Dichterleben und dichter leben
Katrin Askan erzählt in „Dichter“ von einer besonderen Freundschaft im Saarland
Von Werner Jung
Ich gestehe es freiwillig und unumwunden: Ich bin befangen! Rundum. Denn ich habe sie alle gekannt – oder doch fast alle, die im Roman von Katrin Askan vorkommen, jedenfalls die Familien der beiden Protagonisten Benno und Johannes, Johann, Schang, des Dichters und Lyrikers Johannes Kühn, und die seines Freundes Benno Rech, des Lehrers und – ja, was eigentlich? – Mentors von Johannes, aber auch die Freunde und Vertrauten, seien es die Schriftsteller Ludwig Harig und Arnfrid Astel oder Felicitas Frischmuth, Journalisten und Radiomenschen wie Fred Oberhauser oder bildende Künstler wie Leo Kornbrust.
Kennen- und schätzen gelernt habe ich sie durch Ludwig Harig, mit dem mich eine seit 1986 andauernde Freundschaft bis zu Ludwig-Luckels Tod 2018 verbunden hat und dessen Herausgeber ich dann – gemeinsam mit Benno Rech und dem befreundeten Germanistenkollegen von der Saarbrücker Universität Gerhard Sauder – geworden bin. Anlässlich der Preisverleihung des Walter-Hasenclever-Literaturpreises der Stadt Aachen an den Lyriker Peter Rühmkorf, bei der Ludwig die Laudatio gehalten hat, habe ich – während der gesamten Veranstaltung nicht von der Seite Ludwigs weichend – Benno zum ersten Mal gesehen, bereits wenige Wochen später dann wieder im Saarland, wo auch Bennos Gattin Irmgard dabei war und wir gemeinsam eine Waldwanderung entlang eines kleinen Bächleins mit dem Ziel eines Forellenhofes unternahmen.
Und Johannes, der Dichter? Er war, ich weiß nicht mehr genau wann, aber doch rasch ebenfalls mit dabei, als wir uns – Ludwig, Benno und ich – in Hasborn, Johannes’ Geburtsort im Saarland, beim Gasthof Huth trafen, genau dort, wo Johannes seit Jahren und Jahrzehnten bereits tagtäglich in seiner Ecke saß, seine billigen Zigarrenstumpen rauchte, Kaffee trank und Gedicht um Gedicht an seinem Wirtshaustisch schrieb. Hier beim Huth trafen wir uns samstagsvormittags, erst einmal, wo noch ein weiterer saarländischer Freund und Verwandter Bennos, Emil Warken, ebenfalls Sponsor des Dichters, anwesend war, dann, nachdem ich 2010 in ein Hunsrück-Dörfchen gezogen bin, häufiger. Immer samstags. Immer vormittags. Für etwa zwei Stunden. Wir schwätzten über Gott und die Welt, um uns zumeist festzuhaken bei der Literatur und dem Fußball. Beides Stoff für endlose Geplänkel wie durchaus ernstzunehmende Diskussionen. Ludwig, der zeitlebens (bis zum fürchterlichen Versinken in der Demenz) täglich produktiv war, gab immer etwas Neues zum Besten, aber auch Johannes, der stille, scheue, zurückhaltende Dichter, schaltete sich mit lakonischen Kommentaren ein, wobei Benno und ich häufig nur als Stichwortgeber auftraten.
Aber wir trafen uns nicht nur beim Huth, sondern besuchten uns gegenseitig, bei Ludwig und Brigitte in Sulzbach (Saar), bei Benno und Irmgard in Thalexweiler oder auch bei mir in Langweiler. Die Kunst, die Literatur, das Erzählen, Ludwigs Texte, Johannes’ Gedichte – wieder und wieder bildeten sie den Anlass für grundsätzliche ästhetische und poetologische Reflexionen. Von hier aus ging’s dann nahtlos zum Zustand der Welt und dieser Republik über, zu Möglichkeiten einer Veränderung zum Besseren, zum Guten, das durchaus vom Saarland und der saarländischen Mentalität ausgehen könnte – von Ludwig im Begriff der ‚saarländischen Freude‘ zusammengefasst. Wir veranstalteten Lesungen und Diskussionsrunden, sorgten für die Verbreitung der Werke Ludwigs und auch der von Johannes, beschlossen irgendwann Ende der 90er Jahre, eine Gesamtausgabe von Ludwig Harigs Texten im Hanser Verlag herauszugeben, und Benno – im Saarland bestens vernetzt – organisierte dazu die finanziellen Mittel. Es folgten über die Jahre, in denen die am Ende zehnbändige Ausgabe entstand, viele Treffen im Hause Harigs, alleine von mir oder mit allen drei Herausgebern, bei denen an und mit den Texten für die Edition gearbeitet wurde.
