Weder Bild noch Ornament

Allzu viele Mängel schmälern den Wert von Lucy Delaps Sachbuch „So sieht Feminismus aus“

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Chimamanda Ngozi Adichie ist nicht nur die bekannteste Feministin Nigerias, sondern eine der prominentesten Frauenrechtlerinnen weltweit. Wer aber hat schon einmal etwas von der ebenfalls nigerianischen Feministin Funmilayo Ransome-Kuti gehört? Nun, in Lucy Delaps umfangreichen Sachbuch So sieht Feminismus aus lässt sich einiges über die 1978 bei einer Räumungsaktion des Hauses ihres Sohnes getötete „Aktivistin für Frauenrechte, Sozialismus und Panafrikanismus“ erfahren. Zahlreiche andere kaum bekannte Feministinnen aus aller Welt werden mitsamt ihren Theorien und Aktivitäten ebenfalls mal mehr, mal weniger ausführlich vorgestellt. So etwa die „experimentierfreudige“ Utopistin und Frauenrechtlerin Pandita Ramabai oder Meena Keshwar Kamal, die 1987 ermordete Gründerin der Afghanischen Frauenrechtsorganisation RAWA.

Doch informiert der Band nicht nur über Leben und vor allem Wirken etlicher Feministinnen aus den letzten 250 Jahren. Er bietet zudem weithin unbekannte Informationen rund um die Themenfelder Frauenunterdrückung und feministische Aktivitäten. So ist etwa nachzulesen, welche „[a]frikanischen Alternativen“ es zu Tampons gibt, dass das Spekulum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert von einem „Sklavenhändler aus Alabama“ erfunden wurde, der Sklavinnen mit dem Instrument missbrauchte, oder dass chinesische Feministinnen „Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss der anarchistischen Bewegung mit militanten Störungs- und Konfrontationstaktiken [begannen]“ und „1792 in Sierra Leone indigene Hauseigentümerinnen das Frauenwahlrecht erhielten“, welches ihnen von den Briten allerdings wieder entzogen wurde, als diese das Land 1808 kolonialisierten.

Es wäre naheliegend gewesen, den Lesenden die reichhaltigen Informationen des Buches in einer chronologischen oder geographischen Anordnung darzubieten. Hinweise darauf, „wie Anschauungen, Menschen und Texte immer wieder Grenzen überqueren und auf diese Weise eine Vielzahl an ‚Überscheidungspunkten’ geschaffen haben“, hätten dabei ebenso einbezogen werden können wie Informationen über „unerwartete Verbindungen und Resonanzen quer durch verschiedene feministische Generationen und Epochen“.

Delap hat sich stattdessen jedoch für die „diffusere[.] Vorstellung eines ‚Feminismusmosaik[s]“ entschieden, das Schlaglichter auf „spezifische[.], regionale[.] Konstellationen von Ideen“ richtet, „die dazu führten, dass sich feministische Träume, Konzepte, und Aktionen entwickeln, diese aber auch infrage gestellt werden konnten“. Wichtig war ihr dabei, die „gewohnte Ausrichtung rund um Europa“ zu  „provinzialisier[en]“, indem sie vor allem „Geschichten anderer Netzwerke und Orte erzählt“, die „sich mit Traditionen befassen, die islamischen, Schwarzen, indigenen und lesbischen Feminismus einbeziehen“. Hierbei „wechsel[t]“ die Autorin immer wieder „perspektivisch zwischen Weitwinkelaufnahmen unterschiedlicher feministischer Ansichten oder Aktionen und Nahaufnahmen der Leben einzelner Frauen“. Gelegentlich flicht Delap auch schon mal Anekdoten aus dem Leben einer Frauenrechtlerin ein. So versäumt sie etwa nicht anzumerken, dass die große und großartige englische Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft Charles Tallerey Wein in einer Teetasse „servier[en]“ musste, weil sie zu arm war, um sich ein Glas leisten zu können.

Entsprechend ihrer an ein Mosaik angelehnten Konzeption des Bandes hat die Autorin das Buch in neun Abschnitte eingeteilt, deren Themen zwar eine große Spannbreite abdecken, allerdings auch etwas willkürlich und disparat erscheinen: „Träume“, „Konzepte“, „Räume“, „Objekte, Dinge, Gegenstände“, „Mode“, „Gefühle“, „Aktivismus“ und schließlich „Lieder, Parolen, Klänge“.

