Der Abgrund von Chişinău

Der moldauische Autor Iulian Ciocan karikiert mit seinem Roman „Die Königin der Kelche” die Gesellschaft seines Landes

Von Anke PfeiferRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anke Pfeifer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gut gelaunt kehrt der städtische Beamte Nistor Polobok, Leiter der Abteilung für Architektur, Städtebau und Grundbesitz im Rathaus der moldauischen Hauptstadt Chişinău, eines Abends nach Hause zurück. Er hat an diesem Tag ein überaus stattliches Bestechungsgeld kassiert und zudem einen schönen Abend mit Wein, Weib und Gesang verbracht. Der Fahrer seines Dienst-BMWs setzt ihn vor seinem prächtigen Anwesen ab. Dort vertritt er sich den Fuß in einem seltsamen Spalt im Asphalt. In den folgenden Tagen und Wochen vergrößert sich der Spalt zu einem langen, tiefen Riss, dann zu einem Loch, aus dem eine tiefe Grube und schließlich ein Abgrund wird, in dem Menschen, Straßen und Häuser, ja ganze Viertel der Stadt verschwinden. Seine Amtskollegen versuchen zunächst noch halbherzig, das Loch zu schließen, beziehungsweise die Ursache für seine Entstehung zu finden, doch dann verfallen sie in Untätigkeit. Die Behörde versagt in dieser irrealen Ausnahmesituation, Verantwortungslosigkeit, Arroganz, Apathie, Bestechung und Bestechlichkeit scheinen typisch für die offensichtlich dysfunktionale Verwaltung.

In seinem 2018 erschienenen Roman Dama de cupă thematisiert Iulian Ciocan die verbreitete Korruption in der Republik Moldau. Nicht nur die Oligarchen, die aufgrund ihres angesammelten Reichtums Einfluss auf die Politik nehmen, sondern auch für staatliche Funktionsträger wie Polobok und seine Kollegen vom Rathaus ist oft Geld die Leitlinie fürs Handeln. Dafür wird schon mal „Raub als ein ehrliches Geschäft“ getarnt, versuchen sich doch alle zu bereichern, wo es nur geht.

Polobok träumt nun allerdings, dass die Ursache für dieses sich ausweitende Loch, das ihm ein Höllenschlund zu sein scheint und aus dem er menschliche Schreie und Weinen zu vernehmen meint, sein erhebliches moralisches Fehlverhalten sei. Ihn überkommen Skrupel und er fühlt sich schuldig am nahenden Untergang Chişinăus. Doch seine diesbezüglichen Warnungen gegenüber anderen machen ihn, den einst bestechlichsten Beamten, der sich nun altruistisch gibt, nur verdächtig. In seiner Not bittet Polobok eine Wahrsagerin um Rat. Diese suggeriert folgendes: Wenn die Königin der Kelche – so benannt nach einer Tarot-Karte – ihm verzeihe, könne die drohende Katastrophe noch verhindert werden. Bevor sie ihm ein üppiges Beratungshonorar abknöpft, bezeichnet die Wahrsagerin Polobok schmeichelnd und in ironischer Verkehrung der Tatsachen nach einer anderen Tarot-Karte als ‚König der Schwerter’, denn die Karte steht für einen, klugen, klar und analytisch denkenden, souveränen und entschlossen handelnden Mann. Polobok grübelt, wer diese Königin sein könnte: seine Frau, die er oft betrog, eine seiner zahlreichen Geliebten oder etwa die attraktive Journalistin von der Zeitung „Der Feind der Korruption“, der er in einem Wutanfall die Kamera zerstört hatte? Seine Versuche, diese Frauen um Verzeihung zu ersuchen, sind bittere Gänge, laufen allerdings allesamt ins Leere.

Parallel zu Poloboks Odyssee zwecks Rettung der immerhin „europäischen Hauptstadt“ entfaltet Ciocan in einem Reigen kleiner Episoden um diesen Abgrund ein Gesellschaftspanorama, das von einer Kluft zwischen der vermögenden Oberschicht und der übrigen Bevölkerung gekennzeichnet ist. In diesem „Land der Armut und Korruption“, dem „Reich der ewigen Transformation“, das seit über dreißig Jahren mit den Schwierigkeiten einer demokratischen Entwicklung kämpft und in dem sich prorussische und prowestliche Kräfte gegenüberstehen, leiden viele Menschen an Perspektivlosigkeit. Hinzu kommt nun zusätzlich die Bedrohung durch das sich ausbreitende Loch, das jedoch Arm und Reich ohne Unterschied verschlingt. Da sind die Leute, die für ein bisschen Wohlstand lange schuften, oder arme, einsame Rentner, die im einfachen Wohnblock aus der sozialistischen Sowjetzeit wohnen und obdachlos werden, als dieser im Abgrund verschwindet. Sie alle begehren auf gegen die da oben, demonstrieren, stürmen das Rathaus, gründen die „Anti-Loch-Partei“.

