Im Lärm der medialen Gegenwart
Wie Yevgeniy Breygers „hallo niemand“ zwischen Sprachrausch und Sprachzerfall die Gegenwart vermisst
Von Natalia Blum-Barth
Yevgeniy Breygers hallo niemand ist ein irritierendes Buch. Seine Texte sind komisch und erschreckend, politisch hellwach und demonstrativ albern, verletzlich und pietätlos, sprachspielerisch und von einer kaum zu ertragenden Raserei. Krieg und Klimakatastrophe, Antisemitismus und Nahostkonflikt, deutsche Parteipolitik und Künstliche Intelligenz begegnen Kinderreimen, Kalauern und Nonsens. Körper werden verstümmelt und wieder zusammengesetzt, Gott, Bots und Nachrichten-Apps sprechen – und mittendrin versucht ein Ich herauszufinden, ob es selbst noch sprechen kann. Gerade diese Zumutung macht den Band faszinierend und bezeichnet zugleich sein ästhetisches Risiko: Wo alles gleichermaßen grotesk erscheinen kann, droht die Groteske ihre Fähigkeit einzubüßen, historische, ethische und politische Unterschiede sichtbar zu machen.
Bereits das eröffnende Gedicht (indistinctive chatter) geplapper des jahres entwirft eine Poetik des Sprechens unter den Bedingungen einer medial überfüllten Gegenwart. Im Zentrum steht weniger die Wiedergewinnung verlorener Sprache als der verzweifelte Versuch, in einer Welt aus Nachrichtenbildern, Katastrophen, fremden Stimmen und automatisierten Sprachmustern überhaupt eine eigene Sprecherposition zu gewinnen. Die Suche nach einer Sprache, in der sich ein Ich artikulieren und gegenüber den auf es einwirkenden Stimmen als solches behaupten kann, verweist bereits auf die Identitätsproblematik, die den gesamten Band durchzieht. Das lyrische Ich versucht, nicht mehr zu denken und sich in bedeutungslose Silben zu retten. Doch gerade die Unterbrechung des Denkens setzt einen neuen Sprachprozess in Gang: Aus „si la bo zu lo“ entstehen wieder „GEDANKE BILD IDEE“. Das Gedicht kreist zwischen Denken, Sprachflucht und erneuter Bedeutungsproduktion.
Damit verbindet sich das Motiv des Weinens: als vorsprachliche Ausdrucksform, Laut und Atem, aus dem Sprache hervorgeht. Zugleich verliert das Ich die Sicherheit seiner Sprecherposition: Wer denkt, wer weint, wer spricht? In dieser Verunsicherung gewinnt „niemand“ zentrale Bedeutung. Die Bezeichnung verweist auf die Polyphem-Episode der Odyssee, in der Odysseus sich selbst den Namen „Niemand“ gibt, um seine Identität zu verbergen und sich seinem Gegner zu entziehen. Auch bei Breyger ist „niemand“ daher Name und Nicht-Name zugleich: die prekäre Selbstbezeichnung eines Ichs, das ein Gegenüber anruft und doch nur das Echo der eigenen Stimme zurückerhält. [H]allo niemand wird zur Selbstresonanz; „niemand“ ist Abwesenheit, Name und mögliche Chiffre eines Gottes, der nicht antwortet.
Die rasenden Aufzählungen von Kriegen, Terror, Missbrauch und Alltagsbanalitäten simulieren den medialen Nachrichtenstrom, in dem Katastrophen und Nebensächlichkeiten gleichrangig auf das Subjekt einprasseln. Sprache wird zum „hülsenwort“, das wie ein Projektil wirkt. Stakkato, Nonsens, Kinderreime und lautliche Verschiebungen treiben sie bis zur Silbe zurück. Wenn aus „wörtchen“ „mördchen“ wird, liegen Sprachspiel und Gewalt verstörend nah beieinander.
Aus der sprachlichen Bewegung wird in den folgenden Texten zunehmend eine räumliche. Immer wieder wird gefahren – im roten Audi A6, später im Rollstuhl oder Zug. Wien, Hamburg, Berlin, Raststätten und Parkplätze werden zu Stationen einer Irrfahrt. Zugleich nimmt der Band einen stärker erzählerischen Duktus an. Nicht mehr unbedingt die Syntax zerfällt, vielmehr kippt die erzählte Wirklichkeit ins Groteske. Die Vermutung einer modernen Odyssee wird in „judissee“ ausdrücklich bestätigt: „meine heimat [ist] der weg“, das Ich sei „verpflichtet / ewig zu rollen“ und schließlich „kein odysseus“, sondern „bloß jude“. Wenig später tritt Polyphem auf: „du hast nicht zu entscheiden, polyphem, wer niemand ist“. Breyger verschränkt damit die Odyssee mit der Figur Ahasvers, des „Ewigen Juden“. Während Odysseus in Ithaka einen Ort besitzt, an den er zurückkehren und an dem er seine Identität wiedergewinnen kann, erklärt Breygers „niemand“ den Weg selbst zur Heimat. Die räumliche Ortlosigkeit verbindet sich dabei mit einer prekären Identität: Wer keinen festen Ort besitzt, verfügt auch über keinen Namen, dessen Bedeutung dauerhaft gesichert wäre. Identität erscheint deshalb nicht als unveränderlicher Besitz, sondern als umkämpfter Prozess der Selbst- und Fremdbenennung. Polizei, Politiker, Medien, Gott und schließlich eine KI versuchen, das Ich festzulegen; ihnen gegenüber beharrt es auf dem Recht, selbst zu bestimmen, „wer niemand ist“.
Diese Odyssee besitzt eine auffällig akustische Struktur. Stimme, Singen, Echo, Schweigen, Hören und Nicht-Hören ziehen sich durch den Band. Das Ich verliert ein Ohr, Alice Weidel hält sich die Ohren zu, Stimmen versagen. Wie bei Odysseus und den Sirenen wird Hören existenziell, doch Breyger verkehrt die Konstellation: In „der showdown“ wird gerade das Nicht-Hören zur Voraussetzung vermeintlicher Gewissheit. Wer keine Gegenstimme wahrnimmt, kann umso ungestörter behaupten, recht zu haben. Dass die moderne Odyssee ausgerechnet in einem Audi stattfindet, gewinnt dabei zusätzliche Bedeutung. Wie Frank Hertweck in seiner SWR-Rezension bemerkt, bedeutet das lateinische audi „Horch!“. Auch das Fahrzeug fügt sich so in die Poetik von Hören, Nicht-Hören, Echo und Sirenengesang ein.
Die moderne Sirene ist nicht mehr eine einzelne verführerische Stimme, sondern das Stimmengewirr medialer Öffentlichkeit. Die Welt erreicht das Ich über Bildschirme: Tagesschau-App und Liveticker melden Waldbrände, Kriege und Notstände, die mit Sport und Wetter verrechnet werden. In „naschmarkt equilibrium“ entsteht daraus ein verstörendes Gleichgewicht: Während die Welt brennt, essen Menschen Fischbrötchen und genießen die Sonne. Das Problem ist nicht mangelnde Information, sondern ihr Übermaß – und die Diskrepanz zwischen globaler Informiertheit und individueller Handlungsohnmacht. Breygers Sprache beschreibt diese Überreizung nicht nur, sie vollzieht sie: Wörter zerfallen, Silben wiederholen sich, Reime verbinden semantisch Unverbundenes. Der Nonsens versucht, automatisierte Verbindungen öffentlicher Sprache aufzubrechen und aus ihren Bruchstücken etwas Eigenes zu schaffen.
Besonders deutlich wird dies in der politischen Satire. Merz, Weidel, Gysi, Scholz und Wagenknecht treten in grotesken Szenarien auf; Lager wechseln ihre Plätze, reale Konflikte kippen in Farce und Albtraum. In „frauentausch“ stehen „CDU mit weidel, AfD mit märz“ nebeneinander. Die Vertauschung karikiert politische Austauschbarkeit, birgt aber bereits die Gefahr, reale Unterschiede zu nivellieren. „make germany great again (MGGA)“ führt die mediale Produktion politischer Identität konsequent vor: Das Ich wird vom Poeten zum Propheten und Programm, vom „queere[n] jesus der realpolitik“ zum Messias und Seher. Aus Politik wird Etikettierung, aus Inhalt Persona. Gerade das Beharren auf dem „Echten“ entlarvt Authentizität als Performance; Politik erscheint als Briefing, Talkshow, richtig gesetzte Pause und Slogan: „klima? prima! keine intima“
Breyger kritisiert diese Sloganisierung allerdings mit denselben Mitteln, deren manipulative Wirkung er ausstellt. Auch seine Gedichte verkürzen, übertreiben, reimen, personalisieren und produzieren grelle Bilder. Darin liegt ihre produktive Ambivalenz: Kann Poesie mediale Sprache kritisieren, ohne deren Aufmerksamkeitslogik zu übernehmen? Breygers Texte beanspruchen keinen Standort außerhalb dieser Realität; sie lassen sich von ihr infizieren, imitieren und übersteigern ihre Verfahren, bis politische und poetische Sprache kaum mehr zu trennen sind.
Der Körper bildet dazu ein Gegenmedium. Er weint, atmet, begehrt, blutet und altert. Bart, Nägel und Ohr werden entfernt, wachsen nach und werden erneut geopfert. Die einzelnen Stationen der Reise schreiben sich als Verletzungen und groteske Veränderungen in den Körper ein. Besonders eindringlich gestaltet „mitten im fieber“ diese Verbindung. Das Ich ist „gefangen zwischen ich und ich“, Sprache wird als „geplapper“ verdächtig, dann heißt es: „ich wachte auf in sprache / schüttelte mein fell und sah mich von oben“. Nicht zur Sprache, sondern in ihr erwacht das Ich. Das „tier-ich“ verweist auf eine elementare Körperlichkeit unterhalb politischer und medialer Zuschreibungen. Dazu passt die Wiederkehr des Weinens. Wo Politik Programme und Medien Rollen produzieren, reagiert der Körper mit Tränen.
