könnte, aus Konflikten zwischen Eingesessenen und Migranten und dem Zusammenstoß unvereinbarer Kulturen und Wertvorstellungen. Man darf es sicherlich als eine Würdigung des Einwanderungslandes Kanada ansehen, dass Fremdenhass nur selten eine Rolle spielt.

Die Tragik des Kleinunternehmers Mansoor, seiner Frau Layla und seines Sohnes Ashif ist hausgemacht beziehungsweise genetisch bedingt, denn Mansoor hat Übles geerbt von seinem Vater Visram P. Govindji: zur Herrschsucht gesteigerte Rechthaberei und unversehens ausbrechende Brutalität. Der Generationenkonflikt setzt sich zwischen Mansoor und Ashif fort und führt zur völligen Entfremdung zwischen beiden.

Der bettelarme Steinbrucharbeiter Govindji war mit ganzen 13 Jahren aus dem indischen Bundesstaat Gujarat nach Sansibar und von da nach Uganda übersiedelt. Dort ging er bei einem indischen Ladenbesitzer in die Lehre und erkannte als Maxime der Betriebswirtschaft den Trick, „den Kunden Sachen zu verkaufen, von denen sie gar nicht gewusst haben, dass sie sie überhaupt brauchten“. Außerdem lernte er Fremdsprachen und eröffnete mit 28 Jahren seinen ersten Kurzwarenladen. Der neuen das Land durchquerenden Eisenbahnlinie folgend, eröffnete er immer mehr Geschäfte, woraus ein Handelsimperium entstand. Der kommerziell erfolgreiche Govindji war jedoch ein Unhold. Er verstieß seine Frau Gulzar, die nicht genügend Fleisch auf den Tisch brachte und ihm nicht modern genug war. Er ließ ihr die langen Haare abschneiden, so dass der kleine Mansoor seine Mutter nicht wiedererkannte, und sie auf einen Ozeandampfer bringen, zurück nach Hause. Gulzar sprang über Bord und ertrank. Govindji nahm sich eine neue Frau, fünfzehn Jahre alt.

Als Mansoor, Sprössling einer der angesehensten Familien in Kampala, ins Heiratsalter kam, durfte er seine Frau frei wählen. Doch aus Afrika musste sie kommen, nicht aus Indien, darauf bestand sein Vater. Zu den Bewerberinnen gehörte Layla aus der kenianischen Hafenstadt Kisumu. Mansoor fuhr mit der Fähre quer über den Victoriasee zu ihr und fand sie noch viel hübscher als auf den Fotos. „Drei Monate später, in ihrer Hochzeitsnacht, durfte er sie endlich berühren.“

Ugandas Diktator Idi Amin verwies 1972 alle 80.000 Einwohner südasiatischer Herkunft des Landes. Layla flog mit dem kleinen Ashif nach London – die Vereinten Nationen hatten Lufttransporte organisiert. Mansoor wollte nachkommen, er hatte keinen britischen Pass. Das Schicksal einfacher Menschen wurde wieder einmal von der großen Politik bestimmt. Als Uganda unabhängig wurde, versprach die Ex-Kolonialmacht Großbritannien all denen Schutz, die noch den britischen Pass besaßen. Ugandas Regierung aber erlaubte nur eigenen Staatsbürgern das Betreiben von Geschäften. Also behielten lediglich die Frauen den britischen Pass.

Mansoor entschloss sich zur Flucht, als kurz nach der Abreise von Frau und Kind fünf Offiziere mit erhobenen Macheten einen seiner Läden stürmten und ihm Geld und Schlüssel abverlangten. Mit einem der letzten UN-Charterflüge aus Uganda gelangte er nach Wien. Im Flüchtlingslager in Österreich erfuhr er, dass der kanadische Premierminister Trudeau die Grenzen seines Landes für die Flüchtlinge aus Uganda geöffnet hatte, auch für die schiitische Religionsgemeinschaft der Ismailiten, der Mansoors Familie angehörte.

Layla wartete im Lager in London monatelang auf ihren Mann und flog dann mit dem fast zweijährigen Ashif zu ihm nach Wien. Mansoor wollte nicht wissen, wie es ihr in London ergangen war: „Was bringt es schon, über die Vergangenheit zu reden, Layla?“

Mansoor hatte sich für Kanada entschieden, ein Einwanderungsland mit gutem Ruf für Liberalität und Toleranz. In der einzigen heiteren Szene des Romans durfte er in Montreal die kanadische Provinz auswählen, in der er leben wollte. Er studierte die Landkarte und Sachbücher. Montreal erinnerte ihn zu sehr an Wien, und Toronto hatte enge Gassen. Calgary sollte es sein, die in klare Quadrate unterteilte Stadt in der geschäftstüchtigen Provinz Alberta!

Mansoor wurde dort Verkäufer in einem Geschäft für Gebrauchtwagen. Er kündigte diesen Job und vernichtete die Auszeichnungen als „Verkäufer des Monats“, weil er eine glänzende Zukunft als erfolgreicher Geschäftsmann vor sich sah. Seinem Sohn verhieß er: „Wir waren Könige in Uganda, und wir werden auch in Kanada wieder Könige sein.“ Anders als sein grausamer Vater war er zunächst liebevoll zu seinem Sohn. Doch er meinte, nur unter seinen Fittichen könne etwas aus Ashif werden. Also nahm er ihm grausam seine Tagebücher weg, denn so etwas würde dem Jungen nie helfen, zu Geld zu kommen.

