Das Hohelied der RAF

Svea Bräunert erzählt den linken Terrorismus als Gespenstergeschichte

Von Karl-Josef MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karl-Josef Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der linke Terrorismus der RAF und die Künste, so lautet der erläuternde Untertitel von Svea Bräunerts Buch Gespenstergeschichten. Vertreten sind die Künste etwa durch Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll, den Foto-Zyklus Baader-Meinhof von Gerhard Richter und Don DeLillos Roman Mao II, um nur einige der von Bräunert betrachteten Kunstwerke zu nennen. Weiterhin setzt sich Bräunert intensiv mit der Frage auseinander, wie die Medien das Thema Terrorismus behandelten und als „Medienereignis“ inszenierten – besonders ausführlich anhand des Olympia-Attentates von 1972. Dabei stützt sich die Autorin auf eine breite theoretische Basis: Das Literaturverzeichnis zur Sekundärliteratur umfasst weit über 400 Titel.

Ausführlich schildert Bräunert die Begründungen und Rechtfertigungen der RAF für ihr Morden wie auch die Diskussion über Gewaltanwendung während der Studentenrevolte. Den Kunstwerken kommt dabei die Rolle zu, den Terrorismus wenn nicht zu rechtfertigen, so doch als mehr oder weniger verständliche und nachvollziehbare Reaktion auf andere Formen der Gewalt zu begreifen. Katharina Blum reagiert auf „die Gewalt, die die Springer-Presse selbst mit ihrer Berichterstattung ausübt“. In den Bildern von Gerhard Richter verwandeln sich die RAF-Terroristen in Gespenster, derer letztlich nicht habhaft zu werden ist. Sie werden überhöht zu Symbolen von etwas Ungreifbarem, das über und jenseits der Alltagsrealität schwebt.

„Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle, die in den Lilien weiden.“ Das Hohelied Salomos – ein erotisches Lied, ein Liebeslied, ein Lied und Gedicht, das die Freude eines Paares aneinander feiert, sinnlich, körperlich, voller Begehren. Judentum und Christentum konnten es dabei nicht belassen. Frei nach Goethe – „Im Auslegen seid frisch und munter! / Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter“ – schafften es insbesondere christliche Theologen, Sinnliches in Geistiges umzudeuten. Der Text kann sich nicht wehren, und so wurde aus dem Bräutigam Christus und aus der Braut die Kirche.

Wer oder was ist die RAF, die Rote Armee Fraktion? Welch ein Gedicht ist das Hohe Lied? Nach der Lektüre der Dissertation von Svea Bräunert scheint die Frage erlaubt, ob Svea Bräunert vielleicht in die Fußstapfen der theologischen Deuter getreten ist.

Der Verfasser dieser Zeilen wurde 1957 geboren und hat somit die RAF und insbesondere den sogenannten Deutschen Herbst als junger Zeitgenosse erlebt. Die RAF im Fernsehen, in der Presse, im Studium, im Gespräch mit Freunden und Bekannten – sie war fast überall präsent. Vor allen Dingen aber löste sie Gefühle aus: von hasserfüllter Abscheu bis hin zur mehr oder weniger deutlichen Sympathie mit dem ‚politischen Kampf‘ der Genossen: „Als Meins in Hamburg beigesetzt wurde, reiste auch Rudi Dutschke an, der einstige Kopf der Studentenbewegung. In seinem Tagebuch klagte er über die ‚RAF-Scheiße‘. Doch am offenen Grab des zum Märtyrer stilisierten erhob er den rechten Arm, ballte die Faust und rief: „Holger, der Kampf geht weiter!“. Gemeint ist Holger Meins, der am 9. November 1974 an den Folgen seines Hungerstreiks gestorben war. Eine objektive Betrachtung des Phänomens RAF war damals nahezu ausgeschlossen, kontroverse Gefühle beherrschten die Diskussion.

Svea Bräunert schreibt der RAF eine enorme Bedeutung zu: „Die RAF lässt sich folglich als historisches Prisma verstehen, durch das hindurchgeblickt sich eine neue und verschobene Ansicht auf die deutsche Geschichte seit 1945 ergibt.“ Diese Behauptung, zitiert aus dem abschließenden Fazit ihrer Untersuchung, macht deutlich, welchen Stellenwert Bräunert dem Linksterrorismus beimisst. Auf über fünfhundert Seiten möchte die Autorin ihren Lesern zeigen, wie eine solcherart verschobene Ansicht beim Blick durch das Prisma aussehen könnte.

