Eine warmherzige Reise ins Erwachsenwerden
Annette Bjergfeldt legt mit „Mr. Saitos reisendes Kino“ einen sehr poetischen Coming-of-Age-Roman vor
Von Michael Fassel
Carmelita wurde nach eigenem Bekunden auf der Tanzfläche von Buenos Aires gezeugt. So beginnt der umfangreiche Coming-of-Age-Roman Mr. Saitos reisendes Kino der dänischen Schriftstellerin Annette Bjergfeldt. Zu Beginn fragt man sich, wie Carmelita wusste, dass sie auf einer Tanzfläche in Buenos Aires gezeugt worden ist. Bereits im ersten Satz schwingt ein Hauch Magie mit, die sich durch den gesamten Roman hindurchzieht. Annette Bjergfeldt, auch bekannt als Singer-Songwriterin und Malerin, erzählt vom Leben ihrer Protagonistin Lita in sieben Wellen bzw. Kapiteln, die sich über mehrere Jahrzehnte hinweg erstrecken. Der Nebentitel „Eine Liebesgeschichte in sieben Wellen“ könnte suggerieren, dass es sich nur um eine umfassende Romanze handelt. Der Roman ist aber wesentlich mehr als das.
Lita, so der Rufname der Ich-Erzählerin, wächst als Kind mit ihrer jungen Mutter Fabiola in einem argentinischen Kloster auf, wo auch die Ordensschwestern versuchen, erzieherischen Einfluss auf das Leben Litas zu nehmen. Hintergrund ist, dass Fabiola, geboren 1910, vor dem Kloster Santa Magdalena ausgesetzt worden ist. Schnell stellt sich heraus, dass Lita ihre eigenen Wünsche und Ziele hat und somit in vielerlei Hinsicht ihrer Mutter ähnelt. Diese ist eine leidenschaftliche Tänzerin und hegt daher eine ausgeprägte Vorliebe für Schuhe, sodass sie eines Tages als Schuhverkäuferin ihren Lebensunterhalt verdienen kann.
Die Ich-Erzählerin nimmt die Leser:innen mit auf eine Reise, die zunächst das Leben ihrer Mutter schildert und sich dann peu à peu auf ihr eigenes Leben fokussiert. Politische Unruhen in Argentinien bewegen Mutter und Tochter dazu, das Land zu verlassen. Auf einem Schiff Richtung Norden finden die beiden zwischen Nova Scotia und Neufundland auf der fiktiven Insel Upper Puffin eine neue Heimat. Dieses Setting führt die Ich-Erzählerin verheißungsvoll ein:
Es gibt Orte auf der Welt, da ist die Trennlinie zwischen Göttern und Menschen dünner als Pergament.
Sie kommen in einem Seemannsheim namens „Bethlehem“ unter, das von der gastfreundlichen Maggie McGregor geleitet wird. Tommy, ihr erwachsener Sohn, hilft Fabiola und Lita beim Tragen ihres Gepäcks. Von ihm hört Lita zum ersten Mal von Mr. Saito, dessen Besuch jedes Jahr voller Vorfreude von allen Inselbewohner:innen erwartet wird. Doch der Auftritt der titelgebenden Romanfigur japanischer Herkunft lässt auf sich warten. Die Erwartungshaltung wird hochgeschraubt, indem geradezu ein Mythos um diese Figur entsponnen wird. Es wird erzählt, dass Mr. Saito alljährlich nach dem Winter auf die Insel kommt, weshalb ihn die Bewohner:innen auch als Frühlingsbote bezeichnen.
Lita freundet sich indes mit dem gehörlosen Mädchen Oona an. Die unvoreingenommene Sichtweise Litas trägt dabei mitunter dazu bei, dass Oonas Handicap weder problematisiert noch zum zentralen Merkmal der Figur erhoben wird. Auch ihre neue Freundin vertröstet Lita, was Mr. Saito betrifft. Seinen Auftritt bekommt er auf Seite 191, als sich die Inselbewohner:innen versammeln, um sein berühmtes Wanderkino zu sehen. Für Lita sind die bewegten Bilder, projiziert auf einem großen Laken, zunächst erschlagend, denn es ist das erste Mal für sie, dass sie einen Film sieht. So schreit sie auf, weil sie glaubt, eine Bisonherde renne aus der Prärie geradewegs auf den Vorführsaal zu. Die Magie des Kinos hat Lita erfasst:
Mr. Saitos Laken musste aus einem ganz besonderen Stoff hergestellt worden sein, da sich die Bilder darin verstecken und wieder zum Vorschein kommen konnten, wenn er den Apparat einschaltete. So ein Laken musste ich mir unbedingt besorgen.
Das Wanderkino erweist sich als identitätsstiftender und die Menschen vereinender Anker und wird in Litas Leben noch eine wichtige Rolle spielen. Die Unvoreingenommenheit der Ich-Erzählerin und die sehr poetische Sprache verleihen dem Roman im Allgemeinen, dem gemeinschaftlichen Kinoerlebnis im Besonderen, eine berührende Wärme. Annette Bjergfeldt hat ein besonderes Talent, Orte und Figuren mit ihren Eigenheiten und viel Liebe zum Detail einzuführen. Dennoch kratzt der Erzählton gelegentlich am Kitsch, wenn sentimentale Momente zu stark idealisiert oder zu rührselig geschildert werden. Gelegentliche Reflexionen Litas wirken trotz der stimmigen Metaphorik altklug:
Wir Menschen können einen kurzen Moment der Kreise anderer besuchen, aber niemals dort einziehen. Alle hatten ihre eigene Insel, um die sie sich kümmern mussten.
Annette Bjergfeldt gelingt diese Balance zwischen berührender Wärme und überschäumendem Pathos, sodass sich die Geschichte nicht in Sentimentalität verliert. Denn auch die Schattenseiten geschichtlicher Ereignisse klammert die Autorin nicht aus. So macht sich Lita viele Gedanken, als Kanada 1939 in den Zweiten Weltkrieg eintritt; später beschäftigt sie auch die Kriegserklärung der Vereinigten Staaten an Japan. Spätestens als die Nachricht vom Angriff Japans auf Pearl Harbor die Insel Upper Puffin erreicht, wird Lita die Dimension des Konfliktes bewusst. Die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges beschäftigen somit auch das Leben auf Upper Puffin so sehr, dass sogar ein Bewohner in Mr. Saito einen Feind ausmacht. Doch Mr. Saito bleibt mit seinem Kino weiterhin eine willkommene Abwechslung: „Die Inselbewohner liebten ihre Stummfilme, in denen man die Grausamkeit der Welt für eine Weile vergessen konnte.“ Auch wenn einige spannende Dialoge zwischen Lita und Mr. Saito zumindest ansatzweise Aufschluss über dessen Herkunft und Vergangenheit geben, wird Mr. Saitos Figur nicht entzaubert. Zwischen den beiden entwickelt sich eine besondere Freundschaft. Als junge Frau tritt sie gar in seine Fußstapfen, ohne hier mehr verraten zu wollen.
Mr. Saitos reisendes Kino ist eine einfühlsame und reflektierte Coming-of-Age-Erzählung, die durch die vielschichtigen, teilweise skurrilen, aber vor allem liebenswerten Figuren eine warmherzige Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden und mit Freundschaft bietet. Annette Bjergfeldt wählt dafür eine starke und stimmige Bildsprache. Insofern ist der Übersetzerin Dagmar Mißfeldt eine besondere Leistung gelungen. Zwar können sich einige Passagen nicht von einer gewissen Prise Kitsch und pathetischen Reflexionen lossagen, aber die Lesefreude wird schlussendlich nicht beeinträchtigt.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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