Schreibende Tochter und schweigende Mutter
In „Autobiografie meines Körpers“ skizziert Lize Spit ein rational aufwühlendes Psychogramm einer Mutter-Tochter-Beziehung
Von Anne Amend-Söchting
Hardcore-Realismus – kaum ein Begriff ist besser dafür geeignet, die Schreibweise der flämischen Autorin Lize Spit zu charakterisieren. Mit ihrem Erstling Und es schmilzt (2017) stand sie in ihrem Heimatland Belgien nicht zuletzt wegen dieser inhaltlich-stilistischen Wucht wochenlang auf der Bestsellerliste. 2022 folgte mit Ich bin nicht da das Porträt einer Beziehung, die an der Bipolarität des Partners scheitert, und 2024 schließlich Der ehrliche Finder, ein Buch primär für Jugendliche, in dem die Autorin sanftere Töne anschlägt, ohne ihre bekannte Linie zu verlassen.
Im Gegensatz zu den Romanen zuvor, in denen Spit nur selten Szenen aus ihrem Leben aufgreift und modifiziert, ist sie mit Autobiografie meines Körpers, wie die Gattungsbezeichnung impliziert, offen autofiktional. Sie setzt sich mit ihrem eigenen, chronisch erkrankten, Körper auseinander und parallelisiert ihn mit dem, der ihn hervorgebracht hat – mit dem Körper ihrer Mutter, der im Verfall begriffen ist.
In einer nüchternen Mail informiert Agnes Spit ihre vier Kinder darüber, dass bei ihr ein metastasiertes Ösophaguskarzinom, diagnostiziert worden sei, das ihre Lebenszeit verkürze. Lize, die sich mit ihrem Partner Rob gerade in Ostende befindet, um dort eine Ferienwohnung zu kaufen, beginnt, über die Mutter sowie ihren Kommunikationsstil, letztendlich über sich selbst und ihre eigene ontologische Situation nachzudenken. Während sie schildert, wie die Mutter zunehmend von den multiplen Karzinomen verzehrt wird, lässt sie markante Ereignisse aus ihrer Kindheit Revue passieren – die Diagnose Typ-1-Diabetes, als sie 13 Jahre alt ist, die sich daraus ergebenden Einschränkungen, das distanzierte Verhalten der Mutter, ihre Depressionen und ihren Alkoholmissbrauch; dazu ein zurückhaltender Vater, der, wie Lize und ihre Geschwister erst im Erwachsenenalter erfahren, nicht ihr biologischer Vater ist.
18 Monate nach der Diagnose, nach wechselnden Phasen zwischen Zuhause – mit einem neuen Partner, den sie kurz vor dem Ausbruch ihrer Krankheit kennengelernt hat – und Klinikaufenthalten verschlechtert sich der Zustand der Mutter drastisch. Ihre Chemotherapie muss abgebrochen werden, ein Termin für Sterbehilfe ist geplant, doch der Tod kommt dieser zuvor.
Die erzählte Zeit umfasst knapp 25 Monate in abnehmender Raffungsintensität, ausgehend von Mitte Dezember bis Mitte Januar gut zwei Jahre später. Als sehr markant erweist sich die für Autobiografien typische Dynamik zwischen erzählendem und erlebendem Ich. Diese Dopplung des Ich in Subjekt und Objekt gerät an manchen Stellen zur Dissoziation – immer dann, wenn das Ich dem Vornamen oder einem Pronomen in der dritten Person den Platz überlässt. So vermittelt sich beim Lesen der drastische Eindruck problematischer Identitätsfindung und eines Ichs, das bereits in Dysbalance geraten ist.
