Die Transzendenz des Alltäglichen

Ludwig Steinherr erkundet in seinem Gedichtband „Gottes Nähmaschine“ das Älterwerden, die Erinnerung und die überraschende Gegenwart Gottes im gewöhnlichen Leben

Von Florian BirnmeyerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Florian Birnmeyer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ludwig Steinherr, 1962 in München geboren, ist Schriftsteller und lebt in seiner Heimatstadt. Er schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke. Gemeinsam mit Anton G. Leitner gründete er 1992 die Zeitschrift Das Gedicht. Seit 1995 arbeitet er als freier Schriftsteller und Lehrbeauftragter für Philosophie.

Steinherr hat mehr als zwanzig Gedichtbände sowie zehn Novellen, einen Roman und einen Band mit Theaterstücken veröffentlicht. Hinzu kommen zahlreiche Beiträge in Anthologien und Literaturzeitschriften. 2003 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste gewählt, 2024 in den Kreis der Münchner Turmschreiber berufen.

Sein neuer Lyrikband Gottes Nähmaschine erschien 2026, fünf Jahre nach Zur Geburt einer Ming-Vase (2021). Darin erkundet Steinherr seinen Alltag und seine Umgebung ebenso wie sein Verhältnis zu seinen Mitmenschen und zu Gott. Er sucht nach dem Besonderen im Gewöhnlichen, nach jenem überraschenden Augenblick, der dem Alltag eine neue Bedeutung verleiht. Schließlich besteht das Leben zu einem großen Teil aus Alltag – und gerade deshalb ist dieser Alltag der bevorzugte Gegenstand von Steinherrs Poesie.

So schreibt das lyrische Ich über Katzen, Wirbelsäulenoperationen und die Stenose einer befreundeten Dichterin, aber auch über den „Hass in der Vorhangfalte“, wie er es in einem Gedicht formuliert. Steinherr findet ungewöhnliche Bilder und führt sie Zeile für Zeile in immer neuen Variationen fort. Das Dichten erscheint dabei nicht allein als ernsthafte Suche nach Erkenntnis, sondern auch als sprachliches Vergnügen. Seine Gedichte besitzen häufig einen erzählerischen Zug: Sie halten die Lesenden zunächst hin, schlagen unerwartete Wege ein und laufen schließlich auf eine Pointe zu.

Beispielhaft zeigt sich dieses Verfahren in dem Gedicht „Nochmals zum Quader“:

Ich bekenne:
ich habe mein ganzes Leben nur
mit einem romanischen Quader verbracht –
Andere widmen sich
dem amerikanischen Bürgerkrieg
oder denken über Herzklappen nach –
Ich gehe seit Jahrzehnten
nur immer um diesen Quader herum
ich betrachte ihn in jedem Licht

Das Gedicht erstreckt sich über zwei Seiten. Es gehört damit zu den längeren Texten dieser umfangreichen, auf rund 170 Seiten versammelten lyrischen Bilanz aus fünf Jahren. Der Quader wird zum Sinnbild einer dichterischen Existenz, die ihren Gegenstand immer wieder umkreist, ihn aus wechselnden Perspektiven betrachtet und gerade in dieser vermeintlichen Beschränkung eine unerschöpfliche Aufgabe findet.

Am Ende greift der Sprecher das mögliche Urteil seiner Umgebung auf und eignet es sich selbstbewusst an:

Ich bin ein Verrückter –
und das Schlimmste daran:
Ich will es so

Steinherr kann selbstironisch und distanziert auf die eigene Rolle als Dichter blicken. Mehr noch: Er will es ausdrücklich. Diese Selbstironie macht das lyrische Ich zugänglich und sympathisch. An die Stelle des traditionellen Bildes vom leidenden, an der Welt verzweifelnden Dichter tritt ein Sprecher, der die eigenen Eigenarten kennt und über sie lachen kann, ohne deshalb die Ernsthaftigkeit seiner Fragen aufzugeben.

Diese Haltung prägt auch Steinherrs Auseinandersetzung mit dem Älterwerden, Gott, Religion, Männlichkeit und dem Verhältnis der Geschlechter. Große und potenziell pathetische Themen werden in alltägliche und gewöhnliche Situationen überführt. Der Band nähert sich seinen Gegenständen tastend, neugierig und bisweilen schelmisch. Auch die religiöse Erfahrung erscheint nicht als feierliche Offenbarung, sondern ereignet sich zwischen Katzen, Krankheiten, Erinnerungsstücken und den kleinen Absonderlichkeiten des Lebens.

Daneben finden sich jedoch Gedichte, in denen die spielerische Leichtigkeit zurücktritt. Bereits in seiner Novelle Judith setzte sich Steinherr mit dem Judentum und mit der Frage auseinander, was es bedeutet, jüdisch zu sein. Das Titelgedicht „Gottes Nähmaschine“ widmet sich nun der Shoah. Während die Zeitzeugen allmählich verschwinden, stellt sich umso dringlicher die Frage, wie sich die Erinnerung bewahren und an jüngere Generationen weitergeben lässt.

Im Mittelpunkt des Gedichts steht Johanna Rödelheimer, ein Mädchen, das seine Reisenähmaschine mitnehmen wollte, als es deportiert wurde. Dass ihm dieser Gegenstand im Konzentrationslager nichts nützen konnte, vermochte das Kind nicht zu begreifen. Der lyrische Sprecher richtet seine Aufmerksamkeit deshalb auf das zurückgelassene Ding:

Und ich frage mich
was aus der Nähmaschine wurde –
Ich will nicht glauben
dass sie ins Feuer wanderte –
Ich glaube, sie blieb irgendwo stehen
am Straßenrand
wie ein vergessener Koffer –
Eine schwarze Nähmaschine der Dreißigerjahre
ein kleines Kunstwerk
(Singer? Pfaff?)

Das Gedicht ist herzzerreißend und zugleich von großer menschlicher Nähe. Es verdichtet die historische Katastrophe und den vollständigen Zusammenbruch der Menschlichkeit in einem einzelnen, anschaulichen Gegenstand. Die Nähmaschine steht für ein abgebrochenes Leben, für Zukunftspläne und für die kindliche Hoffnung, etwas Vertrautes in eine vollkommen ungewisse Zukunft hinüberretten zu können. Gerade weil sich Steinherr auf dieses kleine Detail konzentriert, wird das unermessliche Verbrechen zumindest für einen Augenblick vorstellbar, ohne dadurch verharmlost zu werden.

Die Kapitel des Bandes tragen durchgehend sprechende Überschriften. Man merkt den Gedichten die Erfahrung und Souveränität ihres Autors an. Steinherr schreibt mit sichtlichem Vergnügen über das Alter, über Gott und über das Leben. Zugleich hält er den alltäglichen Wahnsinn eines älter werdenden Dichters fest, dessen Welt vielleicht kleiner und zurückgezogener wird, dadurch aber nicht an Tiefe verliert.

Gottes Nähmaschine ist deshalb weniger das abschließende Resümee eines Dichterlebens als vielmehr eine vorläufige Bilanz. Der Band blickt zurück, ohne sich im Rückblick einzurichten. Er verbindet Witz und Melancholie, Alltag und Transzendenz, Selbstironie und historische Erinnerung. Seine besondere Stärke liegt darin, dass Steinherr das Große im Kleinen sucht – und Gott bisweilen dort entdeckt, wo niemand mit ihm gerechnet hätte.

Titelbild

Ludwig Steinherr: Gottes Nähmaschine. Gedichte.
Allitera Verlag, München 2026.
172 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-13: 9783962335472

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