Auf der Suche nach Menschlichkeit

In „Perwanas Abend“, 1998 erschienen und 2019 aus dem Kurdischen übersetzt, erzählt Bachtyar Ali die Geschichte von zwei Schwestern und ihrem Streben nach Freiheit

Von Jana Maria DetscherRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jana Maria Detscher

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Vergiss mich nicht, wenn ich tot bin“. Mit diesem letzten Satz verabschiedet sich Perwana, ihre große Schwester und Vertraute, von Khandan.

Sie flieht vor einer Gesellschaft, welche im religiösen Fanatismus allen Sinn für Moral verloren zu haben scheint, und macht sich gemeinsam mit ihrem Geliebten auf den Weg an einen Ort, an dem all das möglich sein soll, was in der Heimatstadt verwehrt bleibt. Über den genauen Ort und die genaue Zeit lässt der Autor Bachtyar Ali uns im Unklaren, vermutlich spielt die Handlung im kurdischen Teil des Iraks in den achtziger Jahren. Klar ist jedoch: Zwischen politischen Unruhen, religiösem Fanatismus und Patriarchat bleibt kein Platz für Selbstverwirklichung, nach welcher sich die freiheitsliebende Perwana so sehr sehnt. An einem versteckten Ort für Verliebte, welcher freiheitliche Liebe fernab vom Dogma der Sünde sowie Sicherheit und Frieden, kurzum ein Paradies, verspricht, will sie inmitten der Gemeinschaft ihresgleichen ein neues Leben beginnen.

Um Khandan lässt sie einen Scherbenhaufen zurück. Die Stadt zeigt sich als ein lebens- und liebesfeindlicher Ort, das Zuhause als ein Gefängnis, in welchem die Frauen verwesen; ein Sinnbild hierfür die kranke Mutter, welche vor Jahren in einer Ecke ihrer langsamen Verwesung übergeben wurde. Albtraumhaft anmutend ziehen in Schleier gehüllte Tamburin-Frauen durch die Stadt und versetzen mit ihrer Treibjagd Khandan und Andere in Angst und Schrecken. Doch auch im Tal für Verliebte fragt Perwana sich gleich nach ihrer Ankunft: Kann das hier das Paradies sein? In Wirklichkeit ist es nur ein düsteres Tal, in welchem die Paare sich voneinander entfremden, sich zu hassen und zu verachten beginnen. Schnell zeigt sich die Unmöglichkeit der Abgrenzung zur eigenen Vergangenheit. Auch hier finden sich patriarchale Strukturen, in welchen die Frauen verwelken. Und es zeigt sich auch, dass im Verstecken keine Freiheit liegt: „Hier ist der Wald der Abgeschiedenheit. Hier stirbt die alles umarmende Liebe“ – und mit ihr auch Perwana.

Als Perwana verschwunden ist, soll Khandan für deren Sünde büßen und verbringt Jahre in der „Schule der Reumütigen Schwestern“, wo die Reinheit von Mädchen und jungen Frauen, welche durch deren weibliche Familienmitglieder beschmutzt wurde, wiederhergestellt werden soll. Doch ebenso wenig wie die Prügel ihrer Brüder vermögen die strengen Lehrerinnen den Willen des Mädchens zu brechen. Wütend trotzt sie der Indoktrination der Sündhaftigkeit des eigenen Seins, an welcher andere zerbrechen. Stattdessen lauscht sie den Geschichten Fatanas, welche ihre Vertraute und Mitkämpferin wird. Über Jahre hinweg setzt Khandan die Bruchstücke an Geschichten und Gerüchten zusammen, bis sie als erwachsene Frau den Mut findet, Perwanas Geschichte niederzuschreiben.

Schreiben bedeutet Freiheit – für Khandan wie für den Autor Bachtyar Ali. Als Teil der Studentenbewegung ist der aus dem kurdischen Irak stammende Autor mit Saddam Hussein in Konflikt geraten und lebt seit über 20 Jahren im Exil. Im Irak schon lange als das moralische Gewissen geltend, wurde er 2016 mit Der letzte Granatapfel als erster Autor durch Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim, denen wir auch den Genuss von Perwanas Abend zu verdanken haben , vom Sorani ins Deutsche übersetzt. Der Roman, welcher im Irak verboten wurde, ist, wie auch seine vorherigen Werke, eine Anklageschrift. Nachdem Bachtyar Ali in den früheren Romanen den Fokus auf die politischen Umstände legte, prangert er hier die Blindgläubigkeit an.

Gnadenlos deutlich und doch mit viel Feingefühl werden die Geschichten von vielen Existenzen, welche vom Leben in der Bigotterie gebrochen sind, entfächert – Perwanas Geschichte wird hierbei zum Knotenpunkt, der diese Existenzen verbindet. In symbol- und bildhafter Sprache lässt er die Natur mal als stumme Zeugin der Grausamkeiten, mal als solidarisch mit den gejagten Figuren auftreten. Die Wut Khandans kann schwere Stürme heraufbeschwören und Perwanas Name hinterlässt feinen Schmetterlingsstaub – die literarische Feinheit, aus welcher das Werk gestrickt ist, steht im schmerzlichen Kontrast zu der gnadenlos deutlichen Beschreibung der verrohten Gesellschaft und verarbeitet in gewisser Weise die Unvereinbarkeit zwischen religiösem Fanatismus und dem Streben nach Utopie, welches allen Charakteren in Alis Werken gemein ist. Doch in all dem Leiden, welches in Perwanas Abend geschildert wird, ist es leicht, die Überzeugung zu erkennen, welche Bachtyar Ali 2017 bei der Entgegennahme des Nelly-Sachs Preises äußert: „Ein Mensch kann durch die Hölle gehen und dennoch als Mensch wieder herauskommen“. Und genau davon handelt Perwanas Abend.

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension gehört zu den studentischen Beiträgen, die im Rahmen eines Lehrprojekts im Sommersemester 2020 entstanden sind und gesammelt in der Septemberausgabe 2020 erscheinen.

Titelbild

Bachtyar Ali: Perwanas Abend. Roman.
Übersetzt aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim.
Unionsverlag, Zürich 2019.
279 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783293005532

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