Die Suche nach Identität und das Meer

Die niederländische Schriftstellerin Nikki Dekker geht in dem Roman „Tieftiefblau“ der Frage nach, wer wir sind, und findet verblüffende Antworten ausgerechnet bei Meeresbewohnern

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man darf den jetzt in deutscher Übersetzung im Residenz Verlag erschienenen Roman „Tieftiefblau“ wohl als ambitioniertes Beispiel für das sogenannte Nature Writing bezeichnen. Die Originalausgabe erschien 2022 in den Niederlanden als literarisches Debüt der 1989 in Amersfoort geborenen Autorin. Es folgten ein Essay- und Gedichtband und im Jahr 2024 Graafdier (auf Deutsch ‚Grabtier‘), worin sich Dekker mit dem Boden unter unseren Füßen befasst, um sozusagen literarische Tunnel durch die niederländische Landschaft zu graben. Dabei trifft sie nicht nur auf Maulwürfe, sondern auf eine Menge versunkene Geschichte.

In dem Roman tieftiefblau lauten die Kapitelüberschriften zum Beispiel „Plattfische“ oder „Guppys“, „Seepferdchen“ oder „Pottwal“. Ein paarmal heißt es „Schwimmunterricht“ oder einfach nur „Wasser“. Nicht nur vermittelt die Autorin Wissenswertes und Kurioses über die genannten und noch viele weitere Meeresbewohner, sondern sie vermischt das Wissen zugleich mit den elementaren Fragen des Menschseins und der Suche nach dem Selbst. Auch die Sexualität und all das, was wir nicht ganz zu Unrecht und durchaus sinnfällig Beziehungskisten nennen, spielen eine Rolle. Denn wo immer Liebe und Begehren mit im Spiel sind und sich außerdem noch Fragen der Identität mit aller Macht einmischen, geht es für gewöhnlich im Zwischenmenschlichen kompliziert und verwirrend zu. Und so fragt Dekker geradezu nietzscheanisch:

Was braucht es, um zu werden, wer man ist? […] Ich glaube, dass die Warum-Frage nach einer anderen Art Wissen sucht, nach der Bestätigung des Ichs. Nach dem Wissen, dass man nicht allein ist. Dass man sich in etwas wiedererkennen kann. Nach einem Spiegel, einer Wasseroberfläche.

Die Frage, ob „Tieftiefblau“ überhaupt als Roman gelten kann, ist nicht unberechtigt. Eine lineare Erzählung suchen wir darin vergeblich, aber das ist ja längst kein Kriterium mehr. Die Ich-Erzählerin, der die Autorin die Lebensgeschichten anvertraut, springt in den Zeiten hin und her, erinnert sich hier der Kindheit und Schulzeit, dort des Erwachsenenlebens, um im nächsten Kapitel wieder beim Schwimmunterricht in der Schule zu landen. Daruntergemischt sind all die Geschichten, die das Meer und seine Bewohner geschrieben haben. Es sind im wahrsten Sinne Parallelwelten, von denen wir für gewöhnlich nichts oder nicht allzu viel wissen. Und es ist, als ob die Autorin einen reichlich gefüllten Zettelkasten mit lauter Wissen, kuriosen Geschichten, literarischen Anspielungen und schließlich biografischen Erinnerungen in das Buch gekippt hätte, um es dann ordentlich zu verrühren. Manches passt auf Anhieb zusammen – so korrespondiert das Menschenleben mit der Meereswelt, und beide Sphären teilen sich überraschend plausibel einen gemeinsamen Sinn des Erzählten, erhellen sich sozusagen gegenseitig, überschneiden und ergänzen sich. Doch dann gibt es wieder Passagen, die beziehungslos nebeneinander herlaufen und bei denen die Kunst der gedanklichen Kombinatorik versagt.

Die Erzählung beginnt beim Schwimmunterricht: Im Wasser treiben mit dem Gesicht nach unten. Wie lange schafft es die Erzählerin, nicht zu atmen? 72 Sekunden sind es. Und wir erfahren ebenfalls sogleich, dass dieser Person, die so gut die Luft anhalten kann, schon früh das Label „Lesbe“ anhing. „Wann wusstest du es? Ich wusste es schon immer, und weiß es immer noch nicht.“ „Stimmt es, dass du lesbisch bist?“ Wie wichtig für die meisten Menschen Schubladen sind. Denn die Sache mit Lesbisch-sein bleibt tatsächlich eher ungeklärt und offen. Es dauert nämlich nicht lange und es tauchen begehrenswerte Jungs oder später junge Männer auf, verbunden mit der Mutmaßung:

Vielleicht ist mein sexuelles Verlangen einfach in zwei Hälften gespalten worden, und deshalb ist ‚bisexuell‘ so ein problematisches Wort. Es impliziert eine Ganzheit, die ich nie gefühlt habe. Ich fühle mich gelegentlich hetero, gelegentlich lesbisch.

