Alice driftet nach rechts ab
Robert Wolfgang Segel verwandelt Lewis Carrolls Klassiker mit Fantasie und Fabulierlust in eine politische Satire über Demagogie, Demokratiefeindlichkeit und Widerstand
Von Florian Birnmeyer
Robert Wolfgang Segel, 1984 in Fürth geboren, ist Schriftsteller und arbeitet als Realschullehrer in Nürnberg, wo er Biologie, Englisch und evangelische Religion unterrichtet. Er lebt in Fürth und schreibt gesellschaftskritische Kurzprosa und Romane. Seit 2025 kuratiert er gemeinsam mit Annkathrin Slavik die Kulturbühne KulturKiste in Fürth.
Sein Debütroman Ein Schaben erschien 2023 im Schillo Verlag. 2024 folgte der Erzählband so lose in der edition promenade. Bereits 2016 war Segel Stipendiat der Bayerischen Akademie des Schreibens. Für sein literarisches Schaffen erhielt er 2024 den Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur.
Mit seinem satirischen Roman Alice im verwundeten Land greift Segel bereits im Titel Lewis Carrolls Kinder- und Erwachsenenklassiker Alice im Wunderland auf. Der 1898 verstorbene Autor und sein inzwischen gemeinfreies Werk gehören längst zum kulturellen Gedächtnis. Segel behandelt Carrolls Figuren und Motive daher als frei verfügbares Material, das er übernimmt, verfremdet und politisch neu besetzt.
Auch seine Alice folgt dem weißen Kaninchen, stürzt in den Kaninchenbau und verändert nach dem Verzehr geheimnisvoller Substanzen ihre Körpergröße. Sogar ein Tränensee begegnet den Lesenden wieder. Doch alles erscheint leicht verschoben und in ein neues Licht gerückt. Der Roman orientiert sich erkennbar an Carrolls Handlung und Bildwelt, ohne den Klassiker lediglich nachzuerzählen.
Segels Alice wirkt von Anfang an weniger wie ein Kind und auch weniger altklug als ihr literarisches Vorbild. Eher erscheint sie wie eine Erwachsene, die in einem Kinderkörper feststeckt. Ihr Name verweist unverkennbar auf die AfD-Politikerin Alice Weidel. Dass die Figur nach dem Verzehr von Pilzen immer wieder wächst und schrumpft, wird damit auch zum politischen Bild: Alice passt ihre Erscheinung den jeweiligen Umständen an, bleibt wandlungsfähig und gewinnt zunehmend an Einfluss.
Kurz nach ihrer Ankunft im sogenannten verwundeten Land schließt sie sich der Gruppe der unmöglichen Tiere an, die von einem Quagga angeführt wird. (Ein Quagga ist eine ausgestorbene Zebra-Art.) Die Tiere bezeichnen sich selbst als GUT – als „Gruppe der unmöglichen Tiere“. Daneben existieren weitere politische Gruppierungen, die um Einfluss ringen, sich gegeneinander abgrenzen und in endlosen Diskussionen verlieren.
Segel gelingt es, die politischen Debatten der Gegenwart in eine fantastische Umgebung zu versetzen und sie mithilfe dieses Verfremdungseffekts ad absurdum zu führen. Wenn Alice bekannte AfD-Parolen von sich gibt, wenn das Quagga gegen die „GRUNDSÄTZLICHEN GEBOTE“ – gemeint ist offenkundig das Grundgesetz – polemisiert und wenn die übrigen Parteien und Gruppierungen sich zerstreiten, ohne über ihre Diskussionen hinauszukommen, entsteht eine bissige Satire auf die politische Gegenwart.
Die fantastische Tierwelt bietet dafür den geeigneten Resonanzraum. Was in einer Talkshow oder Parlamentsdebatte womöglich schon abgestanden klingt, gewinnt im Kaninchenbau neue Schärfe. Die vertrauten Phrasen wirken dort zugleich komisch und bedrohlich. Segel macht sichtbar, wie politische Sprache Wirklichkeit verzerrt und wie rasch aus scheinbar harmlosen Vereinfachungen Feindbilder, Verbote und autoritäre Forderungen entstehen können.
Besonders deutlich wird dies an der Sprache der GUT und ihrer neuen Verbündeten. Diese reicht vom „Vogelschiss der Geschichte“ über die Anspielung auf Alice Weidels demonstrativen Abgang aus einer Talkshow bis zur offenen Abneigung gegen demokratische Mitbestimmung.
Im Laufe der Handlung findet dadurch eine Entzauberung statt. Hinter den markigen Parolen werden Hilflosigkeit, Ressentiment und politischer Opportunismus sichtbar. In der Verkleidung als Tier- und Fabelwesen verlieren die zitierten Parolen ihren gewohnten medialen Zauber und der Populismus, die Demagogie sowie die Inhaltsleere dahinter werden deutlich sicher. Zurück bleibt die Erkenntnis, wie wenig Substanz manche vermeintlich kraftvolle Aussage besitzt, sobald sie aus ihrem vertrauten Zusammenhang herausgelöst wird.
Die Satire richtet sich jedoch nicht ausschließlich gegen die politische Rechte. Auch die übrigen Gruppen des verwundeten Landes erscheinen zerstritten, zögerlich und unfähig, sich auf gemeinsames Handeln zu verständigen. Während Alice und die GUT ihre einfachen Botschaften verbreiten, erschöpfen sich ihre Gegner in Debatten. Während die anderen Parteien noch diskutieren, wie sie mit der GUT-Partei umgehen sollen, die sich selbst für gut erklärt und befindet, ist Alice schon längst auf dem Streifzug durch das verwundete Land und zur Kreuzkönigin. Dadurch wird der Roman zugleich zur Kritik an einer demokratischen Gesellschaft, die die Gefahr zwar erkennt, ihr aber zu lange mit Ratlosigkeit und Selbstbeschäftigung begegnet.
Gelegentlich ist diese politische Zuordnung sehr durchsichtig. Manche Wortspiele und Anspielungen lassen kaum Raum für eigene Deutungen, und nicht jede Pointe ist gleich subtil. Segels Ziel ist jedoch auch weniger die fein verschlüsselte Allegorie als eine zugängliche, bewusst zugespitzte Warnung. Die durchgängigen Illustrationen Anastasia G. Brauns verstärken den Charakter des Buches als fantastische und zugleich düstere politische Bilderzählung.
Sich über die Verhältnisse lustig zu machen, reicht allerdings nicht aus. Segels Satire bleibt deshalb nicht bei der Entlarvung rechter Rhetorik stehen, sondern fragt auch nach den Möglichkeiten des Widerstands und eines besseren Zusammenlebens. Für das Ende greift der Autor auf einen erzählerischen Kunstgriff zurück, der bereits aus Alice im Wunderland bekannt ist.
Damit entlässt der Roman seine Leserinnen und Leser zwischen Erleichterung und Beunruhigung. Man möchte hoffen, dass auch die gegenwärtige politische Verrohung nur ein vorübergehendes Traumgebilde bleibt. Doch Alice im verwundeten Land macht zugleich deutlich, dass ein Erwachen allein nicht genügt: Eine bedrohte Demokratie muss verteidigt werden, bevor aus dem verwundeten Land ein zerstörtes wird.
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