Auch in einigen der Kapitel selbst werden mehrere Themen behandelt, die sich nicht immer ohne weiteres zusammenbringen lassen. So werden im Abschnitt „Gefühle“ gemäß den Titeln der Unterabschnitte: „Feministische Wut“, „Liebe“, „Mutterschaft“ und „Globale Netzwerke“ erörtert. Und schon im ersten Abschnitt „Träume“ stellt Delap einerseits „[n]ächtliche Träume“ von Frauenrechtlerinnen vor, „die uns daran erinnern, wie schwierig es ist, nach feministischen Prinzipien zu leben“, andererseits aber auch politische und literarische Utopien. Während die Autorin wenig überzeugend erklärt, dass die Träume „einen sehr persönlichen, intimen Einblick in die Beweggründe“ gewähren, „aus denen feministischer Aktivismus entstanden ist“, erweist sich ihr Vergleich des von der bengalischen Autorin Rokeya Sakhawat Hussain in dem Roman Sultana’s Dream (1905) entworfenen „Ladyland“ mit der utopischen Frauengesellschaft in Herland (1915) von Charlotte Perkins Gilman als durchaus interessant.

Im Abschnitt „Konzepte“ stellt die Autorin feministische Thesen, Theorien und eben Konzepte vor, deren Abrisse in ihrer Kürze zwar recht oberflächlich ausfallen mögen, aber doch erste Einblicke gewähren und zur Beschäftigung mit den Primärtexten anregen können.

Nicht immer ganz so überzeugend fallen ihre Ausführungen in dem feministischen ‚Moden’ gewidmeten Kapitel aus. Zwar hat sie auch hier einiges Interessantes etwa über Bloomer, Latzhosen oder Pussy Hats zu bieten. Ihre Ausführungen über „Frauenkleidung“, die „oft gezielt als Schutz vor Belästigung auf der Straße oder am Arbeitsplatz [dient]“, sind hingegen ausgesprochen fragwürdig. Als Beispiele nennt sie ausgerechnet „Verschleierung und Verhüllung“, die zwar „oft als Form der Unterdrückung interpretiert“ würden, tatsächlich aber „feministisches Potential“ besäßen. Immerhin weist sie auch darauf hin, dass „islamische[.] Revolutionäre im Iran die eingeführte Pflicht zum Tragen des Schleiers gnadenlos nutzten“, „um die Trennung der Geschlechter zu betreiben und Frauen wieder aus dem öffentlichen Leben zu verbannen“. Allerdings wird dies sogleich mit der Bemerkung abgefedert, „Feminismus“  habe „im Islam eine lange Tradition“. Da kann es wenig verwundern, dass Delap den islamistischen Kampfbegriff der „Islamophobie“, mit dem jegliche Islamkritik diffamiert und pathologisiert werden soll, ebenso gedanken- wie bedenkenlos übernimmt.

Dafür geißelt sie wiederholt den angeblich „weitverbreiteten Rassismus innerhalb der Frauenbewegungen“ und behauptet, der „europäische[.] Feminismus“ sei „an rassistischen Merkmalen orientiert[.]“. Sie selbst weist sich dadurch als Antirassistin auf der Höhe des linken Zeitgeists aus, dass sie eine von einer bestimmten antirassistischen Strömung bevorzugte Schreibweise übernimmt, der gemäß das Adjektiv „weiß“ stets kursiv und das Adjektiv „schwarz“ stets groß geschrieben wird, wenn es sich auf Menschen bezieht. Verwirrend ist, dass die Kursivierung auch in Zitaten aus historischen Texten eingesetzt wird, so dass nicht klar ist, ob Delap ihnen diese Schreibweise oktroyiert oder das Wort schon in den Quellen kursiv gesetzt ist, was dann natürlich andere Gründe hätte. So behauptet Delap etwa die Erkenntnis, „dass ein Feminismus, der für Zusammengehörigkeit steht, auch Grenzen setzt“, sei von der „afroamerikanische[n] Aktivistin Frances Watkins Harper (1825–1911) bereits 1866 auf den Punkt [gebracht worden]: ‚Ihr weiße Frauen, ihr redet hier von Recht. Aber ich Rede von Unrecht.’“ Da es sich um ein Zitat aus einer Rede (auf dem 11th Women’s Rights Convention) handelt, scheint es doch recht unwahrscheinlich, dass Watkins Harper das Wort „weiß“ kursiv ausgesprochen hat. Tatsächlich sagte sie „You white women speak here of rights. I speak of wrongs.“ Nachzulesen ist die Rede hier.