Ein Mann will mit der mühevollen bürokratischen Beantragung der rumänischen Staatsangehörigkeit dem Elend in der Moldau entkommen. Als er den Pass endlich hat, stürzt er samt Möbelwagen in den Abgrund. Mit dem Thema einer Grube, die das ganze Übel der Übergangszeit ab 1991 einsammelt und zusammen mit der Stadt verschlingt, findet ein selbstmitleidiger Schriftsteller aus seiner Schaffenskrise, verstirbt allerdings kurz darauf an einem Herzinfarkt. Ein Philosophieprofessor plant ein Buch über den Erdschlund als Indiz für die Existenz eines „wunderbar-seltsamen Raums“. Damit will er die von Lucian Blaga, einem Kulturphilosophen, begründete und für die rumänische Kultur sehr bedeutsame Theorie vom „mioritischen Raum“ übertreffen. Doch als seine Frau von ihrem Geliebten, einem Schweinezüchter, zu ihm zurückkehrt, verlässt ihn die Inspiration.

All diese zahlreichen Begebenheiten sind nicht von gleicher Relevanz, manche scheinen beliebig. Es werden mitunter Alltäglichkeiten geschildert, wie zum Beispiel das Gerangel zwischen drei Nachbarn um einen Parkplatz, die danach in das Loch stürzen. Einige Episoden hätten in ihrer Knappheit Stoff für eine eigene Story, werden dann aber nicht weiter ausgeführt. Diese Vorkommnisse schaffen aber mosaikartig ein quälend tristes Bild vom Leben der Einwohner, von ihren zumeist groben, lieblosen Beziehungen untereinander und von der unwirklichen Situation in der Stadt.

Die Figuren scheitern mit ihren Vorhaben, ihre Handlungen sind nicht von Erfolg gekrönt. Sie tragen teils sprechende Namen – Polobok (poloboc – Fass) spielt auf die Leibesfülle an –, die jedoch nicht immer einen klaren Bezug zur betreffenden Person haben. Der Bürgermeister heißt cartof (Kartoffel), der Referent Coţetov (coţet – Stall), die Journalistin Mereacre (Saure Äpfel). Sie sind eher schematische Typen als Individuen, kaum sympathisch und teils karikaturesk überzeichnet.

Schließlich versinkt auch das private Krankenhaus und reißt Ärzte wie Patienten, letztere durchweg unzufrieden mit der dortigen Behandlung, mit sich. Im Land schaut man voller Verachtung und Schadenfreude auf die Hauptstadt mit ihrer unfähigen Stadtverwaltung. Bis es auch dort losgeht.

Mit diesem dystopischen Roman in 26 Kapiteln, Teil einer Tetralogie des Übergangs, fokussiert sich Ciocan auf persönliche Dramen, schwere Schicksale, vor allem aber auf Missstände in der stark hierarchisierten Gesellschaft der Moldau. Recht schematisch nimmt er Wohlstandsgefälle, Armut und Reichtum, Versorgungsmängel, Gleichgültigkeit, Opportunismus, moralisches Fehlverhalten sowie die gegensätzliche Orientierung der muttersprachlich russischen und rumänischen Bevölkerung aufs Korn. Das absurde, Märchenhaftes assoziierende Loch steht dabei metaphorisch für Niedergang, ja sogar für Untergang.

Der Roman ist eine bissige Satire auf ein ernstes Problem, ist die Republik Moldau doch derzeit das drittärmste Land Europas und stünde mit dem Anfang 2026 von der Präsidentin unterbreiteten Idee, die Vereinigung mit Rumänien anzustreben, tatsächlich vor der Aufgabe seiner Souveränität.

Julia Richter hat eine sehr gut lesbare Übersetzung vorgelegt.

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Iulian Ciocan: Die Königin der Kelche.
Aus dem Rumänischen von Julia Richter.
Edition Noack & Block, Berlin 2025.
168 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783868132083

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