Für die Mitmenschen scheint das weniger akzeptabel zu sein. Es stört empfindlich deren Schubladendenken, mit dem sie die Welt so übersichtlich wie möglich sortieren möchten, dazu garniert mit den ‚klassischen‘ Vorurteilen, wie etwa: „Du hast keine Auswahlkriterien für Sexualpartner, deine Tür steht immer offen.“ Trotzdem stellt sich für die Ich-Erzählerin die Frage, die so penetrant wie ein Juckreiz ist: „Warum musst du unbedingt mit all diesen Menschen ins Bett?“. Dass das Thema Sex ausgerechnet in dem der Qualle gewidmeten Kapitel ausführlich behandelt wird, hat wohl mit der Faszination für die Wandelbarkeit dieses Wesens zu tun. In Gefahr können sie sich zurückentwickeln, als würde sich ein Schmetterling wieder in den Kokon zwängen. Am Ende bleibt es in Sachen Sex bei der nüchternen Einsicht: „Eigentlich läuft es immer aufs Gleiche hinaus. Es sind Körper, die sich aneinander reiben. Hände und Münder. Bei den einen muss man am Sperma, bei den anderen an der Tamponschnur vorbeiarbeiten, aber vielmehr ist dann auch nicht, wirklich nicht.“

Doch ohne Emotionen geht es nicht, wie wäre das auch möglich bei der Lust oder der Beziehungsromantik. Genau davon lesen wir in dem Kapitel über den Anemonenfisch, bekannt auch als Clownfisch. Er nutzt das Gift der fleischfressenden Seeanemonen, um sich zu tarnen – eine für beide vorteilhafte Zusammenarbeit. Der kleine Fisch lockt andere Fische an, die ihn fressen wollen und in den giftigen Tentakeln der Anemone landen. Eine wahre Fress-Symbiose. Die beobachtende Erzählerin bekennt schließlich, dies sei so „scheußlich und herzerwärmend, wie die meisten intimen Beziehungen“. Noch mehr allerdings erstaunt die Tatsache, dass dieser Fisch sein Geschlecht verändert: „Man wird nicht als Frau geboren, man macht sich zur Frau, wenn es die Situation erfordert.“

Unter dem Stichwort „Schalenweichtier“ erfahren wir, wie die Erzählerin am Strand Schneckenhäuser sammelt, was das Meer noch so alles aus Urzeiten anspült und wie sie diese Sammelleidenschaft mit den Ausflügen ins Nachtleben mit ihrer Freundin Rosa vergleicht. Nur dass sie dort Männer sammeln mit dem Auswahlkriterium, dass sie gut küssen können. Dazu das Bekenntnis: „Endlich lebe ich das Leben, das ich mir immer vorgestellt habe. Ich bekomme das, was ich will, und ich bin verliebt, feingeschliffen, unabhängig, emotionslos.“ Dennoch kommt irgendwann wieder die Schubladen-Gesellschaft ins Spiel, die ihr Angst macht, denn: „Solange ich was mit einem Mann habe, bin ich Teil der Welt […]. Wenn ich mit einer Frau zusammen wäre, würde ich nicht mehr zu dieser beliebten Gruppe gehören, den normalen Menschen […]. Ich würde nicht mehr zählen.“

Vielleicht noch dieses Beispiel als eines für die Parabelhaftigkeit, die in Dekkers Roman so gern anvisiert wird: In das Kapitel „Seekuh“ startet die Erzählerin mit jener berühmten Geschichte, in der sich zwei junge Fische fragen, was denn Wasser sei. Zu finden ist das Original bei David Foster Wallace („Das hier ist Wasser“), wo es heißt: „‘Morgen Jungs. Wie ist das Wasser?‘ Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: ‚Was zum Teufel ist Wasser?‘“ Was nichts anderes sagen will, als dass die allgegenwärtigsten Tatsachen nicht selten diejenigen sind, die am schwersten zu erkennen und zu diskutieren sind. Und so resümiert die Autorin:

Was braucht es, damit man wird, wer man ist? / Diese Frage ist irrelevant, die Antwort darauf wird man nie bekommen. Es hat keinen Sinn, sich zu fragen, woher die Meere kommen, aber wenn man versteht, wie sich das Wasser verhält, kann man dahinterkommen, wo man sich befindet und in welche Richtung man sich bewegt.

Die Autorin führt uns durch ein gut gefülltes literarisches Archiv des Wissens und der Erfahrungen. In immer wieder neuen Anläufen navigiert sie durch die beiden Lebenswelten der Meeresbewohner und der Menschen, um sie auf Ähnlichkeiten abzutasten. Wer sich also darauf einlässt, der wird alles in allem mit einer spannenden, verblüffenden Lektüre reich beschenkt. Wozu Lisa Mensings sprachlich so überaus flexible Übersetzung sicherlich mit beiträgt.

Titelbild

Nikki Dekker: Tieftiefblau.
Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing.
Residenz Verlag, Salzburg 2026.
320 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783701718269

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