Ich erinnere mich weiter an große und großartige Geburtstagsfeiern im Saarland, anlässlich von Ludwigs 70., 75., 80. Geburtstag, oder an die würdige Veranstaltung anlässlich von Johannes’ 80. Geburtstag in der Saarbrücker Staatskanzlei. Viele, viele gemeinsam verbrachte Stunden in geselligen Runden, mit angeregten Gesprächen, bei gutem Essen und noch besserem Trinken – zugleich spannend wie auch entspannt.
Hinter allem hätte man die Schiller’sche Vorstellung vom Ästhetischen sehen können, mindestens in den Augen Ludwigs, für den die Spieltheorie des Klassikers ebenso für das Reich der Kunst wie für das der noch weitergehenden Lebenskunst Gültigkeit besaß. Und darin konnte er – auch für Nicht-Saarländer – ansteckend sein.
Ich gestehe es also nochmals: Ich bin befangen! – Früh hatte ich von Irmgard und Benno erfahren, dass die (Ost-)Berliner Schriftstellerin Katrin Askan vorhatte, in Romanform ein Buch über sie, über Benno, Irmgard und Johannes, über eine – vom Ende her – dann 75jährige Freundschaft der beiden Männer zu schreiben. Lange zog sich dieses Projekt hin, und überaus skrupulös, hörte ich immer wieder, ging die Autorin dabei vor; Kapitel für Kapitel hielt sie nicht nur mit Irmgard und Benno Rücksprache, sondern nahm bereitwillig auch Änderungen und Korrekturen, wenn sie nötig waren, vor. Aber konnte so etwas überhaupt gutgehen? Ich war und blieb skeptisch. Bis zum Schluss. Sollte ich, ja wollte ich überhaupt den Roman lesen?
Schon die Neugier bewog mich allerdings dazu. Dennoch griff ich zunächst nur zögerlich nach dem Buch, blätterte hier und da, schaute mir den Prolog und den Epilog an, bemerkte ein wenig verwundert die Dreiteilung des Textes, die vielen eingestreuten Zitate aus Johannes’ Gedichten und Prosaarbeiten, um mich schließlich festzulesen – und am Ende davon überzeugt zu sein, dass Katrin Askan einen ganz vorzüglichen Roman geschrieben hat.
Sie erzählt darin chronologisch die Freundschaft der beiden saarländischen Dorfjungen Benno und Johannes, beide aus bescheidenen Bergarbeiterfamilien, die sich – da es sonst keine besseren Ausbildungsmöglichkeiten nach dem Krieg gab – in einer Missionsschule (für angehende Missionare) 1948 kennenlernten und dabei rasch ihre gemeinsamen Interessen und Vorlieben entdeckten: insbesondere für die Literatur und Poesie. Und ebenso rasch offenbarte Johannes gegenüber Benno, selbst Gedichte zu schreiben, von denen der mit besonderem literarischen Gespür begabte Benno, ohne selbst produktiv zu sein, sozusagen ein Epimetheus, der schlagartig jedoch die Vorzüge und Genialität von Prometheus erkennt und verbreitet, sogleich ihre poetische Ausdruckskraft nachempfand. Bereits in dieser frühen Zeit, an die sich Bennos Studienjahre in Freiburg und Saarbrücken, kurze Zeit in Frankfurt anschließen, während Johannes – ohne Schulabschluss – zunächst ein Schauspielstudium beginnt, wieder abbricht, um schließlich als Hilfsarbeiter beim brüderlichen Unternehmen unterzukommen, bildet sich eine Art Symbiose zwischen den beiden sehr verschiedenen Freunden heraus, auf Bennos Seite auch das ständige Bedürfnis, den finanziell minderbemittelten Freund unbedingt unterstützen zu müssen – im Bewusstsein, dass dieser Freund ein gefährdeter Mensch ist, der sich stets am Abgrund befindet, weil er – durch und durch – ein Künstler-Dichter ist, und zwar einer, der (was sich freilich erst Jahrzehnte später in der Anerkennung durch berühmtere LyrikerkollegInnen wie Peter Rühmkorf, Wulf Kirsten, Reiner Kunze oder Hilde Domin sowie durch die erfolgreiche Publikation einiger Gedichtsammlungen im renommierten Hanser Verlag zeigen sollte) einen neuen, unverkitscht-romantischen Ton in die deutsche Naturlyrik gebracht hat.
Askan zeigt in ihrem Roman die divergierenden, z. T. weit auseinanderlaufenden Biographien – Benno, der nach einer abgebrochenen akademischen Laufbahn als Lehrer an der Seite seiner Frau, ebenfalls einer Lehrerin und durchaus populären Theologin (vor allem wegen ihrer Auftritte beim ‚Wort zum Sonntag‘ in der ARD), Karriere macht, eine Familie begründet und in den künstlerisch-kulturellen Netzwerken des Saarlandes bestens verankert ist; auf der anderen Seite Johannes, dessen psychische Erkrankung, die sich am ehesten noch mit der ursprünglichen Bezeichnung ‚abweichendes Verhalten‘ benennen, völlig unangemessen dagegen mit ,Schizophrenie‘ umschreiben lässt, sich stärker und stärker in Schüben zeigt (im Verfolgungswahn mit permanenten Ängsten, nicht anerkannt bzw. zurückgewiesen zu werden).