Welchen Stellenwert Ambiguität für Spits Autobiografie einnimmt, lässt sich schon allein daran ablesen, dass die Mutter im Januar stirbt, quasi die Janusköpfigkeit mit ins Grab nimmt. Das entsprechende Kapitel gliedert sich darüber hinaus als einziges in die Teile (1) und (2). Mit der Ambiguität geht eine Ambivalenz einher, die sich zu einem Doublebind in der Beziehung zu den Eltern, insbesondere zur Mutter, verdichtet. „Auf eine Art“ sei sie präsent „und zugleich auf so viele Arten abwesend“. Als Kind schon bemüht sich Lize, dem „Schattenleben“ der Mutter, vor allem ihrem heimlichen Alkoholmissbrauch, dessen Effekte offensichtlich sind, auf die Schliche zu kommen; herausfinden möchte sie, wo sie Nachschub für ihre Trunksucht versteckt hat. Im Gegensatz zur Mutter geht der Vater offen mit seinem Alkoholkonsum um, der erst eskaliert, nachdem er seinen Führungsposten verloren hat. Eines Tages zeigt er Lize im Schuppen die bereits geknüpfte Schlinge, die für seinen Suizid bestimmt sei. In nahezu identischer Form kommt diese Szene in Und es schmilzt vor.
Lange habe sie, so Lize, das „Unvermögen“ der Mutter, sich „auszudrücken“, ihren „Stacheldraht“ und „ihre Umleitungen“ im Kontakt zu anderen respektiert. Dieses rekurrente Motiv der beeinträchtigten Kommunikation nimmt viele rhetorische Gewänder an. Inhaltlich konkretisiert es sich mit der Art und Weise, wie die Mutter sich um ihre Kinder kümmert: Vieles ermöglicht sie ihnen, was insinuiert, dass sie geliebt werden. Jedoch erschöpft sich die Carearbeit für sie weitestgehend im Organisatorischen. Wenige Momente des Gefühligen, das Weinen der Mutter bei Lizes Schulabschluss etwa, brechen schlaglichtartig und kommentarlos in den Alltag ein. Das Procedere zu entemotionalisieren manifestiert sich auf krasse Weise, als bei Lize der Typ-1-Diabetes festgestellt wird. Mehrfach betont sie, dass die Mutter sich nur um die Logistik gekümmert habe. Wenig hilfreich sei auch der Vater gewesen, denn er habe vor anderen mit der Diagnose „angegeben“. Jeden Abend habe sie, die Dreizehnjährige, allein mit der Krankheit zu Bett gehen müssen. Die Achterbahnfahrt des Insulinspiegels zwischen Hypo- und Hyperglykämie spiegelt die affektive Zerrüttung, für die Lize Resonanzräume fehlen. Sie erlebt sich als beschädigt, zerlöchert und durchgeprickelt – so wie es der Titel auf dem Schutzumschlag demonstriert. Erst 14 Jahre nach der Diagnose erhält sie eine Insulinpumpe – „ein Tamagotchi“ sei dieses Gerät, dabei sei sie selbst „das Haustier“, das sie „am Leben erhalten“ müsse.
Diabetes bedeute, dass der Körper nie mehr ignoriert werden könne, dass aber auch ein Einssein mit ihm auf immer und ewig verunmöglicht worden sei, etwas, was Lize ohnehin nie kennengelernt hat. Sie fühlt sich elefantös, viel zu breit, zeichnet im Alter von zehn Jahren, sich im Spiegel betrachtend, die Umrisse der Körper anderer Mädchen auf ihrem nach. Eine „Musterzeichnung“ sei das, mit den Linien, an denen sie „die Schere ansetzen müsste“. Es ist einerseits faszinierend, wie schonungslos Spit auf sich selbst blickt, andererseits beängstigend, auf welche Pathologien sie in onomasiologischer Annäherung anspielt, ohne Begriffe zu nennen. Zweifelsohne evoziert sie Jacques Lacans Phantasma des zerstückelten Körpers und alles, was mit Dysmorphophobie gelabelt werden kann.
Dabei ist Lizes Körper mit einem ganzen Füllhorn an Wörtern assoziiert. Sie sei „ein Eimer voller Unruhe“, der manchmal überlaufe und an dem sie ständig „wippen, fummeln, zupfen, kratzen“ müsse. Zudem betont sie mehrmals, dass sie von Panikattacken heimgesucht werde. Abstrahiert man vom Aspekt des Leidens an der eigenen Körperlichkeit, die Spit sehr authentisch vermittelt, liest sich ihr Text als großartige Suada, die in Oliver Sacks‘ Fallgeschichten (z. B. in Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte), ihren Platz hätte finden können. Ausgehend von ihrer Dermatillomanie bilanziert sie:
Eben dies macht süchtig: die Abkopplung, die Dissoziation, die eine Hand zu spüren, als wäre es die Hand eines anderen, um in dieser einen Hand nicht existieren zu müssen, ein Vorgriff auf den ultimativen Kontrollverlust. Über diesen ganzen geheimnisvollen Reue-, Schuld-, Kummer- und Blutkomplex habe ich ganz kurz, in Form von ein paar kleinen Wunden, das Sagen.
