Debütierende ohne Geschlecht – geht das?

Von Bozena Anna BaduraRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bozena Anna Badura

Worauf achten Sie, wenn Sie in der Buchhandlung Ihres Vertrauens den Blick über die ausgestellten Bücher schweifen lassen? Sind es der Titel und die Covergestaltung? Oder ist es eher der Name, der darauf steht? Wenn Sie nun beim Namen gelandet sind, welche Rolle spielt dann für Sie bei einem unbekannten Namen das Geschlecht? Schließen Sie vom Geschlecht der/des Schreibenden auf bestimmte Qualitätsmerkmale des Buches? Würden Sie dasselbe Buch, abhängig davon, ob darauf ein männlicher oder weiblicher Name steht, anders bewerten? Und warum?

Bereits seit einigen Jahren werden wir zu Augenzeugen eines gesellschaftlichen Wandels, wobei viele der gängigen Diskurse darauf zielen, die bestehenden Systeme und Strukturen zu sprengen. Chancengleichheit und Teilhabe für alle werden auf allen Ebenen des Lebens zum Programm. Die früher so begehrten Begriffe, wie zum Beispiel Privilegien oder Dominanz, bekommen plötzlich einen bitteren Beigeschmack und der alte weise Mann wird nun weiß und verachtet. Gegen die Gatekeeper aller Art wird eine gnadenlose Hetze betrieben, während in dem vermeintlich weltoffenen kulturellen Bereich die ‚Cancel Culture‘ wütet. Im Literaturbetrieb erklingt ein lauter Ruf nach schreibenden Frauen. Nun soll das sogenannte schwache Geschlecht an den Stift und die Macht! Aber sieht die Situation der Autorinnen doch vielleicht erfreulicherer aus, als man dies vermuten würde?

Zugegeben: Die Liste kanonisierter Werke der (Welt-)Literatur mutet sehr männlich an. Da die meisten dieser Titel aber aus einer Welt stammen, die tatsächlich männerdominiert war, dürfte dies nur wenig überraschen. Die klare Geschlechterregelung sah damals vor, dass es eben Männer sind, die studieren, die Welt bereisen und sich zu philosophischen und politischen Stammtischen treffen, währenddessen die Frauen die gemeinsamen Kinder und die häusliche Feuerstelle hüten, stricken und musizieren. Dieser Unterschied in den Lebens- und Erfahrungsbereichen beider Geschlechter übertrug sich auf die thematische Ausrichtung der produzierten Literatur. So handelten die früheren Werke der Frauen meist tatsächlich weniger von der großen Welt oder philosophischen Fragestellungen, sondern vielmehr von Situationen aus dem Alltag sowie der emotionalen Entwicklung ihrer ProtagonistInnen. Auch wenn eine solch harte thematische Grenzziehung zwischen beiden Geschlechtern seit einigen Jahren nicht mehr möglich wäre, sind die Spuren dieser alten Zeiten heute noch im Leseverhalten beider Geschlechter auszumachen. Denn wie Ozen Odağ in ihrer empirischen Rezeptionsstudie zur emotionalen Beteiligung von Männern und Frauen beim Lesen narrativer Texte zeigte, konzentrieren sich Frauen mehr auf die Figuren und ihr Innenleben, wobei sich bei den Männern als dominanter Lesemodus der Fokus auf die Handlung der Erzählung feststellen ließ.

Erfreulicherweise leben wir heutzutage in einer anderen Welt, in der sich die Lebensbereiche beider Geschlechter weitgehend angeglichen haben. Und in dieser Welt sind schreibende Frauen nicht mehr wegzudenken.

Es ist schwierig, für die Gesamtzahl der Erscheinungen der letzten Jahre belegbare Behauptungen aufzustellen, doch eine Analyse der für den Bloggerpreis für das beste Debüt des Jahres eingereichten Titel weist eine spannende Dynamik auf. Zuvor ist einzuräumen, dass es sich hierbei nicht um die Gesamtzahl aller Debütromane der jeweiligen Jahre handelt, sondern nur um die eingereichten Titel, wobei die Einreichung keinerlei Einschränkungen unterliegt. Und obwohl die im weiteren aufgeführten Zahlen nicht die Gesamtzahl aller im jeweiligen Jahr veröffentlichten Titel abbilden, lassen sie sich als eine repräsentative Probe auffassen. Und Sie, liebe Leserin und lieber Leser, sind herzlich dazu eingeladen, die Website www.dasdebuet.de zu besuchen und die vorgeführten Zahlen zu überprüfen.