Johannes spürt dennoch undeutlich, über eine besondere dichterische Einbildungskraft oder eine poetische Phantasie zu verfügen, und hat dabei zeitlebens das Bild des Bergmanns vor Augen, der täglich Kohle aus dem Berg holt; wie dieser müsse er als Dichter jeden Tag neue Gedichte schreiben. „Manchmal fügt er hinzu, dass ein Dichter nicht bis zum wohlverdienten Ruhestand arbeitet wie ein Bergmann, sondern bis zu seinem letzten Atemzug die von ihm wahrgenommene Wirklichkeit in Verse überträgt. Aus Worten Bilder wie Mosaike zusammenzufügen, das sei für ihn so nötig wie das Luftholen.“ Dann wieder Benno, der trotz seines schulischen Engagements, seiner vielfältigen religiös-theologischen Bemühungen (etwa im Umfeld der kritischen katholischen Zeitschrift ‚imprimatur‘) und seiner Familie genügend Zeit aufbringt, um sich um den Freund zu kümmern, um ihn beim Schreiben zu unterstützen – seit 1960 hat er mit Johannes zusammen an dessen Texten gearbeitet und mit ihm um den bestmöglichen Ausdruck gerungen. Als es ihm schließlich gelungen ist, Michael Krüger vom Hanser Verlag für Johannes’ Texte zu gewinnen, agiert er als ständiger Bote für den Poeten Kühn.
Irgendwann, Askan datiert den Vorfall auf das Jahr 1991, auf das Jahr, in dem ein Fernsehjournalist auf Kühn aufmerksam geworden ist und ein Porträt von ihm senden möchte, dem bald achten Jahr des Verstummens des Dichters, seiner Wortlosigkeit, die noch bis ins Jahr 1993 anhalten soll, kristallisiert sich in einem der täglich stattfindenden Besuche Irmgards und Bennos im Zimmer des stummen Johannes ein Erkenntnismoment heraus, den die Erzählerin wie folgt beschreibt: „Als sie das Zimmer verlassen, schweigen sie. Und reden erst am Abend darüber. Dass ihnen beiden in diesem Moment bewusstwird, dass sie die Verantwortung, die sie für Johannes tragen, nie werden ablegen können – solange sie und ihr Freund leben. Sein Weg ist längst auch der ihrige.“
Das ist der Nukleus der Beziehung, den Askan mit unglaublichem Feingefühl in ihrem Text herausgearbeitet hat: die – um den wunderbaren Hegelschen Terminus einmal zu verwenden – ‚Bestimmung‘, die der Freund Benno die längste Zeit wohl nur gespürt hat und nun in Worte gefasst worden ist. Also vielleicht – und hier mische ich mich wieder als Freund der beiden ein – die Erkenntnis von Epimetheus, in Prometheus den Künstler, das Genie des Ausdrucks, wahrzunehmen und sich um ihn kümmern zu müssen. Bedingungslos und lebenslang. Diese Bestimmung hat er nicht nur selbst gelebt, sondern hat sie auch seiner Familie, seiner Frau Irmgard wie den beiden Kindern (und auch Enkelkindern), vermittelt. Herausgekommen, scheint mir, ist ein überaus intensives, ein dichtes Leben, das – kann man es sagen? darf man dies überhaupt sagen? – symbiotisch um ein anderes Dichterleben gekreist ist.
Am Ende – und dieses Ende steht im Mittelpunkt einer zweiten Erzählebene bei Askan, die die Schriftstellerin immer ‚Jetzt‘ nennt und die alternierend mit der ersten Erzählebene, auf der chronologisch die Freundschaft zwischen Benno und Johannes geschildert wird, sowie einer weiteren dritten Ebene sich durch das Buch zieht (einer Ebene, die freilich mir als Rezenten und Leser des Textes nur begrenzt eingeleuchtet hat und auf die Askan hätte verzichten können, denn sie bemüht eine KI-App, um sozusagen quasi-objektive Sachverhalte und Tatbestände zu notieren) – am Ende also, das zugleich mit dem Lebensende der beiden Protagonisten identisch ist, befinden sich Johannes und Benno im selben Pflegeheim, in dem „Benno, der elf Monate jünger war als Johannes, der Dichter, […] auf den Tag genau elf Monate nach ihm [starb].“
Ein exzellenter Text, ein grandioses Buch, eine wunderbare Erzählung, über deren weitere Aspekte noch vieles zu bemerken wäre: etwa, wie sich die Autorin selbst in ihren Roman hineinschreibt, mit ihrer eigenen Biographie, dem Verhältnis zu den Eltern, was sie über eine üble Begebenheit, die ihr im Literaturbetrieb widerfahren ist, erzählt, was sie über ihren weitgehenden Rückzug vom Betrieb berichtet und vieles andere mehr.
Lesen, lesen, lesen!
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
|
||















