Hoffnung und Verzweiflung auf dem Balkan
Marie-Janine Calics „Balkan-Odyssee“ behandelt Koexistenz und Akzeptanz von Juden auf dem Balkan bis zum Untergang
Von Mechthild Hesse
„Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ – der Untertitel erklärt, worum es in diesem sorgfältig recherchierten Buch geht: um die verzweifelte Suche der von den Nazis verfolgten Juden nach einem Zufluchtsort. Letztlich sollte dieser nicht in West-, sondern in Südosteuropa, beziehungsweise in Palästina liegen.
Bezogen auf Frankreich ist vielen Lesern bereits durch Marseille 1940 und Februar 1933 von Uwe Wittstock klar geworden, in welch prekärer Lage sich die dort lebenden jüdischen Schriftsteller befanden, bevor die meisten von ihnen nach Amerika auswandern konnten. Dass aber auch eine Fluchtroute nach Südosteuropa existierte, hat nun die Historikerin Marie-Janine Calic in Balkan-Odyssee eindringlich dargestellt.
Ausgehend von Einzelpersonen – die meistens nicht so bekannt sind wie die in Marseille 1940 Genannten – erzählt Calic die Geschichte der Flucht(versuche) der Juden nach Jugoslawien, Albanien, Rumänien und letztlich nach Palästina. Dabei verfährt sie chronologisch: vom Beginn der zunächst in Deutschland vereinzelt auftretenden Judenverfolgung 1933 bis zu ihrer Ausweitung auf den Balkan und der Vereitelung vielfältiger Fluchtversuche 1941. Anschaulich erklärt Calic, wie zunächst in Deutschland bedrohte bekannte Wissenschaftler, Schauspieler und weniger bekannte Menschen von Jugoslawien („Irgendwo da unten“) freudig aufgenommen wurden – und wie aber die deutsche Einflussnahme und die Besetzung von Österreich, der Tschechoslowakei, Polens, Rumäniens und letztlich auch Jugoslawiens zu immer mehr Einschränkungen auch auf dem Balkan führte.
Anfangs wurden jüdischen Wissenschaftlern wie dem Onkologen Blumenthal in Belgrad „aus völkischen, moralischen und humanitären Gründen politisches Asyl“ gewährt, vor allem weil die Emigranten noch wenig zahlreich und auch vermögend waren und daher dem Staat sogar nützlich sein würden. Die Aufnahme von Emigranten und die Gewährung von Asyl war eine Tradition des Staates. Jugoslawien bot nicht nur erwachsenen Juden Schutz, sondern auch einem ganzen reform- und heilpädagogischen Kinderheim mit teils behinderten Kindern, das von der Berliner Pädagogin und Psychologin Annemarie Wolff-Richter geleitet wurde, als es für die Betreibung des Heims in Nazideutschland keine Erlaubnis mehr gab.
Je radikaler die Judenverfolgung in Deutschland und Österreich wurde, desto mehr Verzweifelte versuchten, mit Hilfe zionistischer Organisationen auf irregulärem Weg Palästina zu erreichen. Privatleute, Unternehmer, Schleuser oder Reisebüros charterten Schiffe und brachten die Betroffenen zu den Häfen, und als man keine Transitvisa mehr bekam, wurden die Menschen mit Flussschiffen über die international verwaltete Donau zum Schwarzen Meer gebracht. Insgesamt wanderten zwischen 1933 und 1939 mehr als zweihunderttausend Juden nach Palästina ein, viele von ihnen illegal.