Die Analyse der fünf Jahrgänge dieses Preises (2016 bis 2020) ergab, dass sich der Anteil der Frauen an den eingereichten Debütromanen mit Ausnahme des Jahres 2018 (45 Prozent) immer zwischen 52 und 62 Prozent bewegte. Auch auf der Shortlist waren konstant mindestens drei Frauen zu zwei Männern vertreten. Viermal wurde mit dem Bloggerpreis für Literatur ‚Das Debüt des Jahres‘ eine Frau ausgezeichnet und einmal ein Mann. Betrachtet man also die für den Bloggerpreis für Literatur ‚Das Debüt des Jahres‘ eingereichten Titel, ist festzustellen, dass Frauen keinesfalls unterrepräsentiert oder nicht ausreichend beachtet werden.

Wer sind aber diese Debütantinnen? Kann man sie irgendwie in eine Schublade stecken, um sie besser zu verstehen? Solche Versuche wurden bereits Ende der 90er Jahre unternommen, als man in dem Literaturbetrieb das Fräuleinwunder ausgerufen hatte. Dem Fräuleinwunder wurden unter anderem Julia Franck, Judith Hermann, Mariana Leky, Alexa Hennig von Lange, Juli Zeh, aber auch Karen Duve und Silvia Schymanski zugeordnet. Zwanzig Jahre später würde diese Autorinnen wahrscheinlich niemand mehr so eng miteinander in Verbindung bringen. Sie gelten als etablierte Größen, stehen für unterschiedliche Genres und Themen, wurden mit Preisen ausgezeichnet und allem voran: Sie werden gern gelesen.

Es muss aber doch irgendwelche Möglichkeiten geben, diese Debütantinnen zu gruppieren, könnte ein ungeduldiger Leser respektive eine ungeduldige Leserin dieses Beitrags insistieren. Was ist mit dem Micro Pony oder mit dem Messy Bun am Kopfende? Augenzwinkern.

Würde man trotz allem versuchen, eine Gruppierung vorzunehmen, würde sich vielleicht ihre (angenommene) Motivation zum Schreiben dafür eignen. Allerdings gelte diese Einordnung gleichermaßen für die schreibenden Frauen wie für schreibende Männer. Die erste Gruppe, und heutzutage wohl die zahlreichste, sind Debütierende, die das Schreiben als ihren (zukünftigen) Beruf auffassen. Sie haben das Schreiben studiert oder es sich an einem der außeruniversitären Schreibinstitute oder in einem Schreibkurs beibringen lassen und wollen damit in der Zukunft ernsthaft ihre Unterhaltkosten bestreiten. Die zweite Gruppe von Debütierenden sieht das Schreiben eher als Herausforderung. Sie haben bereits die ersten Erfahrungen auf dem Theater oder während ihrer journalistischen Tätigkeit gesammelt und wollen sich nun am Schreiben der langen Prosaform erproben. Die dritte Gruppe von Debütierenden hat die sozialen Netzwerke verstanden, dort bereits eine absatzstarke Community aufgebaut und will diese nun auch mithilfe des Literaturbetriebs monetarisieren. Zu dieser Gruppe gehören auch weitere Berufsgruppen aus dem Bereich der Unterhaltung, die ihren Bekanntheitsgrad und den herrschenden Personenkult dafür nutzen, hohe Absatzzahlen zu erzielen. Die vierte, sehr kleine Gruppe von Debütierenden betrachtet ihren Debütroman als eine Kirsche auf dem Sahnehäubchen ihrer beruflichen Laufbahn. Denn ein Zusatz „und Autor“ bzw. „und Autorin“ macht sich ja bekanntlich immer gut. Und wie diese vier Gruppen vermuten lassen, kommen die neuen Stimmen immer seltener aus dem Nichts. Die fünfte und letzte Gruppe von Debütierenden umfasst die Verkörperung des Genies. Es sind alldiejenigen, die aus einem unerklärlichen inneren Drang schreiben, die sich aus den aktuellen Vorlieben der kaufenden Leserschaft wenig machen, die sich nicht nach aktuellen Debatten richten, sondern schreiben, weil die Wortflut, die im Inneren der Seele brodelt, aufs Papier muss. Müssten sich die Schreibenden selbst einordnen, wäre dies wohl die zahlreichste aller Gruppen. Doch wir können unter uns ehrlich bleiben. Dieser Gruppe wären wahrscheinlich die wenigsten Debütierenden zuzuordnen.