Über seinem Schreibtisch hing ein riesiges Porträt des Vaters, dessen Körperfülle für Reichtum stand. Gerade noch träumte Mansoor von der Expansion seiner Firma, da sah er seinen Vater aus dem Rahmen der Fotografie steigen. Vor dessen stechendem Blick schlug er die Augen nieder. Der Alte nannte die bisherige Bilanz seines Sohns erbärmlich und zwang ihn zu Liegestützen bis zum Zusammenbruch. Der tote Vater bestimmte Mansoors Leben also auch in Kanada weiter. Govindji bleibt eine einschichtige dämonische Schreckgestalt, doch bei Mansoor gelingt der Autorin das beeindruckende Porträt eines zwischen Liebe und Erfolgsstreben zerrissenen Mannes.

Ein Anfang war gemacht. In einem der besseren Viertel von Calgary besaß Mansoor eine kleine Wäscherei. Er wollte expandieren und benötigte einen Kredit für eine Trockenreinigungsanlage, die digital mit all den künftigen Annahmestellen verbunden werden sollte. Mansoor sah sich bereits als mächtigen Lenker eines großen Unternehmens, das er gemeinsam mit seinem Sohn Ashif leitete. Der aber hatte viele Meilen zwischen sich und den Vater gebracht. In einem multinationalen Konzern in Toronto war er ins mittlere Management aufgestiegen, hatte große Karrierechancen, kam selten nach Hause und verschwand rasch wieder.

Die Beziehung zwischen Vater und Sohn war tragisch gestört. Beide hielten einander für Versager. Ashif konnte dem Vater auch nicht verzeihen, dass er die Mutter eines Tages zusammengeschlagen hatte. Mansoor wiederum ahnte nicht, dass Ashif seinen Beruf und die Personalgespräche mit den Opfern einer Entlassungswelle hasste und aussteigen wollte, sobald er den Eltern zu einem gesicherten Ruhestand verholfen hatte. Dabei ging es ihm vor allem um seine Mutter, die mit dem Verkauf selbstgefertigter Speisen zum Lebensunterhalt beitrug. Die tiefe Liebe zwischen Mutter und Sohn hätte der Familie bei größerer Charakterstärke Ashifs womöglich eine Perspektive gegeben. Doch der feinsinnige und poetisch veranlagte junge Mann trug die Brutalität des Großvaters in den Genen und verlor bei einem Wutanfall die hochintelligente und künstlerisch begabte Sharifa, die Liebe seines Lebens.

Die Handlung kulminiert in der titelgebenden „Nacht der Bestimmung“ („Lailat-ul-Qadr“) während des Fastenmonats Ramadan. Diese Nacht ist laut Koran „besser als 1000 Monate“ und nach Meinung der Gläubigen entscheidend für die Geschicke im nächsten Jahr. Deshalb sind in den Nachtstunden möglichst viele gottesdienstliche Handlungen zu verrichten. Layla geht dazu in die Gebetshalle, doch Mansoor missachtet die Religion und begleitet Layla auch diesmal nicht. Auf der Suche nach dem Standort für eine neue Annahmestellte irrt er durch die eisige Nacht und sinkt halb erfroren auf freiem Feld nieder. Erschüttert liest man vom einsamen Tod eines hilflosen Mannes, der nicht mehr weiß, dass seine Brutalität ihm Frau und Sohn entfremdet hat. Layla, die nach den Schlägen ihres Mannes geduckt dahinlebte, wächst nun über sich hinaus. Sie widersetzt sich den Anführern der Glaubensgemeinschaft, damit Ashif seinen toten Vater noch einmal sehen kann.

Autobiografische Elemente im Roman sind angesichts der Herkunft der Autorin aus Kenia nicht zu übersehen. Die Abneigung gegen Geschäftstätigkeit, in der sie durchaus erfolgreich war, und die Vorliebe für Kunst und Literatur teilt sie mit Ashif. An den häufigen Wechsel der Zeitebenen muss man sich gewöhnen.

Der Übersetzer Jan Karsten hat die schnörkellose und bewegende Sprache der Autorin gekonnt ins Deutsche gebracht. Beim Korrekturlesen wurden jedoch einige Holperer übersehen, wie z.B. der gelegentliche Gebrauch des falschen Kasus im Deutschen. Auch werden die Namen indischer Speisen nicht erklärt. Sucht man dann Dhorka in der englischsprachigen Wikipedia, so findet man eine Ortschaft – Speisen heißen entweder Dhoka oder Dhokar. Dieser Debütroman beeindruckt nichtsdestotrotz mit einer Familiengeschichte, in der es niemandem gelingt, aus großenteils selbstverschuldeter Einsamkeit auszubrechen.

Titelbild

Anar Ali: Nacht der Bestimmung.
Aus dem Englischen von Jan Karsten.
CulturBooks, Hamburg 2020.
247 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783959881494

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