Das Kratzen gerät zu einem Akt der Selbstermächtigung, mit dem sie die Tragik des Doppelten und seiner Klimax, der Dissoziation, temporär zu transzendieren vermag. Alles anatomisch und physisch Störende ist kurzzeitig vergessen, ihr zu viel Raum beanspruchender Körper, der mit dem der Mutter kontrastiert. Der Abscheu erreiche sein Maximum, wenn sie „zum Dreieck gefaltet“ neben der Mutter sitze und sie ihre „Haut glühen“ fühle, weil die „unteren Elefantenbeine […] die oberen Elefantenbeine“ berührten.
Im Suchtverhalten sind sich Mutter und Tochter ähnlich: Lize ist nach Süßem süchtig, isst im Geheimen „Zuckerstücke“. Die „Zuckerkrankheit“, wegen der sie paradoxerweise Traubenzuckerstücke mit sich führen muss, sieht sie als Strafe für ihren Süßkonsum an. Sie spricht es nicht aus, aber es schwingt unterschwellig durch den Text: Auch der Speiseröhrenkrebs, als dessen Hauptursache exzessiver Alkoholkonsum gilt, kann als Strafe interpretiert werden.
„Hartnäckige Negativität und Egozentrismus“ seien Charakteristika der Mutter, resümiert der Vater. Dem konform ist ein Zyklus der Lüge, der im Teufelskreis der Sucht aufgeht:
Um jemand zu sein, der trunksüchtig ist, muss man kein Mensch sein, der bereit ist, jeden Tag zu trinken, man muss bereit sein, jeden Tag zu lügen, und um jemand zu sein, der bereit ist zu lügen, muss man bereit sein, die Menschen in seinem Umfeld zu unterschätzen, und um die Menschen in seinem Umfeld zu unterschätzen, muss man bereit sein, auch sich selbst für dumm zu verkaufen, und um sich selbst für dumm zu verkaufen, muss man seine Selbstachtung verlieren, und weil das unerträglich ist, beginnt man täglich zu trinken.
Die Sucht avanciert zum Remedium gegen Unauthentizität, gegen Inkongruenz, gegen die unerträgliche Schwere mangelnder Selbstakzeptanz, sie ist eine Sprache der Kompensation, ein Bewältigungsmechanismus wie das Schreiben. Sie habe ihrer Mutter nie erklärt, warum und wie sie schreibe, aber wenn sie es täte, dann würde sich viel Gleichartiges offenbaren, das ebenso „die schmerzlichen Unterschiede“ erkennen ließe: „es würde doch wieder einem Urteil gleichen: dass ich mich mit dem Schreiben für die bessere Methode entschied, mit der Realität umzugehen, und du mit dem Trinken für die schlechtere“.
Wie eng Autofiktion und Autoreflexion miteinander verflochten sind, konkretisiert sich bereits zu Beginn, als Spit Schreiben als Leukozyt apostrophiert, als eine Art Körper, der zwischen dem Fragmentierten vermittelt, indem er alles Toxische eliminiert:
Was Schreiben ist: Die weiße Blutzelle. Das schädliche Partikel bekämpfen, indem man es einkapselt, jedes merkwürdige Gefühl in Sprache einschließen und langsam abtransportieren. Nicht mit großen, abstrakten Worten (Jahreszeiten, Gezeiten, Ablehnung, Tod, Schmerz, Schuldgefühl), da rutscht noch zu vieles durch, sondern mit konkreten Punkten, so klein und so zusammenhängend wie möglich.