Eine zentrale Erkenntnis ihrer Argumentation betrifft die Gewalt:

Denn wie ich in der Einleitung herausgearbeitet und im Verlauf meiner Argumentation wiederholt aufgegriffen habe, ist Terrorismus in definitorischer Hinsicht vor allem als mentale Kategorie zu verstehen. Ihm geht es nicht primär um Mord und Zerstörung, sondern vielmehr darum, Angst und Schrecken zu erzeugen und auf diese Weise das zukünftige Handeln von Menschen und Staaten zu beeinflussen. Terrorismus ist eine Möglichkeit, die von einem Schrecken lebt, der in der Zukunft liegt.

Bräunert unterscheidet zwischen der Absicht ‒ „das zukünftige Handeln von Menschen und Staaten zu beeinflussen“, ‒ und den Mitteln, diese Absicht zu erreichen, nämlich „Mord und Zerstörung“. Diese Operation ist notwendig, um anschließend fast ausschließlich von dem sprechen zu können, was sie unter Terror unabhängig von den ermordeten Opfern versteht. Der Schrecken wird quasi von dem, was ihn auslöst, getrennt, nämlich von den Opfern, von denen auf annähernd 550 Seiten kaum die Rede ist und die dadurch in Vergessenheit zu geraten drohen.

In den Vordergrund rücken die Täter. Nicht als Kriminelle, sondern als Gespenster, denen als solche eine wichtige Aufgabe zukommt, wie Bräunert sie in den beiden abschließenden Sätzen ihrer Überlegungen zum wiederholten Male unterstreicht:

Wenn Wolfgang Kraushaar also behaupten kann, dass ‚wer den Deutschen Herbst und dessen Bedeutung nicht versteht […] auch die Geschichte der Bundesrepublik nicht begreifen‘ kann, dann gilt etwas Ähnliches auch für Literatur, Film und bildende Kunst. Auch für sie ist die RAF ein wesentliches und bisher noch viel zu wenig analysiertes Prisma, das es uns erlaubt zu sehen und zu sprechen: über den Zustand der (deutschen) Geschichte nach 1945, über das Verhältnis von Kunst, Medien und Erinnerung sowie über die Bedeutung künstlerischer Reflexionen im Angesicht des Terrorismus.

Definiert man Kriminalisierung als Verletzung des gesellschaftlichen Konsenses, wie er sich in den entsprechenden Gesetzen als Verbot niederschlägt, handelt es sich bei den Mitgliedern der RAF ebenso um Kriminelle wie auch bei den palästinensischen Attentätern von München 1972 und den Verantwortlichen für die Zerstörung der Twin Towers 2001.

Lange Zeit widmeten sich Geschichtsschreiber, Medien und Wissenschaftler fast ausschließlich den Tätern der RAF. […] Die 34 von der RAF ermordeten Menschen sowie die zahlreichen Verletzten und deren Angehörige standen hingen nur selten im Fokus des öffentlichen Interesses. Außer einigen herausragenden Persönlichkeiten wie Hanns-Martin Schleyer, Siegfried Buback oder Gerold von Braunmühl gerieten viele Namen der Opfer schon bald in Vergessenheit. Fast schien es so, als sei der RAF-Maxime „Kein Wort über die Opfer“ Erfolg beschieden.

„Doch warum dieser Fokus auf die Künste? Führt er nicht zwangsläufig zur Ästhetisierung und Verharmlosung des Terrors?“ In seiner Besprechung der Gespenstergeschichten stellt Fabian Goppelsröder diese Frage – und lässt sie unbeantwortet. Seine Rezension mündet in die Erkenntnis, dass wir, polemisch gedeutet, der RAF dankbar sein müssen: „Durch das Prisma des Linksterrorismus zeigt sich gerade die traumatische Struktur der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Erst mit der künstlerischen Aneignung der Medienbilder aber wird diese grundlegende Bedeutung des RAF-Gespensts überhaupt sichtbar.“

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Christina Gerhardt in ihrer Besprechung der Gespenster: „Overall, the volume contributes a valuable study to the constellation of terrorism, media and memory, pinpointing how mediations of the RAF illuminate key debates related to German post-1945 history and culture but also reworking concepts of history, that is, putting its temporal linearity into question, and exploring the role of visibility and invisibility (or haunting) in sites of trauma and memory.“

Die Dinge sind nicht das, als was sie auf den ersten Blick erscheinen – siehe die Deutung des Hohelied Salomos. Kriminelle sind Terroristen im politischen Kampf, ihr Weg in die Kriminalität ist einer in den Untergrund dieses politischen Kampfes, die blutigen Taten des Terrors werden zum „Prisma, das es uns erlaubt zu sehen und zu sprechen: über den Zustand der (deutschen) Geschichte nach 1945“.

Dieser Gestus des überlegenen Blickes auf die gesellschaftlichen Verhältnisse bildet die Basis von Bräunerts Überlegungen. Während die Medien – und nicht nur die Bild – ein vermeintlich einseitiges, weil eindimensionales Bild der damaligen Verhältnisse zeichneten und weiterhin zeichnen, gelingt es der Kunst und der sie deutenden Theorie, in den Taten einiger Krimineller den wahren historischen Zustand unserer Gesellschaft zu erkennen.

Als einer der Väter der linken Theorie gilt Theodor W. Adorno. Nachdrücklich allerdings hat Adorno eine Grenzlinie gezogen zwischen Aktionen gegen bestimmte politische Ereignisse – etwa die Notstandsgesetzgebung – und jeder Form von Gewalt: „Ich habe an Kundgebungen gegen die Notstandsgesetze teilgenommen, und ich habe im Bereich der Strafrechtsreform getan, was ich tun konnte. Aber es ist doch ein Unterschied ums Ganze, ob ich so etwas tue oder mich an einer nun wirklich schon halb wahnhaften Praxis beteilige und Steine gegen Universitätsinstitute werfe.“ Ein Unterschied ums Ganze – deutlicher kann man sich nicht von einem Weg in die Gewalt abgrenzen, den Adorno aufgrund seines Todes wenige Monate nach dem hier zitierten Spiegel-Interview nur in seinen Anfängen miterlebt hatte. Nicht, dass Adorno Gewalt aus einem falsch verstandenen Pazifismus heraus abgelehnt hätte, etwa unter einem faschistischen Regime:

Zum anderen habe ich allerdings gegen jede Anwendung von Gewalt die schwersten Vorbehalte. Ich müßte mein ganzes Leben verleugnen ‒ die Erfahrungen unter Hitler und was ich am Stalinismus beobachtet habe ‒, wenn ich dem ewigen Zirkel der Anwendung von Gewalt gegen Gewalt mich nicht verweigern würde. Ich kann mir eine sinnvolle verändernde Praxis nur als gewaltlose Praxis vorstellen.

SPIEGEL: Auch unter einer faschistischen Diktatur?

ADORNO: Sicher wird es Situationen geben, in denen das anders aussieht. Auf einen wirklichen Faschismus kann man nur mit Gewalt reagieren. Da bin ich alles andere als starr. Wer jedoch nach der Ermordung ungezählter Millionen von Menschen in den totalitären Staaten heute noch Gewalt predigt, dem versage ich die Gefolgschaft. Das ist die entscheidende Schwelle.

Adornos Argumentation steht in größtmöglichem Gegensatz zur Deutung der RAF-Gewalt als ein strukturelles Trauma:

Dabei erlaubt ihr das Verständnis der RAF als strukturelles Trauma, die Rückkehr der Nazivergangenheit im 1977 entstandenen Autorenfilm ‚Deutschland im Herbst‘ aus der Notwendigkeit der Gegenwart heraus nachzuvollziehen: Es ist die Konfrontation mit dem Linksterrorismus, welche die Generation der Nachkriegskinder sich auf unterschiedliche Weise mit den NS-Verwicklungen der Eltern auseinandersetzen lässt. Zugleich wird die Wirkmacht des Traumas nicht auf die rückwärtige Perspektive verengt, sondern mit Derrida vielmehr als offene Wunde im Angesicht der Zukunft verstanden. Die Wunde, so Bräunert, die der Terror immer wieder neu zu reißen sucht.

Fabian Goppelsröder fasst die Absichten Svea Bräunerts korrekt zusammen, indem er dem Terror der RAF eine nahezu unverzichtbare analytische Kraft bescheinigt. Spricht Adorno von der Gewalt als „entscheidender Schwelle“, die ihn von denen trennt, die „nach der Ermordung ungezählter Millionen von Menschen in den totalitären Staaten heute noch Gewalt“ predigen – und 1969 ging es noch nicht um Mord und Totschlag, sondern ums Steinewerfen –, verschafft Svea Bräunert eben dieser menschenverachtenden Gewalt eine Rechtfertigung als quasi unverzichtbares Medium, sich mit den Nachwirkungen des Nationalsozialismus kritisch auseinanderzusetzen.

Unwissenschaftlicher Epilog

Wiederholt spricht Svea Bräunert von sich selbst als einem Ich, das sich zu dem von ihr gewählten Gegenstand RAF in ein Verhältnis setzen möchte. So auch im abschließenden Fazit: „Dabei bin ich zu Beginn meines Nachdenkens über die RAF nicht von einer konkreten Definition des Gespenstes ausgegangen. Vielmehr war es mein Anliegen, diese Schritt für Schritt zu entwickeln.“ Später heißt es: „Indes bin ich in meiner Konzeption des Gespenstes deutlich über seine psychoanalytischen Erscheinungsweisen hinausgegangen. Ging es mir doch darum, das Gespenst als mnemonische Figur zu entwickeln, mit der […] auch und vor allem die eigentümliche Stellung der RAF innerhalb der deutschen Geschichte bezeichnet und analysiert werden kann.“

Abschließend möchte ich diese subjektive Perspektive der Autorin aufgreifen und – jenseits des wissenschaftlichen Jargons – skizzieren, welchen Eindruck die Gespenstergeschichten bei mir hinterlassen haben.

Hans Martin Schleyer befand sich 1977 mehrere Wochen in der Gewalt der RAF-Terroristen: Am 5. September wurde er entführt, am 19. Oktober wurde seine Leiche gefunden. Als damals Zwanzigjähriger konnte ich mir nicht vorstellen, dass man einen Menschen, mit dem man wochenlang auf engstem Raum zusammengelebt hat, anschließend kaltblütig ermordet. Als dies dann doch geschah, war bei mir selbst das Erschrecken groß, bei nicht wenigen in meinem damaligen Freundes- und Bekanntenkreis allerdings die klammheimliche Freude über diesen Mord spürbar. Mein Schrecken war somit ein doppelter: einerseits über den Mord, andererseits über die Kälte, mit der dieser Mord von vielen gerechtfertigt wurde.

In der Untersuchung von Svea Bräunert wird diesem Erschrecken über die unmenschlichen Taten der RAF und ihrer Gesinnungsgenossen aus meiner Sicht kein adäquater Platz eingeräumt. Bräunert widmet sich ihrem Thema mit vermeintlich wissenschaftlicher Objektivität, in der die Frage, wie es dazu kommen konnte, das beispielsweise ein Mensch wie Christian Klar, nur fünf Jahre älter als ich selbst, sich an dem kaltblütigen Töten beteiligen konnte. Auf mich wirkt die von Bräunert diskutierte Position, die Gewalt der RAF müsse als Reaktion auf die nationalsozialistischen Verbrechen verstanden werden, als Schlag ins Gesicht der bereits Ermordeten. Bis heute verbinde ich nicht nur mit der RAF, sondern mit allen Formen des Terrors genau dieses Moment inhumaner Kälte. Deshalb sind mir Überlegungen wie die von Svea Bräunert in ihrer vermeintlich wissenschaftlichen Distanz suspekt. Die Autorin, so mein Eindruck, bescheinigt dem damaligen Töten und Morden einen Sinn im Kontext der sogenannten Vergangenheitsbewältigung. Die Täter umgibt die Aura des historisch Bedeutsamen, die Opfer werden reduziert auf ihre Funktion, „Angst und Schrecken zu erzeugen“.

Für Adorno markiert der Weg in die Gewalt den „Unterschied ums Ganze“, und dem möchte ich mich anschließen. Ein Unterschied, den Svea Bräunert in ihrer Arbeit nicht zur Kenntnis nimmt.

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Svea Bräunert: Gespenstergeschichten. Der linke Terrorismus der RAF und die Künste.
Kulturverlag Kadmos, Berlin 2015.
564 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-13: 9783865992789

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