Delaps Eingriff in den historischen Text verwundert umso mehr, als sie selbst betont, dass es „irreführend“ ist, „sich aus der Perspektive unserer viel später entstandenen ideologischen Überzeugungen mit ihnen zu befassen“.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die nicht eben seltenen Ungenauigkeiten. So ist Robin Morgan nicht die „Autorin“ des Buches Sisterhood is powerfull, sondern die Herausgeberin der Texte verschiedener Feministinnen umfassenden Anthologie. Ursula K. Le Guins Roman Die linke Hand der Dunkelheit wiederum bietet keineswegs eine „Vision […] von der Auslöschung des Geschlechts“, sondern eine Geschlechterutopie ganz anderer Art.

Auch wird das Drama von Charlotte Perkins Gilmans erster Ehe durch Auslassungen grob verzerrt, wenn es nur heißt: „Sie sah sich gezwungen erfinderisch und unabhängig zu werden, auch nachdem sie 1884 geheiratet hatte. Ihre finanzielle Situation wurde noch schwieriger, nachdem sie den relativ ungewöhnlichen Schritt gewagt hatte, sich 1888 von ihrem Ehemann zu trennen.“ Gleiches gilt für das vielfältige Schaffen der multitalentierten Autorin, die Delap zufolge, „in ihren Werken Spiritualität und Zukunftsvision mit darwinistischen und eugenischen Standpunkten [verwoben]“ habe. Perkins Gilmans Philosophie oder ihre ökonomischen Theorien sind ihr hingegen nicht der Erwähnung wert.

Manche Ungenauigkeiten sind allerdings auch der sprachlich überhaupt oft sperrigen Übersetzung von Alexandra Hölscher anzulasten. Aus einer Stelle, die besagt Olive Schreiner „had used both fiction and polemic “ wird in Hölschers Übertragung die irritierende Behauptung, die südafrikanische Feministin habe „sowohl fiktive als auch polemische Texte geschrieben“. Die auf die ebenfalls im 19. Jahrhundert lebende Brasilianerin Nisia Floresta Brasileira Augusta bezogene Feststellung „She had been briefly married at thirteen, then had two children with another man, only to be widowed, leaving her with a baby and a toddler“ übersetzt Hölscher wiederum wie folgt: „Mit dreizehn Jahren war sie kurz verheiratet, bekam dann zwei Kinder von einem anderen Mann, der verstarb und sie als Witwe mit einem Säugling und einem Kleinkind zurückließ“. So wird die Frau durch den Tod eines Mannes, mit dem sie nicht verheiratet war, zur Witwe. Doch auch Hölschers Übersetzung einzelner Worte ist gelegentlich fragwürdig. So etwa, wenn sie in Bezug auf die ursprünglich kanadischen Slut-Walks nicht wie üblich von „Schlampen-Märschen“, sondern von einem „Nutten-Marsch“ spricht und betont: „‚slut’ also Nutte“.

Unabhängig von solch einzelnen Kritikpunkten fügt sich Delaps Mosaik des weltweiten Feminismus nicht zu einem Ganzen zusammen, weder zu einem Bild, noch zu einem Ornament. Das mag an der Sache selbst liegen oder auch in der Absicht der Autorin. Jedenfalls schmälern die genannten Mängel den Lektüregewinn des Buches insbesondere für die Wissenschaft. Dies umso mehr, als Zitate allzu oft nicht ausgewiesen und wichtige Tatsachenbehauptungen nicht immer belegt werden.

Titelbild

Lucy Delap: So sieht Feminismus aus. Die Geschichte einer globalen Bewegung.
Aus dem Englischen von Alexandra Hölscher.
Blessing Verlag, München 2022.
447 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783896677129

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