Wie sich das Schreiben bei Spit selbst entwickelt, verdeutlichen die Einsprengsel aus den Tagebüchern ihrer Kindheit. Sie bewegen sich auf der Ebene des allein Deskriptiven, des Erlebten, eine Perspektive aus der Distanz ist ihnen noch weitestgehend fremd. Im Zuge ihrer Individuation verdrängt Reflexion die Erfahrung so weit, dass sie mitunter als Surrogat fungiert. Worte zu finden, Gedanken in Sprache zu fassen, dominiert das Erleben. „Ich habe mein intimes Leben so gut wie möglich durch Sprache ersetzt“.
Im Verhältnis zur Mutter bleibt der „Konflikt um das, was nicht gesagt wurde, was nur gemeint war, die Vermutung“, über den Tod hinaus bestehen. Nur in den finalen Monaten ist Agnes Spit imstande, über ihren Zustand zu sprechen, dabei Vergleiche („Es fühlt sich an, als würde mein Magen gleich explodieren“; „Es ist, als würde man mich innen zunageln“) heranzuziehen und Sprache als „Weg“ zu nutzen, „um ein wenig Kontrolle zu suchen“. Nichtsdestoweniger lässt der wohlportionierte Deep Talk am Sterbebett die innere Schutzschicht intakt.
Was Schreiben auch ist und was Lize Spit exzellent zu handhaben versteht, ist es, Phänomene verbal verschmelzen zu lassen. In einem Experimentierfeld für Kombinationen, gipfelnd in der imaginierten Fusion der Körper von Mutter und Tochter („mein Körper ist zu dem ihren geworden, ich befinde mich noch immer in ihrem Bauch, bekomme jede kleine Erschütterung mit“), entlädt sich das Spannungsfeld um Gesagtes und Nichtgesagtes in eine permanente Dynamik hinein.
Genauso sind viele Vergleiche und Metaphern, die Spit konstruiert, auf Dopplung und ihre Überwindung in immerwährenden Balanceakten angelegt. Dann, wenn die Mutter als „Bild ohne Ton“, das viele Menschen „zum Reden bringen wollen“ etikettiert wird oder wenn sie, stärker fokussiert auf das Enigmatische, das sie umhüllt, als „Bibel, deren Texte von Exegeten ausgelegt werden müssen“, bezeichnet wird. Wie fern sich auch die anderen Mitglieder dieses familiären Mikrokosmos sind, illustriert der „Computer mit verschiedenen Nutzern“, die sich den Speicherplatz teilen, aber nicht die Log-in-Daten der anderen kennen.
Wenn die 14-jährige Lize die Trinkmenge der Mutter festzustellen versucht, fühlt sie sich „schmutzig“, so als ob sie „die Exkremente einer Fremden nach einem verschluckten Goldzahn durchsuchen“ würde. Sie schließt mit dem signifikanten Bild: „Dich zu lieben war wie einen Hafen für Wasser anzulegen, das es noch nicht gab“.
So wie Caroline Wahl mit 22 Bahnen (2023) oder Alex Schulman mit Vergiss mich (2025) bearbeitet Lize Spit das Motiv der alkoholkranken Frau. Sie fokussiert weniger die Erkrankung selbst, weniger sogar das Mikrosystem Familie. Vielmehr seziert sie schonungslos ein Mutter-Tochter-Verhältnis – eine Geschichte zweier Satelliten auf parallel geschalteten Orbits, von denen einer verzweifelt versucht, dem anderen nahe zu kommen, der andere eventuell einmal kurz ausbricht, nur um wieder in seine angestammte Bahn zurückzukehren.
Was bleibt, ist eine tröstliche, das Bild des Leukozyts extensivierende Metapher für das Schreiben. Im Zuge ästhetischer Kreativität lässt sich eine stabile imaginäre Welt errichten, die Dysfunktionalitäten außer Kraft setzt und genau dort entsteht, wo die Mutter nicht hinschauen wollte:
Das Schreiben ist meine heimliche Stadt, die ich in deinem blinden Winkel errichtet habe, eine prächtige, sichere Stadt, die wichtiger ist als mein ganzer Körper und alle ihm innewohnenden Schwächen, eine Stadt mit Türmen, Vergnügungsparks, Seilbahnen, Bahnhöfen, Parks, Schulen, kleinen Häusern, Hüpfburgen, Bauernhöfen, Bergen und Meer, alles erbaut, um nicht zu enden wie du.
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