Auch Sexualität und Religion werden in den Kampf um Benennung einbezogen. In „benimm dich fein“ verschmelzen die Farben Israels und der Ukraine zu einem Kleid, das selbst „spricht“. Eine „liebe ohne namen“ kollidiert mit einem Gott, der Ordnung und eindeutige Kategorien verlangt. Religion bildet keinen sicheren Gegenraum: Gott erscheint als definierende und strafende Instanz, göttliche Ordnung kippt in Gewaltordnung. In „judissee“ wird diese Transzendenz technologisch fortgeschrieben. Eine Stimme spricht „vom Himmel“, zusammengesetzt aus „aller siris, ohne namen, ohne gender, einfach bot“. Der Bot übernimmt die Position Gottes: körperlos, scheinbar allwissend, mit Anspruch auf Definitionsmacht. Demgegenüber besitzt der Mensch einen verwundbaren, alternden Körper. „ich trug doch immer noch das kleid, ich war nicht nichts“. Gerade Körperlichkeit wird zum Beweis des Nicht-Nichts-Seins.
Parallel verdichtet sich das Motiv der Wahl. „ich stelle mich zur wahl“ meint politische Kandidatur und existenzielle Selbstwahl zugleich. Aus „niemand“ wird ein Kandidat; „Wählt niemand“ heißt daher doppeldeutig: Wählt die Figur Niemand – oder wählt überhaupt niemanden. Politische Sprache bringt so das Identitätsparadox des Bandes auf eine knappe Formel.
Hier stellt sich jedoch die Frage nach den Grenzen dieser Poetik. Breyger bringt Shoah und Kinderreim, Krieg und Kalauer, Sexualität und Religion, Körperverletzung und Slapstick, Nahostkonflikt und deutsche Parteipolitik in groteske Nachbarschaften. Das erzeugt produktive Befremdung, weil vertraute Wahrnehmungsordnungen gestört werden. Doch dieselbe Methode droht, historische, ethische und politische Unterschiede einzuebnen. Die Pietätlosigkeit ist Programm; durch Wiederholung kann das Programm zur Masche werden. Nicht jede Provokation gewinnt dadurch an Schärfe, dass auf sie eine grellere folgt. Gerade darin liegt die Mischung aus Faszination und Abstoßung, die hallo niemand erzeugt: eine Überfülle bedeutungstragender Bilder, die sich keiner beruhigenden Gesamtordnung fügt.
Das kurze „post factum“ zieht daraus die letzte Konsequenz. „ihr gingt mit niemand auf reisen und bliebt bis zum ende“. Rückwirkend erscheint der Band als Reise mit Niemand. Niemand gewinnt die Wahl, tritt vor das Mikrofon und sagt „hallo“. Doch der Bot spricht vom Himmel herab, er werde nicht zulassen, „dass deutschland sich ändert“; drei Schüsse treffen Niemand in Herz, Lunge und Stirn. Die technologische Instanz annulliert die demokratische Wahl. Ausgerechnet im Tod findet sich jedoch das lange gesuchte Ich: „niemand war glücklich, und in glücklich steckte ein ich / das lange gesuchte“. Nach Namen, Rollen und Fremddefinitionen steckt das „ich“ buchstäblich in einem Wort. Die Sprache, die der Band zerlegt, beschleunigt und deformiert hat, erweist sich im letzten Moment noch einmal als identitätsstiftend.
hallo niemand ist deshalb weniger politische Prognose als grotesker Weckruf. Breyger dreht die Lautstärke der Gegenwart auf. Krieg und Klima, Antisemitismus, Ukraine und Nahost, Rechtspopulismus, Identitätspolitik, Medien und KI überlagern sich, bis ein Subjekt unter der Last des gleichzeitigen Wissens, Wahrnehmens und Positionierens zu zerfallen droht. Das Ich fährt, rollt, denkt, reimt, weint und spricht weiter. Dass diese Poetik überreizt, gehört zu ihrem Programm – und bleibt ihr Problem. Gerade darin liegt ihre verstörende Originalität. Sie imitiert und karikiert die mediale Raserei und treibt sie bis an die Grenze der Selbstzerstörung. Am Ende bleibt ein grammatisch verrutschter Satz über eine nicht eingetretene Möglichkeit: „es hätte alles auch so schön können geworden sein“. Vielleicht liegt darin die präziseste Gegenwartsdiagnose des Bandes: Im Lärm der Stimmen müsste es gelingen, wieder selbst zu hören, zu denken und eine Sprache zu finden, in der ein Ich sich und die Welt ansprechen kann.
|
||















