Schwerelos über die Schwere dieser Welt schreiben

Bernhard Huß begibt sich in „Die unglaubliche Leichtigkeit eines schweren Autors, oder: Calvino liest Boccaccio“ auf die Spur nach den verborgenen Vernetzungen der Literatur

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auch die Literaturwissenschaft kann in Gestalt einer hohen Kunst erscheinen. Bernhard Huß nimmt sich Italo Calvinos Vorarbeiten zu den Charles Eliot Norton Poetry Lectures vor, die er 1985 an der Harvard University halten wollte. Dazu kam es nicht mehr, denn der italienische Schriftsteller und Literaturtheoretiker verstarb unerwartet im September 1985. Calvino begab sich lesend auf die Spuren der Novellen des 14. Jahrhunderts, poetologisch, aber auf verborgene Weise auch literarisch, und entdeckte wie entfaltete ein erzählerisches Gewebe, in dem die Gegenwärtigkeit des Vergangenen aufleuchtet.

Bereits Susanne Köbele lobt im Vorwort von Die unglaubliche Leichtigkeit eines schweren Autors, oder: Calvino liest Boccaccio die philologische „Leichtfüßigkeit“ des Verfassers und anerkennt damit berechtigterweise „Esprit und Eleganz“ als Signum dieser literaturtheoretischen Annäherung an zwei buchstäblich nicht nur fantasievolle, sondern auch fantastische Autoren der Weltliteratur, die auf je eigene Weise auch, wie im Titel genannt, schwierig erscheinen mögen, denen jedoch auch eine besondere Leichtigkeit, wenn nicht Schwerelosigkeit zu eigen ist.

Calvino hatte Material für acht Vorträge gesammelt, doch erlag er einem Schlaganfall, ohne dass er eine abschließende Fassung erstellt hatte. Huß schreibt, Calvino habe eine „Summe“ und zugleich auch „Bilanz“ von „poetologischen, literar- und kulturhistorischen sowie kulturtheoretischen Reflexionen“ erarbeitet, in denen stets auf die Postmoderne rekurriert werde, die seinerzeit durch die Arbeiten von Jean-François Lyotard wesentliche Impulse erhalten hätten. Calvino betont die „stilistische Faktur des literarischen Textes“ als entscheidend für die „unmittelbarste Prägnanz für die literarische Konstruktion von Welt im umfassendsten Sinne“. Huß führt weiter aus: „Typisch für Calvino ist dabei die Art, in der Rationalität sich in Prozessen der Kombinatorik produktiv mit einer Imagination verschränkt, die ungeachtet der szientistischen Dimension dieser Poetologie nicht selten vom Phantastischen besonders fasziniert ist.“ Die Literatur fungiert als „ästhetisches Instrument zur Orientierung“ in der „nicht kontrollierbaren Welt“.

Somit erweist sich Literatur zwar nicht als ethischer Schlüssel oder gar als Interpretationshilfe, sondern als Beschreibung, die die Spannung zwischen Distanz und Nähe auf besondere Weise aufhebt:

Was Literatur kann, was sie zur Bewältigung von Welt vermag, was sie im ‚nächsten Jahrtausend‘ (unserem immerhin) leisten soll, was ihr zukünftiges Potential ist, zeigt Calvino an herausragenden Beispielen der Tradition – er wendet die Vergangenheit in die Zukunft und hofft dabei unter anderem, Literatur könne auch in einer Epoche radikalen Medienwandels und Medienwechsels dem kulturellen Verfall gegensteuern, den er unter anderem an einer Proliferation bedeutungsloser Sprache und bedeutungsleerer Bilder diagnostiziert.