Aber die von den jüdischen Flüchtlingskomitees zugesagten Hilfen kamen zuletzt nicht immer an. Tausende warteten vergeblich auf Züge oder Schiffe, die sie über die Donau- oder die Meerroute nach Palästina bringen sollten. Die jüdischen Kultusgemeinschaften wussten Ende 1940 nicht mehr, „wie sie die Heerscharen der Verzweifelten, die täglich in Jugoslawien ankamen, versorgen sollten. Allein das Hilfskomitee in Zagreb betreute seit 1933 schon mehr als achtzehntausend Flüchtlinge.“ Die Menschen kamen nicht nur aus Deutschland und Österreich, sondern auch aus Ländern wie Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei. Flüchtlingshilfeorganisationen klagten:
nach langwierigen Wochen andauernder, mühseliger, lebensgefährlicher Reise langen sie völlig erschöpft hier an und müssen erfahren, dass sie nicht nur nicht legalisiert werden können, sondern dass auch wir ihnen nur die minimalste Unterstützung gewähren können.
Nicht genug dies alles, müssen wir noch zusehen, wie die Leute in Massen verhaftet und unter schrecklichsten Umständen an die Grenze zurückgeschleppt werden. (United States Holocaust Museum Archives.)
Bis 1941 hatten die Nazis teilweise die Aussiedlung der Juden unterstützt. So förderten sie zum Beispiel den österreichischen Schlepper Josef Schleich, der aus seinen Hilfsaktionen ein lukratives Geschäft gemacht hatte. Seine Aktivitäten wurden dann aber von den Nazis am 21. Oktober 1941 offiziell verboten, da die Judenverfolgung eine neue Dimension bekam. Nun wurden sie immer häufiger deportiert.
Als Hitler seinen Machtbereich immer weiter ausdehnte, die Achsenmächte unter die Kontrolle der Nazis fielen und später auch Jugoslawien den Dreimächtepakt unter Zwang unterschrieb, putschten die jugoslawischen Militärs, was die Bevölkerung zunächst feierte. Daraufhin wurde Jugoslawien aber bombardiert und große Teile des Landes von den Nazis besetzt. Jugoslawien, das sich bis zur letzten Stunde tapfer gegen Hitler gewehrt hatte, musste sich am 11. April 1941 den Nazis ergeben.
Das Bombardement führte zu chaotischen Fluchtversuchen in Belgrad. Er [der Schriftsteller Sacher-Masoch] trieb in einem Strom vieler Menschen, der sich gegen Süden aus der Stadt wälzte. Frauen trugen die ganz kleinen Kinder auf ihren gebeugten Rücken, alles schleppte Bündel, Koffer, Körbe und Säcke, manche zogen kleine Handwagen hinter sich her. „Auf der Ausfallstraße lagen Tote rechts und links in den Gräben, ein Maulesel reckte alle viere in den Himmel.“ (Tagebuch von Consort Olga)
Im Epilog „Was danach geschah“ fasst Calic die Schicksale der vielen Geflüchteten, die im Buch beschrieben werden, nach 1941 zusammen. Manche schafften es noch, Palästina zu erreichen oder in andere Länder zu emigrieren, viele wurden deportiert oder ermordet. Blumenthal konnte noch nach Estland fliehen, wo er aber in am 5. Juli 41 durch einen deutschen Luftangriff umkam.
Das Buch ist eine detailreiche Schilderung der Nöte, Hoffnungen und letztendlich Enttäuschungen der geflüchteten Juden. Sie wird durch Fotos und zahlreiche Tagebucheinträge der Betroffenen und mannigfaltige Verweise auf die Geschichte noch eindringlicher. Anmerkungen, Personenregister, Landkarten, eine Fülle von Quellen aus der Presse und aus Archiven und ein umfangreiches Literaturverzeichnis bieten sich Interessierten, die die Geschichte weiterverfolgen wollen.
In einer Art narrativer „non-fiction“ kommt die Autorin auf die Lebensverhältnisse einzelner immer wieder zurück. Manchmal verliert man den Überblick über die vielen genannten Personen, deren Schicksal aber sehr gut mit dem allgemeinen politischen Geschehen verbunden wird.
Das Buch wurde von der Leipziger Buchmesse als bestes Sachbuch ausgezeichnet.
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