Außerdem gilt heutzutage öfter denn je der Satz, dass Bestseller nicht geschrieben, sondern gemacht werden. So entscheidet zunehmend eine gelungene Marketingstrategie darüber, ob ein Buch sich oft genug verkauft, um als erfolgreich zu gelten. Denn ob ein Buch sich auf der Welle bewegt, oder gänzlich untergeht, hängt zunehmend weniger davon ab, welchen Geschlechts die schreibende Hand ist, sondern vielmehr davon, wie man die vermeintlichen Schwächen in individuelle und einzigartige Stärken umwandelt. Es gelten Selbstvermarktung und Markenentwicklung. Dabei gibt es nach wie vor viel zu viele Frauen, die ihren ausbleibenden Erfolg mit dem Frausein, statt mit der schlechten Vermarktung erklären. Zudem gelte es vielmehr neue Gegenentwürfe zu entwickeln, statt die Kraft für den Angriff auf die bestehenden, oft eingefahrenen Strukturen zu verlieren.

Eine Diskussion über Feminismus ist entscheidend, um strukturelle Veränderungen anzustoßen und manche als normal geltenden Zustände oder Geschlechterbilder infrage zu stellen. Doch dabei darf es nicht bleiben. Dennoch warten viele schreibende Frauen untätig in der Ecke, lassen sich aus Protest oder einer Passivität Achselhaare wachsen, und hoffen, jemand würde vor ihnen den roten Teppich ausrollen und sie auf die Bühne führen. So geht das nicht. Als ‚Frau vom Lande‘ vor dem Gesetz zu sitzen und die Türhüter mit dem Ausbleiben einer Rasur zu erpressen, zu versuchen, sie auf alle möglichen Arten zu bestechen, ist keine erfolgversprechende Lösung. Die Frauen sollten sich also weniger darüber beschweren, sie würden nicht in die Strukturen aufgenommen, sie hätten kein Anrecht auf Teilhabe. Stattdessen sollen sie ihre Unsicherheiten ablegen, tief einatmen, die Siegerpose einnehmen und selbstbewusst die Klinke runterdrücken. Die Tür ist offen.

Müssten wir – die Leserinnen und Leser – zudem nach zwei Jahrhunderten der Aufklärung, nach einem gewaltigen Wissenszuwachs und mit einem durchschnittlich höheren Bildungsgrad nicht klüger sein und behaupten können, die Geschichte des Romans ist, was zählt, nicht der Name auf dem Buchcover oder das sich dahinter verbergende Geschlecht? Zum wiederholten Male in meinem Leben entpuppe ich mich als eine unverbesserliche Idealistin. Nein. Es ist nicht egal, weil die Autorinnen und Autoren viele Jahre um das Urheberrecht gekämpft haben. Und ja, auch Schreibende müssen ihre Miete bezahlen. Dennoch plädiere ich für eine geschlechtslose Lektüre. Für die Analyse des Textes an und für sich, statt in Bezug darauf, ob diesen nun eine Frau oder ein Mann geschrieben habe.

Lassen Sie sich mal auf ein Experiment ein und lassen Sie sich in der Buchhandlung Ihres Vertrauens einige Buchtitel empfehlen, ohne dass Ihnen verraten wird, wessen Hand diese Bücher geschrieben hat. Vielleicht entdecken Sie dann nicht nur völlig neue Namen, sondern auch, dass das Denken in Kategorien auch einschränken kann.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen