Rückblicke auf die Gegenwart
Norbert Berger ordnet in „Morgen war gestern“ elf dystopische Romane des Jahres 2025 direkt nach ihrem Erscheinen knapp und überblickshaft in den Genrezusammenhang der letzten zehn Jahre ein
Von Thomas Merklinger
Schreiben und Veröffentlichen stehen zeitlich auseinander. Der eigentliche Gegenwartsroman müsste daher immer ein wenig in die Zukunft gerückt sein, um mit seinem Erscheinen wirklich das Jetzt einzufangen. Zukunftsentwürfe, in denen die heutige Welt leicht weitergedreht ist, bieten daher womöglich einen genaueren Eindruck von der Zeit, in der sie verfasst wurden. Noch größer allerdings ist meist der Abstand zwischen literarischen Werken und der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihnen. Mit Morgen war gestern – Dystopien in der aktuellen deutschsprachigen Literatur hat Norbert Berger den Rückblick daher in doppelter Hinsicht verengt: Einerseits, weil sein Gegenstand, das Genre der Dystopie, aktuelle Entwicklungen kritisch in die Zukunft fortführt und so einen literarischen Blick auf die Gegenwart wirft. Andererseits beleuchtet er elf Romane, die alle im gleichen Jahr wie sein eigenes Buch erschienen sind.
Morgen war gestern gliedert sich einleitungslos in vier knapp gehaltene Teile. Das erste Kapitel definiert Dystopie als die fiktive Fortführung von aktuellen Momenten in eine alternative, nicht wünschenswerte Zukunft, um dadurch einen kritischen Blick auf die Gegenwart zu schaffen. Dabei grenzt Berger Dystopie von Utopie und Science-Fiction ab. Ein zweiter Teil skizziert die Gattungsgeschichte des dystopischen Romans, wobei Berger einen Schwerpunkt auf das 21. Jahrhundert legt. Hier arbeitet er übergreifende Schreibweisen und Themenkomplexe heraus, um die Dystopien des Jahres 2025 in diesen Kontext einzuordnen. Nach dem Überblick über die elf Romane, die in vertiefender Inhaltsdarstellung den Hauptteil der Arbeit bilden, werden in einem knappen letzten Teil Parallelen und thematische Überschneidungen der betrachteten Romane herausgestellt. Die zentrale Frage scheint zu sein, welche neuen Aspekte 2025 mit Bezug auf die Geschichte dystopischen Schreibens hinzugefügt werden.
Da weder ein explizites Erkenntnisziel formuliert ist noch Vorentscheidungen skizziert sind, lassen sich nur implizit Hinweise auf den Plan des Buches ziehen. Lediglich eine kurze Bemerkung zu den Kriterien der Textauswahl findet sich im Übersichtsteil, der den thematischen Schwerpunkten von Dystopien im 21. Jahrhundert gilt. Hier wird gesagt, dass es „[w]egen der fast unüberschaubaren Zahl an neueren Dystopien“ gewisser Beschränkungen bedarf. Daher wird der Schwerpunkt auf die vergangenen zehn Jahre, also die Zeit zwischen 2015 und 2025, gelegt und nur deutschsprachige Texte herangezogen, wobei Jugendliteratur ausgeklammert ist. Zwischen U- und E-Literatur wird hingegen nicht differenziert. So findet sich für das Jahr 2025 etwa der Unterhaltungs-Thriller Reset. Die Wahrheit stirbt zuerst von Peter Grandl neben Dietmar Daths anspruchsvollem Kolossalwerk Skyrmionen oder: A Fucking Army.
Im Hauptteil werden schließlich „die elf in deutscher Sprache verfassten Dystopien analysiert, die im Jahre 2025 erschienen sind.“ Die Formulierung ruft Vollständigkeit auf, und doch ist das Buch bereits vor Jahresende erschienen. Mit Ausnahme von Olga Flors Kurzes Buch zum fröhlichen Untergang und Amira Ben Saouds Schweben aus dem Februar und März sind alle Bücher im Frühling oder Sommer 2025 erschienen. Nach dem August veröffentlichte Romane tauchen nicht auf. Obwohl GRM. Brainfuck und RCE. #RemoteCodeExecution von Sybille Berg in der Übersicht dystopischer Primärtexte der vergangenen Jahre aufgelistet sind, wird PNR. La Bella Vita aus dem Oktober nicht berücksichtigt. Das kann daran liegen, dass PNR die Kurve Richtung Utopie eingeschlagen hat oder Berger generell mehrteilige Werke ausklammert. Letzteres würde auch erklären, warum der im September erschienene Roman Ein guter Mann von Johanna Grillmayer ebenfalls nicht auftaucht. Dabei kann man von diesem dritten Trilogie-Teil der „Dystopie-Reihe“, wie bei seinem Vorgänger aus dem Vorjahr, der im Anhang genannt ist, durchaus von einer Dystopie sprechen, was umgekehrt bei Daths Skyrmionen trotz dystopischer Elemente nicht ganz so eindeutig ist. Zugleich scheint die Reihenfolge, in der die elf behandelten Romane dargestellt werden, keinen erkennbaren systematischen Grundsätzen zu folgen und sich nur vage am Veröffentlichungsdatum oder dem persönlichen Leseprozess zu orientieren. Schlimm ist das alles sicher nicht, doch wären einige kurze Hinweise hilfreich gewesen, um Vorgehen und Auswahl zu verstehen.
Bei den elf vorgestellten Dystopien geht es zuletzt um eine vergleichende Betrachtung untereinander sowie in Bezug auf ihre Vorgänger. Dies geschieht im letzten Kapitel, worin Gemeinsamkeiten und Unterschiede knapp zusammengefasst werden. Dystopische Szenarien müssen nicht in der Zukunft spielen, sie können auch in einer sehr nahen Zukunft oder einer alternativen Version der Gegenwart angesiedelt sein. In der Tat ist dies bei der Mehrheit der vorgestellten Werke der Fall. Ausnahmen bilden lediglich Das Ende ist beruhigend von Carla Kaspari und Die Prozesse von Marius Goldhorn; bei Olga Flor ist das nicht ganz sicher. Norbert Berger arbeitet neben Ort und Zeit der Romane zudem Figurenzeichnung und Handlungsstruktur heraus. Darüber hinaus geht es um die Frage nach der dystopischen Welt sowie der sprachlichen Gestaltung und der Vermischung des Dystopischen mit anderen Textsorten.
Am interessantesten sind aber sicherlich aktuelle Entwicklungen, die in den dystopischen Romanen verhandelt werden. Dabei zeigt sich, dass das Klima im Vergleich mit vorherigen Dystopien keinen so großen Stellenwert mehr einnimmt, sondern eine bereits eingetretene Katastrophe akzeptiert wird. Sie bietet in vielen Werken den Hintergrund der fiktionalen Welt, selbst wenn es schwerpunktmäßig um andere Themen geht. Lediglich zwei Romane richten den Blick direkt auf die Klimakatastrophe: Olga Flors Kurzes Buch zum fröhlichen Untergang und Nebel und Feuer von Katja Riemann, die insbesondere als Schauspielerin bekannt ist. Stärker im Fokus stehen hingegen digitale Entwicklungen und soziale Fragen. In Thea Mantwills Debüt Glühfarbe etwa geht es um die Alternativexistenz im Metaverse, während es in Fiona Sironics Roman mit dem schönen Titel Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft in einer nun ökologisch verschlechterten Welt um den digitalen Content aus den frühen Lebensjahren geht, den Eltern von ihren nun einwilligungsfähig gewordenen Kindern ins Netz gestellt haben. In Smart City von Daniel Wisser erweist sich die ideale Modellstadt NEUDA als schöne falsche Welt einer privatwirtschaftlich organisierten Wohlfühloase mit Totalüberwachung, und der in die Gegenwart eingelagerte Roman Reset. Die Wahrheit stirbt zuerst von Peter Grandl thematisiert in einem Thriller-Szenario, wie sich durch neue digitale Möglichkeiten eine zunehmende Ununterscheidbarkeit von Wahrheit und Fiktion einstellt.
Norbert Berger vergleicht das dystopische Literaturjahr 2025 mit klassischen und neueren Vorgängern wie Aldous Huxleys Brave New World (1932), Juli Zehs Corpus Delicti (2009) und Dave Eggersʼ The Circle (2013), vor allem aber mit deutschsprachigen Dystopien und ihren Themen der vorangehenden zehn Jahre. Als „neue Tendenzen“ benennt Berger in Bezug auf die Figurengestaltung, dass wissenszentrierte Berufe nicht mehr so häufig auftauchten und „Expertenwissen“ somit kein entscheidendes Kriterium mehr sei. Darüber hinaus beschreibt er ein Verschwimmen von „Realität und Imagination“, wie es etwa in Thomas Melles Haus zur Sonne vorliegt, wenn ein glückliches Restleben in einem Simulations-Sanatorium versprochen wird. Diese Probleme bei der Konstruktion von Wirklichkeit zeigen sich insbesondere im Kontext digitaler Herausforderungen. Während die meisten Texte nur auf Gefahren eingehen, werden in der wilden Sci-Fi-Fantasie Daths die digitale Gegenwart und die KI-Technologie selbst zum Problem, das überwunden werden soll.
Das kurze, kompakt verfasste Buch greift die dystopischen Entwicklungen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur auf, ohne in philologische Exkursionen abzudriften. Die überblickshaften Inhaltszusammenfassungen fokussieren stärker auf allgemeine Aspekte denn auf konkrete Deutungen. Das spiegelt sich auch in der Bibliographie wider. Dort finden sich insbesondere Primärtexte, während die zweiseitige Liste mit Sekundärtexten neben allgemeinen literaturwissenschaftlichen Titeln auch literaturdidaktische Quellen anführt. Als pensioniertem Gymnasiallehrer ist Berger die schulische Perspektive nicht fremd. Gerade weil die vorgestellten aktuellen Werke in dystopischer Verschärfung zugleich eine literarische Reflexion der Gegenwart vornehmen, könnten sie prinzipiell eine Auseinandersetzung mit sich und der Welt im Rahmen des Deutschunterrichts anstoßen. Auch wenn sich nicht alle der vorgestellten Werke aus unterschiedlichen Gründen für die Schullektüre eignen, hilft das vorliegende Buch aber dabei, die neuesten Entwicklungen der deutschsprachigen Dystopie kennenzulernen. In seiner Kürze und Aktualität bietet es somit eine schnelle, gute Übersicht nicht nur für Lehrkräfte, sondern auch für die Forschung.
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