Calvino verbindet die „Dimension des Fiktiven und Phantastischen in der Literatur“, und damit gelangt er sprachlich, literaturtheoretisch wie auch erzählerisch zu einer eigenen Form der schwebenden Leichtigkeit gegenüber dem „Gewicht der Welt“, die sich als „kreativer Widerstand“ erweist, klar „gegen das indistinkte Meer der äußeren Dinge“ streitend, in gleicher Weise eine „rettende ästhetische Distanz“ einnehmend. Dazu schreibt Huß:

Zwei Möglichkeiten hat die Literatur, auf das Gewicht der Welt zu reagieren: Zum einen die ‚Erleichterung‘ durch einen quasi schwerelosen Stil, der sich über die Welt wie eine feine Wolke, ein Nebel aus mikroskopisch kleinen Elementen oder ein magnetisches Feld erhebt, zum anderen die Vermittlung der Schwere durch eine Belastung der literarischen Diktion mit der Dichte und Konkretheit von Gegenständen.

Das Individuum tritt damit hervor, auf gewisse Weise wird es auch bewahrt im „Meer der Dinge“, von denen es umflutet ist, ebenso vielleicht von bedrängenden Meinungen und Anschauungsweisen, die mit absolutem Anspruch auftreten. Es bewahrt den literarischen Eigensinn, ohne zu versinken, weiß zugleich um den „Nebel“, durch den es sich unausweichlich bewegt und bewegen muss.

Calvino weiß um die Nähe, ja die Verschwisterung von „Leichtigkeit“ und „Raschheit“. In seiner Wahrnehmung ist Giovanni Boccaccio ebenso leicht wie rasch – wenngleich er dabei auch über sich selbst zu schreiben scheint. Er sieht die „schnelle Beweglichkeit“, mit ihr verbunden „Sprunghaftigkeit“ und „affektierte Unkonzentriertheit“: „Die Funktionalität ‚raschen‘ Erzählens wird durch Formularität und Repetition gesteigert. Die geschwindigkeitssteigernde Potenzierung der Repetition erreicht ein narrativer Text unter anderem durch Arrangement der Ereignisfolge, das Korrespondenzen und Entsprechungen hervorhebt, wie es die Reimfolge in einem Gedicht vermag.“

Der „stilistische Habitus der Raschheit“ dient der „Vermittlung von Welt“, mit der auch Boccaccio in seinem Werk Decameron auf die „völlige Instabilität der Welt“ reagiert, in einem Text, in dem er auf das „magmatische Wogen der außersprachlichen Sphäre“ antwortet – auf die Lebens- und Leidenswirklichkeit der Pest, gegen die er literarisch Widerstand leistet: „Die auktorial erschaffene Struktur des Buchs mit ihrer mehrfach geschichteten, kunstvollen Kommunikationsmaschine ist insgesamt eine poetische Reaktion auf das Chaos der Welt.“ Dies gelingt durch „narrative Distanzierung“ und „fiktionale Entschärfung“, denn der „Schwere der Welt“ begegnet Boccaccio mit einem „prononciert leichten Stil“. Die „erzählerische Ökonomie der Knappheit und Raschheit“ weiß Calvino poetologisch besonders zu schätzen, und so erkennt Huß eine „frappante Übereinstimmung“ zwischen Calvino und Boccaccio. Hier ließe sich einwenden, dass Calvino genau das im Werk Boccaccios findet, was er vor Beginn der Suche schon gefunden hat.

Bernhard Huß weist eine bezwingende stilistische wie kunstvolle Parallelität bei Calvino und Boccaccio nach, bei der notwendigerweise die Wahrnehmung der Gegenwart beziehungsweise Calvinos Sicht nachgezeichnet wird, die aber klare Bezüge zu Boccaccio aufweist. Wer die Fußnoten noch aufmerksam studiert, entdeckt, dass die „hohe Bewusstheit“ als Gemeinsamkeit beider Autoren aufgezeigt wird. Italo Calvino und Giovanni Boccaccio wussten sehr genau, warum, worüber und wie sie schrieben. Huß’ Studie ist eine große Resonanz in der zeitgenössischen Literaturwissenschaft zu wünschen.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Bernhard Huß: Die unglaubliche Leichtigkeit eines schweren Autors, oder: Calvino liest Boccaccio.
Chronos Verlag, Zürich 2025.
96 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783034018302

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